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Kunst aus dem Fleisch

Diesen Samstag wird Alfred Hrdlicka zu Grabe getragen. Ein dem Künstler persönlich verbundener Jesuit und Kunstexperte würdigt den Verstorbenen.

Einer der großen Bildhauer unserer Zeit ist tot. Mit 81 Jahren verstarb Alfred Hrdlicka am 5. Dezember in seinem Haus in der Wiener Dorotheergasse. Damit verlässt einer der großen Bildhauer des letzten Jahrhunderts die Schaffensbühne. Er war alles andere als ein Künstler, der in eigenen ästhetischen Höhen lebte. Im Gegenteil, er mischte sich regelmäßig in das gesellschaftliche Tagesgeschehen ein. Er verstand seine Zunft stets als Einbruch ins Leben. Was der Hammer dem Stein abtrotzte und in seiner Hand als Form einschlug, das führte er mit dem Zeichen- oder dem Radierstift weiter. Es waren Spuren des Lebens, die hinter alle Fassaden griffen. Als Humanist begriff er das Leben nicht als gegeben und hinzunehmend, sondern als eine permanente existenzielle Aufgabe, als eine menschliche Gestaltung des politischen Raums. Dieser Ansatz setzte sich aber nicht nur plastisch ins Material um, sondern führte stets den Bildgedanken ins Grafische weiter und letztlich ins kritisch-humane Denken zurück. Das war für ihn gestaltende Demokratie. Für ihn als Marxist, der er bis zum Ende seines Lebens war, und dessen Theorie und Praxis seine Identität ausmachte, war Leben immer reflektiertes Leben, Aufbruch und Ausbruch in den Streit um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Insofern gehören sein Denken, Schreiben und seine deutliche Rede zu seinem künstlerischen Schaffen hinzu. Dahinter stand der Alltag eines erweiterten Kunstbegriffs, noch ehe andere ihn zum dominierenden Kunstkonzept erhoben.

Geistigkeit der offenen Dialektik

Als erstes und in allem war Alfred Hrdlic-ka ein Humanist: als Marxist, glühender Antifaschist und als mutiger Zeitgenosse. Vielleicht darf man seine Geistigkeit eine offene Dialektik nennen, die sich nie in eine verdinglichte Vermittlung verlor, sondern stets für neue Formen der Verständigung offen blieb. Er war ein Mann des deutlichen und scharfen Wortes, das aber nie in Fanatismus abstürzte. Seine Einstellungen waren stets klar. Seine Gedanken verfügten über eine hohe Abstraktion, orientierten sich jedoch immer am humanen Menschenbild. Dahinter standen Idee und Erfahrung eines kultivierten Lebens, voll von Humor, Zuwendung und Charme. Er war von hoher Sensibilität, bis in die Selbstironie und weise Gelassenheit. Dabei verstand er sich nicht als Heiliger. Doch er war sich treu und kämpfte darum, sich hier immer selber näher zu kommen.

Alfred Hrdlicka lebte seine Kunst auf ihrer breiten Basis: Kunstgeschichte, Musik, Theater, Oper, Tanz, Literatur, Poesie … Er griff stets über alle Grenzziehungen hinaus. Das erlaubte ihm eine beeindruckend offene, strukturelle Offenheit zur Religion. „Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus!“ – „Alle Macht in der Religion geht vom Fleische aus!“ Die gleichen Prinzipien zielten für ihn in dieselbe Richtung. Den Glauben verstand er als Religion. Das Kreuz als ihr Zeichen. Die Passion und die Faust im Leiden als unvermittelte Anteilnahme.

Alfred Hrdlicka war nicht katholisch, aber religiös gründete er in dieser Art des Denkens, in der offenen Dialektik. Das schloss Distanzen nicht aus, zerstörte aber bleibende Verankerungen keineswegs.

In weiten Teilen sieht Alfred Hrdlicka allerdings die geschichtliche Praxis der Religion in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse verstrickt und ideologisch abgestützt; ja, sie selbst sei immer wieder von einer Huldigung an die Macht fasziniert. Schon früh streckt sich in einem seiner Werke, in den „Verliesen des Vatikans“ (1978), Hilfe suchend eine Hand dem alten und statisch in seinem Stuhl klebenden Papst entgegen. Sein „Giordano Bruno“ (1978) steht stellvertretend für viele Forscher und Wissenschaftler, denen eine starre Doktrin der Kirche zum Verhängnis wurde. Bereits zehn Jahre früher persifliert und karikiert er im „Scholastischen Disput“ (1969) Theologen und Scholastiker als theoretische Bodybilder bei ihren Turnübungen am Kreuz. Von Anfang an bildet der Vorwurf des Fanatismus und der kriegerischen Aggression den Höhepunkt seiner Religionskritik. Das bedeutet für Hrdlicka Abgrund und Pervertierung von Religion: Intoleranz, Verfolgung und Gewaltanwendung. Darum stellt er dem „christlichen Scharfrichter“ den „moslemischen“ gegenüber und macht dazu den Ausspruch: „Die Religionen bleiben sich nichts schuldig!“ Und während noch im Wiener Stephansdom der große Dankgottesdienst zur Befreiung Wiens von den Türken stattfindet, werden draußen in den Straßen die Besiegten gefoltert. Doppelmoral, Heuchelei, Unmenschlichkeit hat die Religion an vielen Orten diskreditiert.

Differenzierter Blick auf die Religion

Doch bei aller Kritik sah und sieht Hrdlicka die Religion durchaus differenziert. Er weiß dem Glauben an Gott durchaus positive Elemente abzugewinnen. In der „Christlichen Vision des Hauptmanns Axel Freiherr von dem Bussche“ (1974) deutet er an, dass die Religion in der Lage ist, im Menschen ungeahnte moralische Kräfte freizusetzen. Auch bemüht er sich um die Würdigung etwa der „Theologie der Befreiung“, der „Trutznachtigall“ des Friedrich von Spee oder der „Christlichen Soziallehre“ eines Oswald von Nell-Breuning. In diesen und anderen Fällen, vor allem aber am christlichen Widerstand gegen den Naziterror wird für ihn deutlich, dass religiöse Motivation und Reflexion Kritik und Widerstand gegenüber den gesellschaftlichen Realitäten zu leisten vermögen und durchaus auch auf die Emanzipation des Menschen festzulegen sind. Hier wird im Positiven wie andernorts am Negativen deutlich, dass die Evidenz des Christentums wie jegliche intellektuelle Authentizität bei Alfred Hrdlicka ihren Ort im Lebenszeugnis Einzelner besitzt.

Alfred Hrdlicka stand für mich am Beginn meines Engagements für die moderne Kunst in der Kirche. Ich habe von ihm stets viel Respekt und Ermutigung erfahren. An seiner Seite durfte ich ein Jahr in seiner Klasse lehren, wofür ich stand, den Glauben und die Kunst aus dem Fleisch. Großzügig ermutigte er mich zu einem Priestersein mit den Menschen, für Junge und Alte, für Arme und Entrechtete, für Suchende und Fragende. Er hat in mir den Aussteller erzogen und den sozialen Priester erweckt. Gemeinsam haben wir viele Ausstellungen gemacht. Seine vielleicht größte Geste war der Nachguss des Kreuzes am Grab seiner Eltern. Über dem Grab gehört doch das Kreuz, Pater!

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