Digital In Arbeit
Literatur

Lauter Mythen

1945 1960 1980 2000 2020

Julian Schutting besingt uralte Mythen und dient neueren.

1945 1960 1980 2000 2020

Julian Schutting besingt uralte Mythen und dient neueren.

Gründelnd, schäumend entsteigt eine Göttin dem Meer. Ein lüsterner, krampuszungenschwingender Faun inmitten bachstelzenhaft wippender Nymphen, "Tier-in-mir"-Rituale eines Göttervaters oder zerstochenes Heldenfleisch. Wie kurios sich der Mythos manchmal gebärdet. Obszönes, Heroisch-Grausames, ja Wahnwitziges setzt ihm seine Handschrift auf. Denn so manches übersteigt ganz klar die Trivialität der menschlichen Alltagslogik. Doch welche Begriffe auch in Form mythischer Erzählung konkrete Gestalt annehmen, man trifft unweigerlich auf Sedimente des Elementaren, kulturell und ideologisch überlagerte Fragmente menschlicher Seelenarchitektur. Nach wie vor gilt, dass "die Mythe lebt" und sich mit leiser Macht ins Erinnern schleicht, uns vererbt als das auch von Hühnern gefundene Körnchen an Märchenwahrheit, wie es bei Julian Schutting mit aufklärerischem Nachdruck heißt.

Schutting geht in seinem neuen Gedichtband zwei thematischen Spuren nach. Zunächst sind da Götter und Heroen, im kollektiven Gedächtnis fest verankerte mythische Gestalten, die zwischen Thanatos und Eros gezielt aus einer üppigen Stofflandschaft herausgegriffen werden; ein griechischer Block, den Schutting, bezogen auf die stilistische Vielfalt, mit den letzten Streichquartetten Beethovens vergleicht: "weil die Sprache oder Manier ... dem jeweiligen Gegenstand sich anschmiegen wollte". Da ist also Orpheus, der nach dem Verlust der Geliebten in den Hades hinabsteigt. Mit Lyra und Gesang rührt er die "Kaltschattigen", aber: "nicht darf einen einzigen Augenblick / innigster Blickberührung / da unten bei den Schatten / Totgeglaubtes mittriumphieren". Bei Schutting schwimmt Orpheus im Taucheranzug durch den Orkus und legt seiner "schattenlichten" Geliebten "durch die Raum- und Zeitdehnung Spuren", während sie sich langsam durch die ersten Phasen der Menschwerdung wächst.

Der Mythos ist in der Literatur zum Faszinosum geworden. Schutting spielt elegant damit, die Patina des Mythos anzukratzen, und begibt sich dabei sanft auf andere Pfade. Tradierte Bilder samt Accessoires werden gebeutelt und abgeklopft. Daraus erwachsen Fragen oder es tun sich Brüche und neue Ansichten auf. So rückt er dem Mythos kräftig ans Unterholz. Ob es um Penthesilea, Hektor oder Aphrodite geht, Schutting bricht seine lyrischen Texte gewitzt mit Ironie, in wohl geformter lyrischer Sprache. Dabei zeigt er keine Scheu vor dem derben Register, sondern bedient sich gewandt einer gegebenenfalls subtil verklauselten obszönen Sprache, wenn sich etwa Menelaus in gewagt überzeichneten Männerphantasien suhlt. Imaginierte Obszönität als Ventil für den verletzten Mann?

Im anderen Teil seines Lyrikbandes geht es um den populären Mythos Sisi, um die ungebrochene Macht einer fast mythisch verehrten Ikone, die auch im Herzen des Dichters "ein Wohnrecht" hat. Schutting begegnet der Kaiserin und ihren Eigenheiten mitunter fast liebevoll, wiewohl er sie, angeregt durch Brigitte Hamanns fundiertes Elisabeth-Buch, in einem differenzierten Licht poetisiert. Gezeigt wird eine von Zwängen bestimmte Frau, die in Exzentrik, Rebellion und Reisen flieht. "Kann sich hungernd / und turnend nicht satt sehen / an diesem Trugbild unendlicher Jugend". Die "schönheitstrunkene", kapriziöse Kaiserin plagt die Crux mit dem Älterwerden, und sie ist selbstverliebt, was sie Narziss an die Seite stellt. Dass die "erlauchte Zigeunerin", Heineliebhaberin und Dichterin sich auf Korfu einen Anker in den Arm tätowieren lässt, ist nur ein weiteres Indiz für ihre geheimen Ausbruchsversuche. Schuttings kreative, pointierte poetische Sprache dient der Balance zwischen Annäherung und kritischer Distanz. Ein interessanter und lohnender lyrischer Blick auf die einstige Kaiserin, die Schutting nicht als Heroine aufs Podest hebt, trotz "Sternenasche und Sternschmelze" im Schneewittchenhaar.

Dem Erinnern entrissen Von Julian Schutting, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001100 Seiten, geb., öS 208,-/e 15,12

Gründelnd, schäumend entsteigt eine Göttin dem Meer. Ein lüsterner, krampuszungenschwingender Faun inmitten bachstelzenhaft wippender Nymphen, "Tier-in-mir"-Rituale eines Göttervaters oder zerstochenes Heldenfleisch. Wie kurios sich der Mythos manchmal gebärdet. Obszönes, Heroisch-Grausames, ja Wahnwitziges setzt ihm seine Handschrift auf. Denn so manches übersteigt ganz klar die Trivialität der menschlichen Alltagslogik. Doch welche Begriffe auch in Form mythischer Erzählung konkrete Gestalt annehmen, man trifft unweigerlich auf Sedimente des Elementaren, kulturell und ideologisch überlagerte Fragmente menschlicher Seelenarchitektur. Nach wie vor gilt, dass "die Mythe lebt" und sich mit leiser Macht ins Erinnern schleicht, uns vererbt als das auch von Hühnern gefundene Körnchen an Märchenwahrheit, wie es bei Julian Schutting mit aufklärerischem Nachdruck heißt.

Schutting geht in seinem neuen Gedichtband zwei thematischen Spuren nach. Zunächst sind da Götter und Heroen, im kollektiven Gedächtnis fest verankerte mythische Gestalten, die zwischen Thanatos und Eros gezielt aus einer üppigen Stofflandschaft herausgegriffen werden; ein griechischer Block, den Schutting, bezogen auf die stilistische Vielfalt, mit den letzten Streichquartetten Beethovens vergleicht: "weil die Sprache oder Manier ... dem jeweiligen Gegenstand sich anschmiegen wollte". Da ist also Orpheus, der nach dem Verlust der Geliebten in den Hades hinabsteigt. Mit Lyra und Gesang rührt er die "Kaltschattigen", aber: "nicht darf einen einzigen Augenblick / innigster Blickberührung / da unten bei den Schatten / Totgeglaubtes mittriumphieren". Bei Schutting schwimmt Orpheus im Taucheranzug durch den Orkus und legt seiner "schattenlichten" Geliebten "durch die Raum- und Zeitdehnung Spuren", während sie sich langsam durch die ersten Phasen der Menschwerdung wächst.

Der Mythos ist in der Literatur zum Faszinosum geworden. Schutting spielt elegant damit, die Patina des Mythos anzukratzen, und begibt sich dabei sanft auf andere Pfade. Tradierte Bilder samt Accessoires werden gebeutelt und abgeklopft. Daraus erwachsen Fragen oder es tun sich Brüche und neue Ansichten auf. So rückt er dem Mythos kräftig ans Unterholz. Ob es um Penthesilea, Hektor oder Aphrodite geht, Schutting bricht seine lyrischen Texte gewitzt mit Ironie, in wohl geformter lyrischer Sprache. Dabei zeigt er keine Scheu vor dem derben Register, sondern bedient sich gewandt einer gegebenenfalls subtil verklauselten obszönen Sprache, wenn sich etwa Menelaus in gewagt überzeichneten Männerphantasien suhlt. Imaginierte Obszönität als Ventil für den verletzten Mann?

Im anderen Teil seines Lyrikbandes geht es um den populären Mythos Sisi, um die ungebrochene Macht einer fast mythisch verehrten Ikone, die auch im Herzen des Dichters "ein Wohnrecht" hat. Schutting begegnet der Kaiserin und ihren Eigenheiten mitunter fast liebevoll, wiewohl er sie, angeregt durch Brigitte Hamanns fundiertes Elisabeth-Buch, in einem differenzierten Licht poetisiert. Gezeigt wird eine von Zwängen bestimmte Frau, die in Exzentrik, Rebellion und Reisen flieht. "Kann sich hungernd / und turnend nicht satt sehen / an diesem Trugbild unendlicher Jugend". Die "schönheitstrunkene", kapriziöse Kaiserin plagt die Crux mit dem Älterwerden, und sie ist selbstverliebt, was sie Narziss an die Seite stellt. Dass die "erlauchte Zigeunerin", Heineliebhaberin und Dichterin sich auf Korfu einen Anker in den Arm tätowieren lässt, ist nur ein weiteres Indiz für ihre geheimen Ausbruchsversuche. Schuttings kreative, pointierte poetische Sprache dient der Balance zwischen Annäherung und kritischer Distanz. Ein interessanter und lohnender lyrischer Blick auf die einstige Kaiserin, die Schutting nicht als Heroine aufs Podest hebt, trotz "Sternenasche und Sternschmelze" im Schneewittchenhaar.

Dem Erinnern entrissen Von Julian Schutting, Otto Müller Verlag, Salzburg 2001100 Seiten, geb., öS 208,-/e 15,12