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Leben ohne Buchstaben

Die wenigsten Analphabeten trauen sich, offen über ihr Problem zu sprechen. Eine mutige Betroffene erzählt der furche trotzdem, wie ein Leben ohne Buchstaben funktioniert und wie sie es schafft, sich die Welt der Wörter doch zu eröffnen.

Annemarie Gedl wird diesen Artikel selber lesen. Die Buchstaben wird sie zu Wörtern zusammensetzen, die Wörter zu Sätzen. Sie wird dafür viel länger brauchen als andere, und bei manchen Begriffen wird sie die Hilfe ihres Lebensgefährten brauchen. Vielleicht wird sie auch die eine oder andere Pause einlegen, aber sie wird es schaffen. Und darauf wird sie sehr stolz sein.

Vor genau einem Jahr konnte die Niederösterreicherin nur ihren Namen schreiben. Und ein paar einfache Wörter wie "Haus" und "Baum". Sie kannte weder das gesamte Alphabet noch konnte sie rechnen - schon das Kleine Einmaleins bereitete Probleme. Dass sich das Leben der heute 52-Jährigen nun verändert, verdankt sie einem Kurs des Projektes "Basisbildung in Niederösterreich", das vom Land Niederösterreich und dem Arbeitsmarktservice finanziert und für die Teilnehmer gratis angeboten wird. Von August bis Dezember 2004 hat sie den ersten Kurs absolviert, war viermal in der Woche für drei Stunden mit viel Motivation dabei. Derzeit läuft gerade zweimal wöchentlich der Fortsetzungskurs, in dem die Teilnehmer in Kleingruppen ans Lesen, Schreiben und Rechnen weiter herangeführt werden.

Arbeiten statt lesen

In ihrem Elternhaus hat das niemand getan. Märchenbücher, Grusel- oder Abenteuergeschichten? Nein, so etwas gab es nicht auf dem Bauernhof im niederösterreichischen Innermanzing, auf dem das Adoptivkind Annemarie mit 13 anderen Buben und Mädchen aufgewachsen ist. Von ihrem siebten Lebensjahr an musste sie morgens vor der Schule in den Stall und aufs Feld, nach der Schule hatte sie sich um den Garten zu kümmern oder das Haus zu putzen. Zeit für Hausaufgaben blieb da wenig, und darum gekümmert hat sich auch niemand. Ebensowenig wie in der Schule selbst. Dass sie dem Unterricht nicht folgen konnte, sei dort schlicht und einfach egal gewesen, erzählt sie. "Den Lehrern hat es genügt, wenn ich von der Tafel abgeschrieben habe. Und das konnte ich ja auch gut." Die schöne Schrift, die sie sich damals angeeignet hat, hat sie bis heute. Das Problem war nur, dass sie dabei zwar gelernt hat, Buchstaben nachzumalen, nicht aber sie zu deuten.

Nur einmal hat der Direktor die Mutter dann doch in die Schule bestellt. "Danach gab es Prügel mit dem Gürtel." Sie wurde in die Sonderschule versetzt. Und auch hier fand es niemand nötig, sich darum zu kümmern, dass das Mädchen lesen und schreiben lernt. "Dabei hätte ich einfach nur jemanden gebraucht, der sich hinsetzt, mit mir übt und mich vielleicht auch manchmal ein bisschen motiviert", ist sie heute überzeugt. Stattdessen vermittelte ihr Umfeld ihr immer mehr das Gefühl, sie sei einfach zu dumm zum Lernen und es sei somit ohnehin "vergebene Liebesmüh'". Dass das nicht stimmt, weiß sie erst seit einem Jahr - seit sie im Kurs so unerwartet schnelle Fortschritte macht.

Als Annemarie Gedl nach der Schule erst in einem Blindenheim als "Mädchen für alles" und danach als Köchin in einem Gasthaus arbeitete, fehlte das Lesen und Schreiben nicht. Gekocht hat sie schließlich immer nach Gefühl, nicht nach Rezepten in irgendwelchen Kochbüchern. Mit der Zeit hat sie sich ein ausgezeichnetes Gedächtnis antrainiert und merkt sich zum Beispiel problemlos jede Telefonnummer.

Besonders schwierig und oft erniedrigend war in dieser Zeit die Suche nach Freunden und einem Partner: Wenn sie jemanden kennen lernte, verschwieg sie aus Scham ihr Problem, und wenn es dann doch ans Licht kam, erntete sie meist Hohn und Unverständnis. Andere ehrlich um Hilfe zu bitten traute sie sich daher nicht. Fahrpläne, Verträge, Formulare - ihre Ausrede war stets dieselbe: "Brille vergessen, leider." Hätte sie etwas ausfüllen oder unterschreiben müssen, nahm sie die Unterlagen mit nach Hause, und ihre Mutter sagte ihr, was sie unterzeichnen solle und was besser nicht. "Meinen Namen konnte ich ja schreiben." Später, als sie doch einen Partner gefunden hatte, machte der das für sie. Und so geriet sie von einer Abhängigkeit in die nächste.

Nach dem Tod ihres Partners und einer weiteren Beziehung lebt sie nun seit neun Jahren mit ihrem jetzigen Lebensgefährten Helmut zusammen. Er war der erste, der sie nie verspottet hat. Ihr Bruder hatte ihm von ihrem Analphabetismus erzählt. "Aber ich habe es ihm nicht geglaubt, weil er oft Schmäh führt und man nie weiß, was stimmt und was nicht", erzählt Helmut. "Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass jemand nicht lesen gelernt hat." Aber als sich dann herausstellte, dass der Bruder doch die Wahrheit gesagt hatte, war es ihm egal. "Ich habe mir mehr Sorgen darüber gemacht, ob die Annemarie mich mag als darüber, ob sie lesen kann", sagt er lachend.

Auch seine Eltern sind schnell draufgekommen. "Sie wollten mir in einem Zeitungsartikel etwas zeigen", erinnert sich Gedl, "legten ihn vor mich hin und sagten nichts ahnend: Schau mal - hast du das gelesen?" Annemarie fand die übliche Ausrede - ohne Brille sehe sie so schlecht und könne daher nichts lesen. Blöd nur, dass sie vor lauter Schreck über die drohende peinliche Situation vergessen hatte, dass sie die Brille auf der Nase hatte. "Da war dann auch den Schwiegereltern klar, dass ich nicht lesen kann." Verspottet haben sie Annemarie nicht. Und jetzt, wo sie so große Fortschritte macht, sind sie sehr stolz auf sie. "Als ich ihnen einen Text gezeigt habe, den ich selber geschrieben habe, hat die Schwiegermutter sogar angefangen zu weinen, so gerührt war sie." Und hat Annemarie ein Wörterbuch geschenkt, damit sie alles nachschlagen kann, wenn sie zuhause übt. Und das tut sie täglich.

Krimis, Freunde & mehr Mut

Annemarie Gedl macht dabei große Fortschritte. So manchen Zeitungsartikel hat sie inzwischen schon gelesen, wenn es auch noch mühsam und anstrengend ist. Und irgendwann wird sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllen - einen Krimi lesen. Aber am liebsten schreibt sie selber. Geburtstagskarten, Glückwunschgedichte, mit der Hand oder dem Computer.

Der Kurs eröffnet ihr jedoch nicht nur die Welt der Zahlen und Buchstaben. Er bot ihr auch erstmals ein Umfeld, in dem sie von Anfang an ohne Scheu so sein konnte wie sie war. Vor Leuten mit dem gleichen Problem musste sie sich nicht verstellen, sich keine Ausreden ausdenken, sich nicht schämen. Schnell sind dadurch auch Freundschaften entstanden. Und Selbstbewusstsein. Darum redet sie inzwischen auch über Analphabetismus. Mit einem klaren Ziel: "Ich will, dass die Leute aufhören, sich über Betroffene lustig zu machen." Denn sie hat gehört, dass die Zahl der Analphabeten in Österreich steigt - allein in Niederösterreich sollen mindestens 60.000 Menschen damit zu kämpfen haben. Die meisten verstecken sich, so wie sie selber früher. Und machen dabei gerade das durch, was sie endlich hinter sich hat.

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