Literatur

Leitungen in alle Richtungen

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Loblied auf Essays scheint unzeitgemäß in Zeiten von Kurztexten. Aber um das Denken zu provozieren, gilt es diese Form weiterhin einzufordern.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Loblied auf Essays scheint unzeitgemäß in Zeiten von Kurztexten. Aber um das Denken zu provozieren, gilt es diese Form weiterhin einzufordern.

Essaybände sind Überraschungspakete. Das gilt für viele Bücher, aber für Essays in besonderer Weise. Man weiß kaum, was einen erwartet, so unterschiedlich sind die Themen und Herangehensweisen oft in einem Band eines Autors, einer Autorin. Zadie Smith etwa, die im vergangenen Jahr mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wurde, versammelt in dem Band „Freiheiten“ Essays zur Gesellschaft ebenso wie zu Kunstwerken und Büchern. Ihr Schreiben versteht sie als „an der Schnittstelle dreier recht heikler, unsicherer Elemente: Sprache, Welt und Ich“: „Dieses Ich, dessen Grenzen unsicher bleiben, dessen Sprache niemals rein, dessen Welt in keiner Hinsicht ,offensichtlich‘ ist – das ist es, aus dem heraus, an das ich zu schreiben versuche.“

Dieses Ich führt die Leserin etwa durch London – und bemerkt plötzlich einen Zaun, der neuerdings eine Schule umgibt. Der Beobachtung schließen sich kritische Selbstreflexionen über die eigene Wahrnehmung an. Aber auch das Nachdenken über eine vorgeblich multikulturelle Stadt, die von so vielen Trennungen durchzogen ist, dass die Autorin sich fragt, „was für Haltungen eigentlich eine ganz andere Klasse von Menschen dazu befähigt haben, heimlich im Hintergrund die Fäden zu ziehen, die sicherstellen, dass ,die‘ und ,wir‘ uns niemals anderswo als im Symbolischen begegnen.“

Essays sind subjektive Versuche, sind auf Suche. Die Verfasser sind Teilnehmer und Beobachter zugleich. Es gibt keine gedanklichen Querverbindungen, die nicht erlaubt wären. Der Essay, so schrieb Theodor W. Adorno einst mit sprachlichem Furor in seinem Essay „Der Essay als Form“, „läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben.“ Und so gibt auch Schriftstellerin Siri Hustvedt in ihrem Vorwort zu: „Die Wahrheit ist, dass ich randvoll bin mit den nicht immer harmonischen Stimmen anderer Schreibender. Dieses Buch ist mehr oder weniger ein Versuch, mir einen Reim auf diese pluralen Perspektiven zu machen.“

Von ihren Erfahrungen des Aufeinandertreffens von Naturwissenschaften und Kunst gespeist sind ihre Essays, Reden und Vorträge, soeben im Band „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ erschienen. „Was macht präzises Denken aus?“, fragt Hustvedt dort. „Ist Zweideutigkeit gefährlich oder befreiend? Warum werden die Naturwissenschaften als hart und maskulin betrachtet, die Künste und Geisteswissenschaften dagegen als weich und feminin? Und warum wird hart gewöhnlich für so viel besser gehalten als weich?“

Offenheit und Skepsis

Nach Adorno hat der Essay „für seine Affinität zur offenen geistigen Erfahrung […] mit dem Mangel an jener Sicherheit zu zahlen, welchen die Norm des etablierten Denkens wie den Tod fürchtet. Nicht sowohl vernachlässigt der Essay die zweifelsfreie Gewißheit, als daß er ihr Ideal kündigt.“ Zweifel und Skepsis finden im besten Fall ihre Form in Perspektivwechsel und Pointierungen. So fordert der Essay das Mit- und Weiterdenken der Leserinnen heraus. Neugier ist seine treibende Kraft. „Ich hüte mich vor dem Absoluten in jeglichen Formen“, schreibt Hustvedt und stellt sich damit in die Tradition Michel de Montaignes, „je mehr ich weiß, desto mehr Fragen habe ich. Je mehr Fragen ich habe, desto mehr lese ich, und dieses Lesen bringt weitere Fragen hervor. Es hört nie auf. Was ich von den Lesern erwarte, ist Offenheit, Skepsis gegenüber Vorurteilen und eine Bereitschaft, mit mir an Orte zu reisen, wo der Boden steinig und die Ausblicke unscharf sein mögen, aber trotz oder vielleicht wegen dieser Schwierigkeiten Freuden gefunden werden können.“

Essaybände sind Überraschungspakete. Das gilt für viele Bücher, aber für Essays in besonderer Weise. Man weiß kaum, was einen erwartet, so unterschiedlich sind die Themen und Herangehensweisen oft in einem Band eines Autors, einer Autorin. Zadie Smith etwa, die im vergangenen Jahr mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wurde, versammelt in dem Band „Freiheiten“ Essays zur Gesellschaft ebenso wie zu Kunstwerken und Büchern. Ihr Schreiben versteht sie als „an der Schnittstelle dreier recht heikler, unsicherer Elemente: Sprache, Welt und Ich“: „Dieses Ich, dessen Grenzen unsicher bleiben, dessen Sprache niemals rein, dessen Welt in keiner Hinsicht ,offensichtlich‘ ist – das ist es, aus dem heraus, an das ich zu schreiben versuche.“

Dieses Ich führt die Leserin etwa durch London – und bemerkt plötzlich einen Zaun, der neuerdings eine Schule umgibt. Der Beobachtung schließen sich kritische Selbstreflexionen über die eigene Wahrnehmung an. Aber auch das Nachdenken über eine vorgeblich multikulturelle Stadt, die von so vielen Trennungen durchzogen ist, dass die Autorin sich fragt, „was für Haltungen eigentlich eine ganz andere Klasse von Menschen dazu befähigt haben, heimlich im Hintergrund die Fäden zu ziehen, die sicherstellen, dass ,die‘ und ,wir‘ uns niemals anderswo als im Symbolischen begegnen.“

Essays sind subjektive Versuche, sind auf Suche. Die Verfasser sind Teilnehmer und Beobachter zugleich. Es gibt keine gedanklichen Querverbindungen, die nicht erlaubt wären. Der Essay, so schrieb Theodor W. Adorno einst mit sprachlichem Furor in seinem Essay „Der Essay als Form“, „läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben.“ Und so gibt auch Schriftstellerin Siri Hustvedt in ihrem Vorwort zu: „Die Wahrheit ist, dass ich randvoll bin mit den nicht immer harmonischen Stimmen anderer Schreibender. Dieses Buch ist mehr oder weniger ein Versuch, mir einen Reim auf diese pluralen Perspektiven zu machen.“

Von ihren Erfahrungen des Aufeinandertreffens von Naturwissenschaften und Kunst gespeist sind ihre Essays, Reden und Vorträge, soeben im Band „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ erschienen. „Was macht präzises Denken aus?“, fragt Hustvedt dort. „Ist Zweideutigkeit gefährlich oder befreiend? Warum werden die Naturwissenschaften als hart und maskulin betrachtet, die Künste und Geisteswissenschaften dagegen als weich und feminin? Und warum wird hart gewöhnlich für so viel besser gehalten als weich?“

Offenheit und Skepsis

Nach Adorno hat der Essay „für seine Affinität zur offenen geistigen Erfahrung […] mit dem Mangel an jener Sicherheit zu zahlen, welchen die Norm des etablierten Denkens wie den Tod fürchtet. Nicht sowohl vernachlässigt der Essay die zweifelsfreie Gewißheit, als daß er ihr Ideal kündigt.“ Zweifel und Skepsis finden im besten Fall ihre Form in Perspektivwechsel und Pointierungen. So fordert der Essay das Mit- und Weiterdenken der Leserinnen heraus. Neugier ist seine treibende Kraft. „Ich hüte mich vor dem Absoluten in jeglichen Formen“, schreibt Hustvedt und stellt sich damit in die Tradition Michel de Montaignes, „je mehr ich weiß, desto mehr Fragen habe ich. Je mehr Fragen ich habe, desto mehr lese ich, und dieses Lesen bringt weitere Fragen hervor. Es hört nie auf. Was ich von den Lesern erwarte, ist Offenheit, Skepsis gegenüber Vorurteilen und eine Bereitschaft, mit mir an Orte zu reisen, wo der Boden steinig und die Ausblicke unscharf sein mögen, aber trotz oder vielleicht wegen dieser Schwierigkeiten Freuden gefunden werden können.“

Der Essay muss, um es noch einmal mit Theodor W. Adorno zu sagen, nicht bei Adam und Eva beginnen. Überraschung ist erlaubt und gewollt.

„Leitungen in alle Richtungen“ legt Tom McCarthy seinen Lesern mit dem Band „Schreibmaschinen, Bomben, Quallen“. Die Lektüre seiner Essays setzt freilich einige Literaturkenntnisse voraus, dann aber wird das Lesen zum Vergnügen. Selten bekommt man derart feingeschliffene und eigenständige Spuren in die Welt der Literatur gelegt. Erkenntnisgewinn und Genuss sind garantiert, wenn man etwa liest, wie in James Joycesʼ Roman „Ulysses“ die Logik der Buchhaltung „die Prosa selbst durchdrungen, sich bis in deren Skelett hineingefressen hat“.

Der Essay muss, um es noch einmal mit Adorno zu sagen, nicht bei Adam und Eva beginnen. Überraschung ist erlaubt und gewollt. McCarthys Essay zu Laurence Sternes Mitte des 18. Jahrhundert geschriebenem Roman „Tristram Shandy“ überrascht zu Beginn mit Flipper: „Alex Trocchi hat aufstrebenden Schriftstellern wärmstens empfohlen, ein Jahr lang abzutauchen und Flipper zu spielen. Ich fand immer, dass dies ein sehr guter Rat ist, jedoch konnte ich nie erklären, auch mir selbst nicht, warum er mir so sehr eingeleuchtet hat, bis –“ Während McCarthy sich schreibend diesem Buch über „Unterbrechungen, Umleitungen und Abweichungen, Seitenpfaden und Umwegen und schlichten Verzögerungen“ nähert, bringt er diese – und die typischen Sterneʼschen Interpunktionen – gleich selbst ins Spiel.

Zwar schreibt kaum ein Essayist derart grandios abschweifend wie Laurence Sterne (und würde dafür wohl auch selten Chefredakteure treffen, die das publizierten: Zu wenig achte eine solche wirre Schreibweise aufs Publikum, würden diese markthörig solchen Autoren sagen), aber was Tom McCarthy aus„Tristram Shandy“ zitiert, trifft wohl auch das Freischweifende des Essay schreibens: „,Könnte ein Geschichtsschreiber seine Geschichte so vor sich hertreiben wie ein Maultreiber den Maulesel – geradeaus …‘, sinniert Tristram wehmütig; ,doch in der Welt des Geistes ist das unmöglich, denn wenn unser Geschichtsschreiber ein Mann von auch nur ein wenig Geist ist, wird er fünfzig auf keine Weise vermeidliche Abweichungen mit der oder jener Gesellschaft, die er am Wege trifft, machen.‘“

Ein Loblied auf Essays scheint unzeitgemäß in Zeiten von Instagram- und Twitterkurztexten. Aber um das Denken zu provozieren, gilt es diese Form weiterhin einzufordern. Wir werden heute von Informationen erstickt, sagte die Anthropologin Rita Segato unlängst in ihrer Rede „Kraft des Ungehorsams“ zur Eröffnung der internationalen Buchmesse von Buenos Aires. „Daher ist die Fähigkeit so wichtig, als Autorin einen Weg in der Unmenge von Information, die uns erdrückt, zu wählen. Am Wichtigsten ist die Fähigkeit zu erkennen, was um uns herum vorgeht und nicht benannt ist, und nicht dem Essay abzuschwören, der die uns eigene Form zu argumentieren ist. Geben wir den Essay nicht auf – das ,Ich sage‘. Die Stimme des Essayisten ist unweigerlich eine Autorenstimme, die sich nicht hinter dem Alibi des Aufzählens von Information verbirgt.“

Freiheiten
Literatur

Freiheiten

Essays von Zadie Smith

Aus dem Engl. von Tanja Handels

Kiepenheuer & Witsch 2019

510 S., geb., € 26,80

Freiheiten
Literatur

Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen

Essay über Kunst, Geschlecht und Geist

Von Siri Hustvedt

Aus dem Engl. von Uli Aumüller und Grete Osterwald

Rowohlt 2019

524 S., geb., € 26,80

Freiheiten
Literatur

Schreibmaschinen, Bomben, Quallen

Von Tom McCarthy

Aus dem Engl. von Uwe Hebekus

diaphanes 2019

287 S., brosch., € 20,60