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Haltung bewahren!

Mitunter begegnen wir am Theater Figuren von so vibrierender Vielfältigkeit und Tiefe, daß selbst jene Konsumenten, die Aufführungen begegnen wie TV-Darbietungen (Knopf aus und so schnell wie möglich raus) nicht unberührt bleiben können.

Dazu braucht es nicht unbedingt Arthur Schnitzler, aber kaum ein anderer als er ist geeigneter, neue Grenzen zu setzen, wenn es einem Team gelingt, hinter gesellschaftlichem Gehabe und scheinbar manierierter Sprache die Abgründe menschlicher Seelenland-schaften zu entdecken, die er so unerbittlich schonungslos skizziert hat. Ohne Übertreibung kann man sagen, daß dies im Volkstheater vorher haltslos gelungen ist. , Dichtes Ensemblespie

Michael Gruners Inszenierung von Schnitzlers erstem großen Gesell-schaftsdrama „Der einsame Weg” erreicht in der Schilderung der Figurenpersönlichkeiten eine Differenziertheit, wie man sie höchst selten findet. Die jungen Herren Schnitzlers, die Verführer der süßen Mädels sind erwachsen geworden in diesem dunklen Seelen-Endspiel, alt und einsam. Ein Familiengefüge löst sich auf, der Tod der Mutter, nach dem das jahrelang gehütete Geheimnis einer falschen Vaterschaft ans Tagelicht kommt. Die Tochter, die ihr Herz an einen todkranken Mann gehängt hat, geht in den Tod.

Den Figuren des Stückes, verstrickt in ein Netz von Lebenslügen und Sehnsüchten, gelingt nur eines: Haltung zu bewahren. Das Toben der Emotionen und die innere Zerrissenheit trotzdem sichtbar zu machen, das gelingt wiederum den Schauspielern Im flexiblen, warm leuchtenden und dann wieder Todeskälte ausstrahlenden, auf platten Naturalismus verzichtenden Bühnenraum (Peter Schulz) entfaltet sich ein facettenreiches Spiel voll starker subtiler Ausdruckskraft, irritierenden Halbtönen, Zwiespältigkeiten und Ironien.

Im dichten Ensemblespiel brillieren vor allem Fritz Hammel in der Rolle des Felix, Franziska Sztavja-nik als seine Schwester, Michael Rastl, der den sich in späten Jahren an seinen Sohn Felix erinnernden Julian Fichtner verkörpert, so wie Wolfgang Hübsch (der todkranke Autor v. Sala) und die unnachahmliche Vera Borek als ehemalige Geliebte Fichtners. In weiteren Rollen : Rainer Frieb, Johanna Mertinz, Erwin Ebenbauer.

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