Im Alltäglichen etwas Besonderes sehen

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Lektorix des Monats: "Unsere Grube" von Emma Adbåge ist ein kluges Plädoyer für freies Spiel in und mit der Natur.

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Lektorix des Monats: "Unsere Grube" von Emma Adbåge ist ein kluges Plädoyer für freies Spiel in und mit der Natur.

Es ist eine bittere Tatsache: Während des Heranwachsens geht uns Menschen oft die Vorstellungskraft verloren, im Alltäglichen, scheinbar Nutzlosen etwas Besonderes zu sehen. Dazu zählt auch die Natur. Durch ihre Allgegenwart verliert sie für viele Menschen an Bedeutung, können viele ihren Nutzen, ihre Schönheit und ihre Lebenswichtigkeit nicht mehr erkennen. Das führt Emma Adbåge, eine der bekanntesten schwedischen Illustratorinnen, in ihrem neuen Bilderbuch vor allem den erwachsenen Vorlesenden vor Augen. Auf plakative Weise zeigt sie, dass Kinder kein Spielzeug brauchen, um spielen zu können. Ihre Fantasie ist groß genug, um im freien Spiel aus allem etwas zu machen.

Zunächst einmal wird aber auf dem Innentitel aus einer Gruppe von vier Kindern ein blondes Mädchen (das auch ein Bub sein könnte) mit einem Pfeil und dem Wort „ich“ identifiziert. Aus ihrer Perspektive wird – stellvertretend für eine ganze Klasse – die folgende Geschichte erzählt, deren Schauplatz sich gleich auf der ersten Doppelseite präsentiert: ein karger Schulhof in Grau – es scheint Herbst und früh am Morgen zu sein – mit drei Gebäuden, einem lieblos gestalteten Spielplatz und rechts oben im Bild die Grube, jener Ort, der titelgebend ist und für Konflikte sorgt.

Während sie für die Kinder in den Pausen ein Raum für Abenteuer ist, ihre Fantasie anfeuert und ihr freies Spiel in der Natur so vielfältig gestaltbar macht, birgt sie aus Sicht der Aufsichtspersonen nur Risiken. Sie versuchen, die Kinder mit Ballspielen aus der Grube zu locken, zählen Gefahren auf, die angeblich bis hin zum Tod reichen. Schön, dass die Kinder auf diese Übertreibungen klug kontern, sie sind ja nicht dumm. Ebenso gerissen agieren sie, als ein verletztes Kind – es stürzt abseits des vermeintlich gefährlichen Spielplatzes über den eigenen Schnürsenkel – den Erwachsenen einen Grund für ein ­Grubenverbot gibt: Sie spielen an deren Rand ­weiter.

Auf der Bildebene machen vor allem die dynamischen Körperhaltungen der Kinder – wie sie an Ästen hängen, laufen oder bauen – klar, mit wie viel Enthusiasmus sie sich dem Spiel hingeben. Und aussagekräftig ist auch die Haltung der Erwachsenen, wenn sie mit verschränkten Armen am Grubenrand stehend skeptisch zuschauen.

„Unsere Grube“ zeigt unterhaltsam, dass sich die Erwartungen Erwachsener nicht immer an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Und schlaue Kinder sich ihr Revier zu erobern wissen. Das Bilderbuch ist ein kluges Plädoyer für freies Spiel in und mit der Natur, die so viel zu bieten hat: „Mein Lieblingsplatz in der Grube ist ‚die große Wurzel‘. Da kann man wirklich alles spielen. Bärenmama, Hütte, Verstecken, Kiosk – alles!“

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