Schamlos - ©  Esra Røise / Thienemann-Esslinger

Kinder- und Jugendliteratur: Klartext reden, Position beziehen

1945 1960 1980 2000 2020

Unser Lektorix des Monats: "Schamlos" von Amina Bile, Sofia Nesrine Srour, Nancy Herz.

1945 1960 1980 2000 2020

Unser Lektorix des Monats: "Schamlos" von Amina Bile, Sofia Nesrine Srour, Nancy Herz.

Ihren Mund verdeckt eine rosarote Umschlagbanderole. Die junge Frau auf dem Cover von „Schamlos“ blickt mit dun­klen Augen, buschigen Augenbrauen und einem Tuch im Haar etwas verunsichert in die Kamera. Entfernt man die Banderole, kommt darunter das ganze Porträt zum Vorschein. Nun streckt sie selbstbewusst einen Mittelfinger in die Kamera, ihre Lippen sind knallrot geschminkt, sie trägt Nagellack. Das Tuch wird plötzlich als Reminiszenz an die feministische Arbeiterinnen-Ikone Rosie the Riveter lesbar.

Die äußere Aufmachung des Buches, nah an der Pinkifizierung, ist symbolisch für den Inhalt: Alles, was man von jungen Musliminnen zu wissen glaubt, wird relativiert, wenn man sie zu Wort kommen lässt und ihnen zuhört. Gleichzeitig reiht es sich in die Tradition der seit einigen Jahren populär werdenden feministischen Ratgeber für junge Mädchen ein. Allerdings mit neuen Stimmen: jenen von in Norwegen lebenden jungen Muslimas.

Ratgeber für Mädchen

Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz sind Muslimas, Bloggerinnen, Feministinnen – und sie beziehen in ihrem Ratgeber, der sich vor allem an Mädchen ab zwölf Jahren richtet, deutlich Position: dazu, wie es sich anfühlt, den Erwartungen von Familie, Freundinnen und Gesellschaft entsprechen zu müssen; dazu, wie schwierig es ist, zwischen Mehrheitsgesellschaft- und Minderheitszugehörigkeit zu pendeln; zum Hidschab und gegen ihn. Sie trauen sich sogar, Klartext zu reden, wenn es um den Mythos des Jungfernhäutchens geht.

Die kurzen Textformate – Pro- und Contra-Listen, Interviews und Twitter-ähnliche Einträge – überzeugen allesamt mit ihrer Direktheit und Energie. Nicht nur für muslimische Mädchen werden vor allem die acht Geschichten interessant sein, in denen Muslimas davon erzählen, wie sie soziale Kontrolle am eigenen Leib erfahren haben und wie ihr Umfeld die Begriffe „Ehre“, „Scham“ und „Schande“ sys­tematisch einsetzte, um sie in ihrer individuellen Entfaltung einzuschränken.

Bemerkenswert ist schließlich die Fotostrecke im Buch, die die Autorinnen im Großformat zeigt und als entschlossene und selbstbewusste Frauen in Szene setzt. Ein Foto ziert die Parole „Ratschlag für ehrbare Mädchen: lach nicht so laut.“ Amina Biles, Sofia Nesrine Srours und Nancy Herzs lachende Münder stehen demgegenüber weit offen.

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