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Monica Hesse: Das verlorene Familienalphabet

Literarische Auseinandersetzungen mit der Schoa beschreiben oft Themen wie Deportation und Konzentrationslager, viele dieser Texte enden mit dem Kriegsende, wobei ja das Leiden und Sterben jüdischer Menschen damit nicht plötzlich endete. Im Gegensatz dazu widmet sich die US-amerikanische Autorin Monica Hesse in ihrem neuen Jugendroman der Zeit danach: Zofia Lederman, die 18-jährige polnische Ich-Erzählerin, lässt sich nach der Befreiung aus dem KZ Groß-Rosen relativ schnell aus dem Krankenhaus entlassen, um nach ihrem jüngeren Bruder Abek zu suchen, dem Einzigen aus ihrer Familie, von dem sie weiß, dass er an der Rampe in Auschwitz nicht nach links, also direkt in die Gaskammer, gehen musste. Diese Suche führt sie nach Föhrenwald, in ein deutsches Camp für Displaced Persons: ein Ort, an dem vorwiegend junge Juden und Jüdinnen Pläne für ihre Zukunft, etwa die Emigration nach Palästina, schmieden.

Zofias Familie hatte eine Textilfabrik, sie selbst kann gut sticken und nähte lieben Menschen gerne heimlich Botschaften ein: So ist in jenen Mantel, den ihr Bruder bei der Deportation trug, ein kleines Stoffstück mit einem Alphabet der Familie eingenäht, von A wie Abek bis Z wie Zofia. Dieses Alphabet, das also einen sehr haptischen Aspekt der Weitergabe von Tradition ebenso beinhaltet wie einen sehr intellektuellen, wird zum Leitmotiv des ungemein spannend erzählten Romans, der die Unklarheit, was nun tatsächlich mit Abek passiert ist, fast thrillermäßig einzusetzen weiß.

Im Camp beginnt Zofia eine Liebesbeziehung mit dem schweigsamen Josef, begleitet von einem leisen Unbehagen, dass irgendetwas anders sein muss, als er sagt. Diese offenen Fragen wiederum charakterisieren sehr stimmig die Verfasstheit jener jungen Erwachsenen, von denen erzählt wird: Sie sind einerseits schwer traumatisiert von dem, was ihnen angetan wurde, andererseits aber auch voller Entschlossenheit, ihr Leben nun sinnvoll und selbstbestimmt zu gestalten. Am Ende des Textes werden beide Geheimnisse, jenes um Abek und jenes um Josef, auf sehr überraschende Weise aufgedeckt. Zofia bleibt die schmerzhafte, aber auch klärende Erkenntnis, dass jenes ursprünglich gestickte Alphabet jener Familie, in die sie hineingeboren wurde und die nicht mehr existiert, für immer verloren ist. Es liegt an ihr, ein neues Alphabet zu schreiben – zusammengesetzt aus all jenen Menschen und Orten, die ihr im Leben danach heilsam begegnet sind.

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