Lektorix

„Papierklavier“ – Text, Skizzen und Kalligrafie

1945 1960 1980 2000 2020

Elisabeth Steinkellners neuer Roman ist mehr als ein fiktives Tagebuch: vielgestaltig, kantig und stimmig.

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Elisabeth Steinkellners neuer Roman ist mehr als ein fiktives Tagebuch: vielgestaltig, kantig und stimmig.

Das Phänomen der Selbstinszenierung in Blogs, Live-Journals, auf ­Instagram & Co. mag das klassische Tagebuch zwar ersetzt haben, hat mit dessen Zielsetzung aber nichts gemein. Dient die Selbstinszenierung im Internet doch vor allem dazu, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erhaschen, Tagebucheinträge hingegen werden diesseits der Öffentlichkeit und ohne Wunsch einer Veröffent­lichung verfasst, sind also nicht Selbstdarstellung, sondern Reflexion.

Dass das fiktive Tagebuch gegen den digitalen Trend noch nicht aus der Mode­ gekommen ist, beweist Elisabeth Steinkellner mit ihrem neuen Roman „Papierklavier“. „Niemals würde ich zwei Menschen, die mich im echten Leben wirklich mögen, gegen Hunderte sogenannter Freunde tauschen wollen, die mich gar nicht richtig kennen.“ Dieser Eintrag in das fiktive Tagebuch der 16-jährigen Maia macht dann wohl auch den Standpunkt und die Haltung nicht nur der Heldin, sondern auch der Autorin klar.

Einladung zum Innehalten

Dabei geht dieser Roman über die klassische Tagebuchform hinaus. Die Kombination aus Text, Skizzen und kalligrafischen Elementen ist vielgestaltig, kantig und stimmig. Das Lesen der analogen in Mint und Schwarz gehaltenen Zeichnungen verlangt genauso viel Zeit und Lese­engagement wie der wunderbare Text. Nicht selten hat die Illustratorin mehrere Bildebenen übereinandergelegt, was den Lesefluss verlangsamt und zum Inne­halten und Betrachten einlädt. Auf der fiktiven Ebene stammen die Illustrationen aus der Feder der Tagebuchverfasserin.

Der ständige Wechsel der Textsorten (Rätsel, Listen, Dialoge ...) bricht die klassische Erzählform. In den vielgestaltigen knappen Texten erfährt man schon zu Beginn einiges über die Protagonistin: Sie scheint noch Jungfrau zu sein, ist Feminis­tin, lebt in ärmlichen Verhältnissen, ist ­eine talentierte Zeichnerin, Autorin und Kalligrafin und ist klug und witzig.

Der unmittelbare Anlass des Schreibens ist der plötzliche Tod von Oma Sieglinde, die Nachbarin, gute Seele und Vertraute der Familie gewesen war. Weil Oma Sieglinde die alleinerziehende Mama von Maia und ihren Schwestern auch finanziell unterstützt hat, führt ihr Tod nicht nur zu Trauer, sondern auch zu sehr konkreten Ängsten. Nicht nur die prekäre Lebenssituation aber ist ein Thema, sondern auch Maias Freundschaft zu Alex und Carla (manchmal Engelbert). Warum Maia im schulischen Umfeld als Klassenfreak tituliert wird, ist nicht nur ihr selbst ein Rätsel, erweist sie sich doch als selbstbewusste, hilfsbereite, intelligente, witzige, offene und kritische junge Frau. Ob allein ihre Kleidergröße 42 der Grund dafür ist, bleibt ebenso offen wie die Zukunft von Maia und ihrer Familie. Dass Oma Sieglinde ihnen die Rechte an einem Musikstück vererbt hat, lässt allerdings Besseres vermuten.

Maias Resümee: Ihr Leben ist alles andere als perfekt, aber eindeutig schön.

Und das Fazit der Rezensentin? Über eine Gemeinsamkeit des fiktiven Tagebuchs mit der modernen Form der Selbstdarstellung im Internet kann man sich in diesem Fall freuen: Es ist ein Zeugnis des Schreibens um des Schreibens willen und doch ein für eine Leserschaft verfasster Text.