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Literatur

Letztlich Geht Es Um Den Himmel

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Hölle, das sind die anderen" ("L'enfer, c'est les autres"): Kein Satz wurde -erwartbarer-und angekündigterweise - so oft beim diesjährigen Philosphicum Lech zitiert, wie jener aus Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" ("Huis clos"). Und auch mehrfach gegen ein mögliches Missverständnis im misanthropischen Sinne in Schutz genommen: Nicht um eine Frontstellung des Individuums gegen eine ihm feindliche Außenwelt ("die anderen") geht es, sondern darum, dass wir einander immer wieder "die Hölle" sind, einander das Leben zur Hölle machen.

Man muss nicht das pessimistische Menschenbild Sartres teilen, um dem -zumindest notgedrungen - zuzustimmen. Die Hölle, im christlichen Kontext der Ort ewiger Verdammnis, ist zur Chiffre des Unerträglichen geworden, mit dem auch und gerade der moderne Mensch zu leben gelernt hat bzw. leben lernen musste: von privatem und beruflichem Elend über die Abgründe sozialer Netzwerke bis hin zur Hydra des Terrors. Vielfältig sind die Höllen unserer Tage - und von manchen bzw. einigen ihrer Ausprägungen konnte Sartre (1905-1980) noch nicht einmal etwas ahnen.

Heulen und Zähneknirschen

Alle gegenwärtige Rede aber über Höllen auf Erden speist sich letztlich aus der christlichen Tradition, ist von jener - und sei es in der radikalen Negation -nicht zu trennen (wobei natürlich auch christliche Jenseitsvorstellungen ihrerseits unterschiedliche kulturelle Quellen aufgenommen haben, wie denn auch nicht ). Geschichts-und wirkmächtig wurden Stellen wie die folgende: "Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen." (Mt 13,41 f.). Und natürlich die große "Gerichtsrede"(Mt 25,31-46), Vorlage für Michelangelos "Jüngstes Gericht", wo es dann über die "Verdammten" heißt: "Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!" (25,41). Drastische Worte, gewiss, welche die Ernsthaftigkeit der Nachfolge Jesu deutlich machen sollen.

Bleibt die Hölle leer?

Im Lauf der Kirchengeschichte wurden diese Narrative dennoch erweitert und mit schier endloser Fantasie und Kreativität ausgeschmückt. Nichts konnte quälend und furchterregend genug erscheinen, um als Höllendrohung die kirchliche Botschaft vom rechten Glauben bzw. die Warnung vor dem Abfall von diesem anschaulich zu vermitteln. Insbesondere die Bildende Kunst gibt beredt Zeugnis davon, wie etwa auch der Schweizer Theologe Josef Imbach in seinem Vortrag beim Philosophicum anhand unzähliger Beispiele darlegte. "Wer sich in die diesbezügliche Predigtliteratur vertieft, verfällt fast notwendigerweise auf den Gedanken, dass der Himmel vor allem in der Schadenfreude bestehe, welche die Geretteten angesichts des Loses der Verdammten empfinden, die am Ende für jene sündigen Erdenfreuden bestraft werden, um die die Frommen sie zeitlebens beneideten", spottete Imbach sanft.

Heute beschäftigt das nur noch theologisch Interessierte. Als eine Art theologische Kompromissformel kann wohl gelten, bei der Hölle handle es sich um eine "reale Möglichkeit", verbunden mit der Hoffnung, diese könnte am Ende doch leer sein. In den Worten Imbachs: "Die Hölle ist also nicht eine bloße Fiktion, die nur dazu dient, die Menschen zu einem halbwegs christlichen Leben zu bewegen. Sie ist aber auch keine absolute Wirklichkeit, insofern wir nicht behaupten können, dass auch nur ein einziger Mensch 'in der Hölle' ist."

Heruntergebrochen auf das Verständnis eines Durchschnittschristen dürfte das in etwa dem Lied "Wir kommen alle in den Himmel" entsprechen. Aber wer weiß, vielleicht stimmt es ja auch Um den Himmel jedenfalls geht es tatsächlich. Immer, im Kleinen, Alltäglichen - und im Letzten. Jeder, der in welcher Weise auch immer die Hölle auf Erden durchmacht, hofft auf einen Silberstreif am Horizont -wie Beethovens Leonore: "so leuchtet mir ein Farbenbogen, / der hell auf dunkeln Wolken ruht: / der blickt so still, so friedlich nieder, / der spiegelt alte Zeiten wider, / und neu besänftigt wallt mein Blut." Oder er hat sich in die Hölle etwa der Sucht begeben, weil er nur dort den Himmel zu finden vermeint (siehe dazu Seite 6).

Und auch die biblische bzw. spätere kirchliche Höllenrede war gerade in ihrer Drastik performative Rede, sprich: Hölle und Himmel stehen einander nicht einfach als zwei Optionen gegenüber, sondern die Hölle soll veranschaulichen, was aus Sicht des Glaubens auf dem Spiel steht: alles.

Eines freilich ist der Himmel nie: billig zu haben -nicht sein Vorschein auf Erden und nicht (für die, die daran glauben) der wahre Himmel. Das ist in spätreifen, saturierten Gesellschaften vermutlich noch schwieriger zu vermitteln als sonst schon. Es braucht dafür Ausdauer, Beharrlichkeit, Treue, die Bereitschaft zur Niederlage, den Willen zur Anstrengung. Im Prinzip ist es nichts anderes als die Lehre vom breiten und vom schmalen Weg der "Bergpredigt":"Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn."(Mt 7,14).

Weit aufgespannter Horizont

Im Unterschied zu unseren kleinen und großen Kämpfen "in hac lacrimarum valle" ("in diesem Tal der Tränen", wie es im Salve Regina heißt) ist die finale Entscheidung im christlichen Sinne der Verfügbarkeit des Menschen entzogen. Wohl kennt die Theologie die Möglichkeit einer Letztentscheidung für oder gegen Gott, Erlösung aber ist hier immer Gnade.

Vielleicht lässt sich unter diesem weit aufgespannten Horizont manch Unerträgliches leichter ertragen -über Jahrhunderte war es für Menschen ohne Zahl jedenfalls so (ohne dass man deswegen die Unerträglichkeiten, die unter diesem Himmel geschahen, kleinreden dürfte). Oder, um einen alten Gedanken des Essayisten Rüdiger Safranski zu paraphrasieren: Es könnte sein, dass das irdische Leben -mit all seinen Höllen -leichter war, als man noch mit dem Himmel rechnete.

HINWEIS 23. Philosophicum Lech 2019 Die Werte der Wenigen. Eliten und Demokratie 25. bis 29. September 2019 Anmeldungen ab April 2019 www.philosophicum.com

Die Hölle, das sind die anderen" ("L'enfer, c'est les autres"): Kein Satz wurde -erwartbarer-und angekündigterweise - so oft beim diesjährigen Philosphicum Lech zitiert, wie jener aus Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" ("Huis clos"). Und auch mehrfach gegen ein mögliches Missverständnis im misanthropischen Sinne in Schutz genommen: Nicht um eine Frontstellung des Individuums gegen eine ihm feindliche Außenwelt ("die anderen") geht es, sondern darum, dass wir einander immer wieder "die Hölle" sind, einander das Leben zur Hölle machen.

Man muss nicht das pessimistische Menschenbild Sartres teilen, um dem -zumindest notgedrungen - zuzustimmen. Die Hölle, im christlichen Kontext der Ort ewiger Verdammnis, ist zur Chiffre des Unerträglichen geworden, mit dem auch und gerade der moderne Mensch zu leben gelernt hat bzw. leben lernen musste: von privatem und beruflichem Elend über die Abgründe sozialer Netzwerke bis hin zur Hydra des Terrors. Vielfältig sind die Höllen unserer Tage - und von manchen bzw. einigen ihrer Ausprägungen konnte Sartre (1905-1980) noch nicht einmal etwas ahnen.

Heulen und Zähneknirschen

Alle gegenwärtige Rede aber über Höllen auf Erden speist sich letztlich aus der christlichen Tradition, ist von jener - und sei es in der radikalen Negation -nicht zu trennen (wobei natürlich auch christliche Jenseitsvorstellungen ihrerseits unterschiedliche kulturelle Quellen aufgenommen haben, wie denn auch nicht ). Geschichts-und wirkmächtig wurden Stellen wie die folgende: "Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen." (Mt 13,41 f.). Und natürlich die große "Gerichtsrede"(Mt 25,31-46), Vorlage für Michelangelos "Jüngstes Gericht", wo es dann über die "Verdammten" heißt: "Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!" (25,41). Drastische Worte, gewiss, welche die Ernsthaftigkeit der Nachfolge Jesu deutlich machen sollen.

Bleibt die Hölle leer?

Im Lauf der Kirchengeschichte wurden diese Narrative dennoch erweitert und mit schier endloser Fantasie und Kreativität ausgeschmückt. Nichts konnte quälend und furchterregend genug erscheinen, um als Höllendrohung die kirchliche Botschaft vom rechten Glauben bzw. die Warnung vor dem Abfall von diesem anschaulich zu vermitteln. Insbesondere die Bildende Kunst gibt beredt Zeugnis davon, wie etwa auch der Schweizer Theologe Josef Imbach in seinem Vortrag beim Philosophicum anhand unzähliger Beispiele darlegte. "Wer sich in die diesbezügliche Predigtliteratur vertieft, verfällt fast notwendigerweise auf den Gedanken, dass der Himmel vor allem in der Schadenfreude bestehe, welche die Geretteten angesichts des Loses der Verdammten empfinden, die am Ende für jene sündigen Erdenfreuden bestraft werden, um die die Frommen sie zeitlebens beneideten", spottete Imbach sanft.

Heute beschäftigt das nur noch theologisch Interessierte. Als eine Art theologische Kompromissformel kann wohl gelten, bei der Hölle handle es sich um eine "reale Möglichkeit", verbunden mit der Hoffnung, diese könnte am Ende doch leer sein. In den Worten Imbachs: "Die Hölle ist also nicht eine bloße Fiktion, die nur dazu dient, die Menschen zu einem halbwegs christlichen Leben zu bewegen. Sie ist aber auch keine absolute Wirklichkeit, insofern wir nicht behaupten können, dass auch nur ein einziger Mensch 'in der Hölle' ist."

Heruntergebrochen auf das Verständnis eines Durchschnittschristen dürfte das in etwa dem Lied "Wir kommen alle in den Himmel" entsprechen. Aber wer weiß, vielleicht stimmt es ja auch Um den Himmel jedenfalls geht es tatsächlich. Immer, im Kleinen, Alltäglichen - und im Letzten. Jeder, der in welcher Weise auch immer die Hölle auf Erden durchmacht, hofft auf einen Silberstreif am Horizont -wie Beethovens Leonore: "so leuchtet mir ein Farbenbogen, / der hell auf dunkeln Wolken ruht: / der blickt so still, so friedlich nieder, / der spiegelt alte Zeiten wider, / und neu besänftigt wallt mein Blut." Oder er hat sich in die Hölle etwa der Sucht begeben, weil er nur dort den Himmel zu finden vermeint (siehe dazu Seite 6).

Und auch die biblische bzw. spätere kirchliche Höllenrede war gerade in ihrer Drastik performative Rede, sprich: Hölle und Himmel stehen einander nicht einfach als zwei Optionen gegenüber, sondern die Hölle soll veranschaulichen, was aus Sicht des Glaubens auf dem Spiel steht: alles.

Eines freilich ist der Himmel nie: billig zu haben -nicht sein Vorschein auf Erden und nicht (für die, die daran glauben) der wahre Himmel. Das ist in spätreifen, saturierten Gesellschaften vermutlich noch schwieriger zu vermitteln als sonst schon. Es braucht dafür Ausdauer, Beharrlichkeit, Treue, die Bereitschaft zur Niederlage, den Willen zur Anstrengung. Im Prinzip ist es nichts anderes als die Lehre vom breiten und vom schmalen Weg der "Bergpredigt":"Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn."(Mt 7,14).

Weit aufgespannter Horizont

Im Unterschied zu unseren kleinen und großen Kämpfen "in hac lacrimarum valle" ("in diesem Tal der Tränen", wie es im Salve Regina heißt) ist die finale Entscheidung im christlichen Sinne der Verfügbarkeit des Menschen entzogen. Wohl kennt die Theologie die Möglichkeit einer Letztentscheidung für oder gegen Gott, Erlösung aber ist hier immer Gnade.

Vielleicht lässt sich unter diesem weit aufgespannten Horizont manch Unerträgliches leichter ertragen -über Jahrhunderte war es für Menschen ohne Zahl jedenfalls so (ohne dass man deswegen die Unerträglichkeiten, die unter diesem Himmel geschahen, kleinreden dürfte). Oder, um einen alten Gedanken des Essayisten Rüdiger Safranski zu paraphrasieren: Es könnte sein, dass das irdische Leben -mit all seinen Höllen -leichter war, als man noch mit dem Himmel rechnete.

HINWEIS 23. Philosophicum Lech 2019 Die Werte der Wenigen. Eliten und Demokratie 25. bis 29. September 2019 Anmeldungen ab April 2019 www.philosophicum.com