7102947-1995_18_23.jpg
Digital In Arbeit

Literaten als religiöse Querdenker interpretiert

Seitensprünge sind verboten -vor allem in der Religion: Wer seiner Neugier folgt, andere Religionen oder gar Götter aufsucht und ihren Lehren auch nur teilweise zuneigt, macht sich schuldig. Solche Seitensprünge nennt die Welt der Gelehrten Synkretismus - und der ist meist negativ besetzt. Wer Religionen vermischt, macht sich in jedem Fall verdächtig, es mit der angestammten nicht ganz ernst zu nehmen. Wer Religionen vermischt, setzt sich dem Verdacht der „Kollaboration” aus, unzuverlässig zu sein, den falschen Propheten zu glauben.

Europäische Literatur ist in diesem Sinne synkretistisch, seit es sie gibt. Sie spielt mit den Formen, die vielleicht von den Arabern, Griechen, Juden, Germanen, Persern, heutzutage Indern, Chinesen und Japanern, aber auch Afrikanern und Latinos stammen; sie erzählt Geschichten, deren Implikationen und Deutungsmöglichkeiten unabsehbar und deshalb unkontrollierbar sind. Wie so oft ängstigt solche Unkontrollierbarkeit - aber sie ist nicht alles, was an diesem Phänomen entdeckt werden sollte.

Hält man den Dialog der Religionen nicht nur für erlaubt, sondern prinzipiell für wünschenswert und geboten, kann die Geschichte der europäischen Literatur - wie übrigens auch in Teilen der Philosophie und Theologie - als ein Laboratorium angesehen werden, in dem die Möglichkeiten des Gesprächs unter Fremden längst erprobt wurden,

freilich in einer Sprache, die sich der ~„i„i,..t™ n—;'i;„ui™.

tierung und theologischen Klassifizierung meist entzieht. Es sind bestenfalls Versuchsanordnungen, die sich in der literarischen Tradition als exemplarisch herauskristallisierten.

Peter Goergen, Germanist und Theologe, stellt zwei Variationsreihen solcher „Seitensprünge” religiöser Querdenker vor. In der ersten -reichend ins 19. Jahrhundert - überwiegt die Vorstellung der Religion eines antik-heidnischen Arkadien, in dem Freiheit gesucht wird, die die Kirchenlehre zu verbieten scheint: Freiheit der Sinne, des Denkens, gegen Leibfeindlichkeit und Dogmatismus der Kirchen.

Liebe als göttliches Ereignis

Der Autor deutet zum Beispiel Heinrich von Kleists Amphytryon in aller ironischen Verfremdung als ein Ideal des Menschen, der im Gegenzug zu Jupiter „seine Möglichkeiten erschöpfend erfüllt hat'. Als der Geliebte erscheint, deutet Alkmene die gelungene Beziehung zum anderen als ein göttliches Ereignis - auch der Olymp ist öde ohne Liebe.

Der Jude Heinrich Heine hat gegen Ende seines Lebens die Bibel bewußt als Trostbuch gelesen - freilich ist diese Lektüre in all ihrer Gebrochenheit und Zwiespältigkeit zu verstehen. Bei Heine kann man die Chance der Situation exemplarisch ablesen: sie eröffnet Wahrheit in der Religion , weil sie nicht mehr an die seine bindet. Gut ist Religion dann, in die sich Sehnsüchte projizieren lassen, geprägt durch die eigene Biographie. Man kann Heines Wandlung zum Glauben als satirisches c„;„i ____i u_____n*„ ü----u----

stellen - die Religionskritik von Marx wird bewußt übernommen; aber vielleicht zeigt das heitere Spiel der Freiheit des Umgangs mit den Bildern der Religion, daß deren Machtanspruch obsolet geworden ist, wiewohl ihre Verführungsmacht und Suggestivkraft bleibt - wie das Lied der Nachtigall.

Neben „Bemerkungen zu Oberlin, Büchner und Lenz” und Wilhelm von Humboldt, den aufgeklärten Heiden, sind die Interpretationen zu Hölderlin hervorzuheben. Was im Leben - mit seiner Geliebten - nicht gelingen konnte, sollte sich in der Dichtung ereignen: Verschmelzung der Sphären, der Sprachen, der Religionen. Unter den Göttlichen findet sich der Beste - auch andere Götter sind nah; aber durch Christus wird die Erde zum utopischen Ort, Heimat dem Menschengeist: Mnemosy-ne, Erinnerung an die Religion der Alten, aber auch an die Mutter der Musen, den Ursprung der Künste.

Neuer Anfang ohne Kirchen

Was bei Heine ironisch-ernstes Spiel, bei Humboldt breites Wissen ist, drängt bei Hölderlin als persönliches Glaubensproblem heraus. Im Grunde steht die Frage des Humanismus an: Wie kann man an den einzigen Christus und an die vielen Götter zugleich glauben?

In der zweiten Variationsreihe mit Schriftstellern des 20. Jahrhunderts scheinen die fremden Religionen der Ort, an dem nach der Religionskritik der Aufklärung neu nach religiöser Erfahrung gesucht wird. Auch dieser

Neuanfang verzichtet auf die Kir-„i—

Etwa wenn Marie Luise Kaschnitz in einem der letzten Gedichte dreifach erwägt, die christlichen Hoffnungen aufzugeben und noch im entsetzten Stottern der Verse die Sehnsucht nach dem Trost der Religion hervorbrechen läßt:

„Eines Tages wird nichts mehr da sein

von dieser so und so gearteten Person

Nur ein Schmerz in der Magengrube

Eines der sie geliebt.”

Ilse Aichinger läßt „Nachklänge” von Engeln und Heiligen zu, bei aller Skepsis gegenüber der Sprache und ihren Idealisierungen. „Verklärtes” und verklärendes „Bewußtsein” bezeugen auch Cees Nooteboom, Johannes Kühn und nicht zuletzt Peter Handke („Wunschbilder des Heiligen”). Was Handke in den alten Schriften sucht, ist weniger die Erfahrung des Göttlichen - es geht nicht um Nachvollzug, sondern um die Tiefe der eigenen Wirklichkeit, die zu benennen wir die vergessene Sprache wiederfinden müssen. Auf das bloße Nachbeten einer Tradition sind wir nicht angewiesen - ähnlich wie in der ersten Variationenreihe mit Hölderlin geraten wir in eine Ernsthaftigkeit des Redens, weil die uns offen stehende Erfahrung nur zu finden ist in der Wirklichkeit des Alltags, und deshalb müssen wir die verworfen geglaubte Sprache der Religion wieder lernen, müssen die alten Schriften gelesen werden. Die Verklärung als Heiligung der Welt geschieht im Schreiben, im Versuch, gültig dem anderen, dem Leser zu sagen, was das eigene Erleben zu er-

l______ T_ \t__t______ j______r

daß dieses Verklären die Tiefe der Welt trifft, daß wir gehalten sind, wenn wir im Gespräch bleiben. Und es bleibt die Hoffnung, daß das Glücken des Schreibens nicht ohne einen Adressaten, einen Dritten im Dialog erfolgt, der nicht anwesend ist als Redender und ganz vorsichtig „Gott” genannt werden könnte.

Die Frage nach dem, was Aufgabe und Unaufgebbares des Christentums in all den Variationen ist, kann nur in einer Richtung beantwortet werden: Es ist die Treue zum geringsten Bruder.

Die „Seitensprünge” bieten gültige und anregende Interpretationen. Glaube hat sich natürlich immer auch anders reflektiert als in den Künsten. Der Weg, der hier begangen wurde, ist ein Seitenweg der christlichen Reflexion, aber vielleicht einer, der dann weiterführt, wenn die anderen in den Sackgassen des Gewohnten stecken(bleiben).

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau