Digital In Arbeit

Literatur, aber ein bisschen anders

Eine Pulitzer-Preisträgerin zweisprachig entdecken

Dichtung lesen bedeutet im besten Fall immer auch sich überraschen lassen. Von Bildern, vor allem aber von Worten. Elizabeth Bishops Lyrik kann das. Wenig mehr als 100 Gedichte hat die 1911 in Worcester, Massachusetts, geborene Lyrikerin verfasst bzw. zur Publikation freigegeben und sie gilt heute als eine der wichtigsten amerikanischen Dichterinnen. 1956 erhielt sie den Pulitzer-Preis, 1970 den National Book Award, 1979 starb sie in Boston. Im deutschsprachigen Raum ist sie immer noch wenig bekannt, sie teilt damit ihr Schicksal mit vielen anderen Lyrikerinnen. Die von Steffen Popp übersetzte und herausgegebene Ausgabe kann da vielleicht ein bisschen gegensteuern.

Bei zweisprachigen Ausgaben wie dieser kann man den Originalen nachspüren, aber auch dem Übersetzer quasi bei der Arbeit zusehen: Lyrikerinnen wie Bishop machen einem das Übertragen nämlich gar nicht leicht. Und so wundert es auch nicht, dass man durchaus auch Verse findet, die weniger geglückt übersetzt erscheinen. Der Blick auf die anderen Schätze entschädigt sogleich. Dass dieser Band so schön ist (samt Leinen und Leseband), macht das Reisen durch die Kartografie dieser Lyrikerin zum Vergnügen. (bsh)

Gedichte Von Elizabeth Bishop Zweisprachig. Hg. und übersetzt von Steffen Popp Hanser 2018.343 S., geb., € 32,90

Lyrik ist Musik - und hier ist der Beweis

Kunst scheint sich dieser Tage zu entmaterialisieren: Bücher und Musik verstellen als Dateien keinen Platz mehr im Regal, Filme werden gestreamt; CDs und DVDs gehören offensichtlich der Vergangenheit an. Dieser Entwicklung entgegengesetzt ist eine andere, die zur selben Zeit stattfindet, und die besonders schön gestaltete Bücher hervorbringt. Dass man auch Hörbücher zu einem haptischen Erlebnis machen kann, beweist immer wieder der Hörverlag. Eine Edition über englischsprachige Lyrik könnte man dem Publikum auch als Datenstick anbieten. Der Hörverlag aber gibt sie in einem Schuber heraus, der so mancher Buchedition Konkurrenz machen kann. Der Karton und die grafische Gestaltung schreien nach einem Platz im Bücherregal -und innen, im Schuber, liefern die einzelnen "Briefe" Post aus anderen Zeiten.

Und was für eine Post. Legt man die CDs ein, rollt die Stimme von James Joyce aus den Lautsprechern und liefert den Beweis, dass Lyrik und Laut zusammengehören. Robert Frost "singt" seine Lyrik wie den Blues, Gertrude Stein demonstriert ihre Kunst ebenso wie Marianne Moore und T. S. Eliot instrumentiert per Stimme "The Waste Land".

Wenn man William Butler Yeats "The Lake Isle of Innisfree" singen hört, kann man gar nicht anders als an Leonard Cohen zu denken, dessen Songs eindeutig von Yeats beeinflusst sind. Leonard Cohen, der Lyriker und Sänger, findet sich selbst mit zwei Gedichten in dieser Sammlung vertreten. Samuel Beckett ist ebenso zu hören wie W. H. Auden, Elizabeth Bishop, John Cage und Dylan Thomas. Auch Anne Waldman singt ihre Poesie: Uh-oh Plutonium.

Jeder Originalaufnahme folgt eine deutsche Übersetzung. Das die CDs ergänzende Booklet stellt durch die Auswahl und mit den kurzen biografischen Einführungen fast so etwas eine kleine Geschichte der englischsprachigen Lyrik dar. Geordnet nach den Geburtsdaten der Autorinnen und Autoren setzen die Tondokumente in der Frühzeit der Tonaufnahme ein, reichen bis Alfred Lord Tennyson, Robert Browning und Walt Whitman zurück, dokumentieren also nicht nur Dichterstimmen, sondern auch die ersten Versuche, diese für die Nachwelt zu erhalten.

Wer hören möchte, dass Lyrik Musik ist, ist mit dieser Box richtig beschenkt. Neun Zentimeter Platz im Regal genügen. (bsh)

The Poets Collection Englischsprachige Lyrik im Originalton und in deutscher Übersetzung. Hg. von Christiane Collorio und Michael Krüger der Hörverlag 2018 13 CDs, Booklet, € 111,10

Das Buch der Bücher als Hörspiele der Gegenwart

Am Anfang war eine Hörspiel-Reihe von hr2kultur: Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Künstlerinnen und Künstler wurden eingeladen, die Bibel neu zu erzählen. Die Art und Weise der Gestaltung wurde ganz ihnen überlassen. Brigitte Kronauer, Anne Weber, Robert Wilson, Doron Rabinovici, Werner Fritsch, Sasha Marianna Salzmann, Terézia Mora, Barbara Honigmann, Navid Kermani, Marlene Streeruwitz, Dietmar Dath, Sibylle Lewitscharoff, Feridun Zaimoglu und viele andere gestalteten insgesamt 21 Hörspiele zu einzelnen Episoden des Alten und des Neuen Testaments.

Dann erschien das Projekt als Hörbuchbox, mit einem 323 Seiten starken Booklet. Alleine dieses Booklet mit vielen begleitenden Essays über die jeweiligen biblischen Episoden bzw. Themen, geschrieben von Theologen, Kultur-und Literaturwissenschaftern und Kunsthistorikern wie Jan Assmann, Hans-Ulrich Treichel und Ria Endres, ist eine Fundgrube für alle, die sich für das Buch der Bücher interessieren. Die Bibel hat über Jahrhunderte Kunst und Kultur geprägt, ist aber vielen fremd geblieben oder neu fremd geworden, aufgrund der Bildwelten, der Sprache, der geänderten Lebenswelten. Die oft auch überraschenden Blicke bleiben einmal näher am Text, rücken ein anderes Mal weiter weg, machen aber jedenfalls auf die biblischen Texte neugierig.

Die Auswahl der Autoren aber auch der Themen in den Essays macht die Überschreitung konfessioneller Grenzen deutlich. Die Bibel in Judentum, Christentum und Koran nimmt nicht nur Karl-Josef Kuschel in seinem Essay über Geburt und Kindheit Jesu in den religionsgeschichtlichen Blick, um ein zu Weihnachten passendes Beispiel zu erwähnen. "Geburten von Religionsstiftern beschwören über kurz oder lang die Machtfrage herauf -politisch, gesellschaftlich, ökonomisch -, stellt doch der Auftritt einer derart charismatischen Figur die herrschenden Verhältnisse der jeweiligen Zeit in Frage. Auch in machtpolitischer Hinsicht sind Geburtsgeschichten zugleich Zäsurgeschichten."

Diese Box ist auch einige Jahre nach Sendung der Hörspiele noch eine Einladung, sich in die Bibliothek zu begeben, die man Bibel nennt, und ihre vielen literarischen Genres und zahlreichen Geschichten (wieder) zu lesen. Die Hörspiele provozieren, erinnern an längst vergessene Texte, denken sie neu und holen sie in die Gegenwart. (bsh)

Das Superlativprojekt dieses Jahres: Philipp Weissʼ Roman in fünf Bänden

Dieses Romanprojekt war wohl das verrückteste des vergangenen Jahres und mit entsprechenden Superlativen wurde es bedacht: "Romanmonster", "das Ereignis des heurigen Bücherherbstes", "literarisches Sensationsdebüt", "ungewöhnlichste Neuerscheinung","hybrider Wahnwitz", "größenwahnsinnige Vermessung und Selbsterkundung", "außergewöhliches Debüt": So und ähnlich lauteten die Befunde der Literaturkritiker über Philipp Weissʼ "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen".

In fünf Bänden und auf 1064 Seiten erzählt der 1982 geborene Wiener in ganz unterschiedlichen Formen, sie reichen von der alphabetischen Enzyklopädie bis zum Manga-Comic. Vom 19. Jahrhundert über die Katastrophe in Fukushima im Jahr 2011 bis zur Science Fiction spannt sich der zeitliche Bogen. Die Bände sind aufwendig gestaltet und lassen sich auch ohne jede Chronologie lesen. Nicht jeder Satz hat in diesem Konvolut Gewicht - die Kunst liegt nicht so sehr im Detail, sondern im Versuch, den komplexen Erfahrungen des 21. Jahrhunderts irgendwie literarisch zu begegnen. Ein Buch für Opa (Enzyklopädie) und Enkel (Manga) gleichermaßen, sagte unlängst jemand. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt. (bsh)

Atlas des Verlorenen: Schalanskys neues schönes Buch

Für schöne Bücher ist sie bekannt, und manchmal hat sie sie auch selbst gestaltet: Ihr 2009 erschienener "Atlas der abgelegenen Inseln" verkaufte sich großartig. Bei Matthes und Seitz gibt Judith Schalansky die feine Reihe "Naturkunden" heraus, in der leidenschaftlich die Welt erforscht wird. Und ihr jüngster Prosaband "Verzeichnis einiger Verluste" ist schon optisch ein Versprechen.

Aus exakt zwölf Texten (plus Vorwort) zu exakt je 16 Seiten besteht dieses Buch. Genrebezeichnung ist für die Prosa keine angegeben, und das ist gut, denn so kann man sie als Reiseberichte lesen oder als Reportagen oder als Erzählungen. Es war schon immer eine der Möglichkeiten der Literatur, der Vergänglichkeit, dem Verschwinden, den Verlusten zu trotzen. Durch das Erzählen wurde etwas wiedergeholt, bewahrt, gerettet, instandgesetzt oder auch erst erschaffen. So auch hier. Schalansky spürt in unterschiedlichen Stilen Dingen und Menschen nach. Verloren oder vergessen ist ja viel. Ein sonderlicher Mensch ebenso wie ein verbranntes Bild, ein ausgestorbener Tiger ebenso wie eine untergegangene Insel, ein ve r s ch o l l e n e r Text ebenso wie der abgerissene Palast der Republik. Ein durch und durch auffälliges und schönes Buch. (bsh)

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