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Literatur braucht Öffentlichkeit

Was leistet der Literaturbetrieb in Österreich? Und warum muss er gefördert werden? Im Furche-Gespräch mit Thomas Friedmann, Rundfunkjournalist und seit 1991 Leiter des

Literaturhauses Salzburg, geht es um kreative Kunstvermittlung und ausreichende Basisbudgets.

Die Furche: Michael Scharang hat den Literaturbetrieb frontal angegriffen. Ist etwas an seiner Kritik berechtigt?

Thomas Friedmann: Nein. Scharang hat in seinem Presse-Artikel vom Oktober dieses Jahres literarische Fehdehandschuhe gegen den Kulturbetrieb allgemein und speziell gegen das Literaturhaus Wien, das sich in Finanznöten befindet, ausgeteilt. Damit trifft er nicht nur die Falschen, seine polemische Gegenüberstellung von Gut (Künstler) und Böse (Kulturvermittlung) stimmt grundsätzlich nicht. Literaturhäuser sind längst unverzichtbare Orte der Kommunikation. Literaturhäuser und deren Mitarbeiter arbeiten engagiert und professionell für die Literatur, für Schriftsteller, bekannte und unbekannte. Literaturhäuser fördern den öffentlichen Diskurs über Texte, Sprachen und Inhalte. Sachliche Kritik an Literatureinrichtungen ist ebenso erlaubt und notwendig wie Kritik an der Literatur; unsachliche Angriffe sind verzichtbar.

Die Furche: Hat Österreich eine befriedigende Form der Literaturförderung gefunden? Fördert das "Gießkannenprinzip" zu viel mittelmäßige Literatur?

Friedmann: Eine befriedigende Literaturförderung wird es nie geben, höchstens das Bemühen darum - und eine Kulturpolitik, die das glaubhaft kommuniziert. Die Förderpolitik ist regional höchst unterschiedlich, das hängt von den jeweiligen Gemeinden, den Ländern und vom Bund ab, der - wie bekannt - die Literatureinrichtungen in den Ländern meist weniger fördert; aber das soll sich ja ändern. Tatsächlich bin ich für die Förderung von Qualitäten, nicht Quantitäten, und da die Politik dazu nicht befähigt ist, geht das nur über Experten, Kuratoren und Jurys. Das geschieht zum Teil. Grundsätzlich bin ich für die Förderung sowohl von starken, autonomen und kompetenten Strukturen als auch von Autoren, guten Büchern und innovativen Projekten.

Die Furche: Wie ist die Situation des Literaturhauses Salzburg? Ist es von Kürzungen seitens des Landes oder des Bundes betroffen?

Friedmann: Das Literaturhaus Salzburg wurde im Herbst 1991 zeitgleich mit dem Literaturhaus Wien gegründet. Unsere Hauptaufgabe liegt - ähnlich wie bei den großen Literaturhäusern in Deutschland (Berlin, Hamburg, Frankfurt etc.), mit denen wir im Netzwerk "literaturhaeuser.net" zusammenarbeiten - in der Literaturvermittlung, d.h. neben Bibliothek/Mediathek, LiteraturCafé, Literaturhaus.Radio, Internet usw. organisieren wir mit allen Literatureinrichtungen im Haus (Leselampe, Salzburger Autorengruppe etc.) über 200 Veranstaltungen im Jahr: Lesungen, Workshops, Vorträge, Ausstellungen, Kindertheater, Hörspiel- und Filmabende etc. In Reihen setzen wir thematische Schwerpunkte, z.B. in der Reihe "Europa der Muttersprachen" (heuer Albanien/Kosova) - oder Anfang Dezember zum 3. Todestag von H.C. Artmann, der unserem Haus eng verbunden war.

Unsere finanzielle Situation ist belastend. Zwar stehen Stadt und Land Salzburg verlässlich zu ihren Zusagen, dringend notwendige Valorisierungen bleiben aber derzeit aus. Beim Bund gab es im Jahr 2000 einen Einbruch der Förderung. Die Signale der vergangenen Tage aus dem Büro des Staatssekretärs sind für 2004 allerdings positiv.

Die Furche: Wie viele Literaturhäuser und Literaturveranstalter gibt es in Österreich? Sind Verteilungskämpfe vorprogrammiert?

Friedmann: Es gibt heute in jedem Bundesland ein odere mehrere Literaturhäuser bzw. ähnliche Einrichtungen mit unterschiedlichen Strukturen und Aufgaben. Verteilungskämpfe gibt es nicht, im Gegenteil: Wir haben erst kürzlich in Graz beschlossen, für Herbst 2004 an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, Anfang nächsten Jahres treffen sich dazu die Literaturhaus-Leiter in Salzburg.

Die Furche: Sind die Turbulenzen um das Literaturhaus Wien Symptom einer Krise der Literaturförderung? Hat das Literaturhaus Wien Bedeutung über Wien hinaus?

Friedmann: Die finanziellen Schwierigkeiten des Literaturhauses Wien, das mit dem Dokumentationsarchiv, der Exilbibliothek, der Arbeit der IG Autoren und der Übersetzergemeinschaft für ganz Österreich und darüberhinaus wichtig ist, stehen durch die Scharang-Polemik plötzlich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Tatsächlich geht es darum, Literaturhäusern professionelles Arbeiten zu ermöglichen, dafür braucht man - nach Jahren des Sparens und Aushungerns - ein ausreichendes Basisbudget. Die zunehmende Verbürokratisierung zwingt die Mitarbeiter, ihre Kreativität immer weniger für die Kunst, für die Literatur einzusetzen und immer mehr für die Geschäfte. Das kann nicht das Ziel einer verantwortungsvollen Kulturpolitik sein - und das wäre die viel spannendere Diskussion gewesen.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

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