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Literatur und Politik

,,… die Olympier von unbestrittenem Rang wohin sind sie verschwunden’ Die Dichtung deutscher Sprache, heißt es, sei arm (und wir haben doch immerhin Frisch); wo aber ist, nach dem unseligen Tod Albert Camus’, das Werk eines vierzig-, ja fünfzigjährigen Engländers, Franzosen (Sartre steht in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrzehnts), Spaniers, Italieners oder Russen, das die Welt mit ungehaltenem Atem erwartet?“

Walter Jens

Die alljährlichen Herbstmanöver der zuständigen und interessierten Kreise, den „Würdigsten“ für den Literaturnobelpreis namhaft zu machen, haben bereits begonnen. Von Jahr zu Jahr ist stärker zu merken, daß diese Manöver den Charakter einer Übung im kalten Kräftefeld von Ost und West angenommen haben und künstlerische Kriterien immer weniger Gewicht zu haben scheinen. Zwei Namen, in diesen Wochen genannt, zeugen dafür: Leopold Sedar Senghor und Erich Kästner, ein afrikanischer Staatsmann und ein deutscher Satiriker.

Leopold Sedar Senghor, vor der zur Zeit ungemein rasch fortschreitenden „Balkanisierung“ des afrikanischen Kontinents Präsident der Vereinigten Parlamente von Senegal und Sudan, heute nur mehr Staatspräsident des Senegal allein, ist unstreitig eine der hervorragendsten Persönlichkeiten Westafrikas: als Politiker, Soziologe und, wie allgemein zu hören ist, auch als Dichter, dessen französische Prosa mit dem Stil Andrė Gidės verglichen wird, gleicherweise bedeutend. Senghor, dessen Gattin Französin ist, hat seinen Anfang in den auf Pfählen hängenden Hütten von Joal-la-Portugaise in Nordsenegal genommen, und wir können als Europäer den Weg wohl nicht einmal erahnen, den dieser Mann zurückgelegt hat. Dennoch, ihn für den bedeutendsten Literaturpreis der Welt vprzu- schlagen, hieße die Verfälschung der augenblicklichen afrikanischen Situation auf die Spitze treiben, die überaus dünne Schicht der eigenen Intelligenz, die Afrika heute zur Verfügung steht, durch eine derartige Überbewertung in gefährlicher und unverantwortlicher Weise auf falschen Glanz polieren.

Ebenso bedenklich und den wahren Intentionen des Nobelpreises widersprechend muß die Nominierung Erich Kästners gewertet werden. Nichts gegen Kästner, der beileibe nicht nur von jenem Publikum geschätzt wird, das die Stadthalle bei seinen Lesungen füllt. Aber eine Überschrift, wie sie am 16. August dieses Jahres in der Stockholmer „Dagens Nyheter“ zu lesen war: „Den Nobelpreis an Erich Kästner", darf nicht unwidersprochen bleiben. Unter diesem Titel veröffentlichte der Chefredakteur des Blattes, der bekannte Schriftsteller, Kritiker und Literaturwissenschaftler Dr. Olof Lagercrantz, eine Rezension von Kästners „Notabene 45“, in der er sich — schon ganz im Formulierungsschema der Schwedischen Akademie, die berufen ist, die Verleihung auszusprechen — zu folgendem ver- steigt:

,,Kraft seiner moralischen Größe und seiner satirischen Genialität ist Erich Kästner meines Erachtens heute der hervorragendste Schriftsteller Deutschlands. Die Schwedische Akademie sollte ihn mit dem literarischen Nobelpreis auszeichnen.“

Nun ist „moralische Größe" bestimmt etwas Großes und bestimmt auch etwas Seltenes, ebenso wie „satirische Genialität“, aber sind dies auch künstlerische, dichterische Kriterien?

Derartige Kriterien scheinen jedoch heute nicht mehr opportun zu sein. Dabei hätte Herr Dr. Lagercrantz den T agebuchauf Zeichnungen „Notabene 45“ ein sehr aufschlußreiches Zitat entnehmen können, das, wenn auch indirekt — zu dieser Zeit gezwungenermaßen indirekt, da diese höchst befremdende und eigenartige Entscheidung der Schwedischen Akademie noch nicht gefallen war —, zum Thema Nobelpreis gehört werden sollte. Kästner notiert zur Bekanntgabe des Rücktrittsgesuches des Premierministers Winston Churchill im Mai 1945: „Er wird wieder werden, was er immer war und geblieben ist: ein glänzender Journalist. Also wird er sich eine neue Zigarre anzünden und seine Memoiren diktieren — und dafür den Nobelpreis für Literatur im Jahre 1953 zugesprochen bekommen."

ln idealistischer Richtung

Niemand wird bestreiten, daß es kein leichtes ist, diesen Preis zu vergeben, der, nach dem Willen seines Stifters, alljährlich demjenigen zu verleihen ist, „welcher das Vorzüglichste in idealistischer Richtung auf dem Gebiet der Literatur geleistet hat“. Die Formulierung „in idealistischer Richtung“ hat es den Juroren nicht immer leicht gemacht und gleich die erste Verleihung allgemeiner Kritik ausgesetzt. Der erste Nobelpreis für Literatur erging 1901 an Renė Franęois Armand Sully Prudhomme in Anerkennung seiner „von hohem Idealismus zeugenden Dichtung“. Emile Zola, der als Spitzenkandidat genannt worden war, ging leer aus. Prominentester Kritiker dieser Entscheidung war der Schwede August Strindberg, der elfmal bei der

Verleihung übergangen wurde und den Preis auch niemals zugesprochen bekam; dafür bescheinigte man 1916 einem Verner von Heidenstam anläßlich der Verleihung des Nobelpreises, daß er „eine neue Epoche in der Geschichte der schwedischen Literatur repräsentiere“.

Nobels Forderung nach einer Auszeichnung „in idealistischer Richtung" hat viel Verwirrung gestiftet und muß aus seiner Persönlichkeit heraus verstanden werden. Ganz Kind seiner Zeit, lebte er im Glauben an den Fortschritt, im Glauben an eine stetig sich steigernde Entwicklung nicht nur der Technik, sondern auch des Menschen. Die Männer, die er ausersehen hatte, seinen Willen zu vollstrecken, waren nicht anders. Die Schwedische Akademie zu Stockholm, der die Verleihung der Literaturpreise obliegt, wurde 1786 von König Gustav III. gegründet und ist eine Nachbildung der Acadėmie Franęaise. Protektor ist der König; die Zahl der Mitglieder beträgt 18; die schwedische Staatsbürgerschaft ist Vorbedingung.

August Strindberg kritisierte diese Jury im Jahre 1903 als „lächerliche Einrichtung“, die erst durch das Mandat, das ibr Nobel übertrug, als „Gerichtshof über die moderne Weltliteratur“ allgemeines Interesse und Beachtung gefunden hätte. „Achtzehn unliterarische Räte, und nicht ein kompetenter Richter. Das ist kein Gerichtshof! Das ist nichts!“ Harte Worte, gewiß; wohl auch nicht ganz frei von Ressentiment. Aber überblicken wir die Reihe der Dichter, die man der Auszeichnung höchster dichterischer Würde für wert befand, scheint uns das Urteil Strindbergs gar nicht mehr so extrem. Extrem hingegen das Nebeneinander von Wert und Unwert. Wir erkennen wahrhaft dichterisches und denkerisches Mühen neben glatter Gefälligkeit, Thomas Mann neben Pearl Buck, zeitmodische Geltung neben der Wucht eines Gesamtwerkes, Heyse neben Hauptmann, kühnen Vorstoß in künstlerisches

Neuland neben gekonnter Langeweile, Pirandello neben Galsworthy; und vergessen wir nicht, daß für dieses Jahr auch schon der Name George Simenon fiel.

Ungleiche Werte

Diese sehr weitgespannte Wertskala hat es den Juroren nicht immer leicht gemacht, ihren Entschluß in einer kurzgefaßten Formulierung zu begründen, wie einige Beispiele beweisen mögen: „In Anerkennung seiner ausgezeichneten. auch noch in späteren Jahren (!) an den Tag gelegten Verdienste als Schriftsteller und besonders seiner von hohem Idealismus, künstlerischer Vollendung und seltener Vereinigung von Herz und Genie zeugenden Dichtung“ (Sully Prudhomme, 1901); „Als Beitrag hoher Achtung vor dem dichterischen Wert seiner Kunst, die sich in der langen Periode seines Schaffens als Lyriker,

Dramatiker, Romanschriftsteller und Dichter weltberühmter Erzählungen offenbart“ (Heyse, 1910); „Für seine Dichtung“ (Karlfeldt, 1931); „Für seine Meisterschaft in historischer und biographischer Darstellung und für die glänzende Redekunst (!), mit der er hohe menschliche Werte verteidigt hat“ (Churchill, 1953).

War es zu Anfang der Idealismus, der Verwirrung stiftete, kamen dazu bald auch die politischen Aspekte. Die politische Beeinflussung des Kunstpreises begann mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, dem die Juroren fassungslos gegenüberstanden, wie sich aus der Nichtverleihung des Preises 1914 leicht ersehen läßt. Für 1915 fanden sie zwar in Romain Rolland einen in jeder Hinsicht würdigen Mann, aber schon 1916 und 1917 gaben sie Provinzkriterien Raum und erkannten Heidenstam, Gjellerup und Pontoppidan den hohen Preis zu, obwohl Nobel ausdrücklich festgelegt hatte, keinerlei Rücksicht auf die Nationalität zu nehmen und nur den Würdigsten zu nominieren, „er sei Skandinavier oder nicht“. 1918 ent hielt sich die Akademie abermals eines Entscheides und bezeugte 1919 ihre neugewonnene Urbanität vorsichtig mit der Verleihung an den Schweizer Spitteier. Im zweiten Weltkrieg entschloß man sich zur selben Taktik, hielt den Preis vier Jahre lang zurück, konnte sich dann aber doch nicht enthalten, ihn 1944 dem Dänen Jensen zu geben, um 1945, analog zu 1919, die Chilenin Gabriele Mistral zu erwählen. Das Jonglieren im politischen Raum gestaltet sich für die Akademie von Jahr zu Jahr schwieriger. So versucht sie heute, einen heißen Namen mit einem kalten abzukühlen und bezeugt bei dieser wenig würdigen Prozedur überdies noch wenig Geschick und Bewußtheit der Weltstunde gegenüber. Vielleicht hätte man die kritische Situation, in die Pasternak geriet, entschärfen können, würde man die Namen der beiden Russen, denen im gleichen Jahr naturwissenschaftliche Nobelpreise verliehen wurden, zuerst bekanntgegeben haben und somit der von der UdSSR als Provokation be- zeichneten Verleihung die Spitze abgebrochen haben. (Daß durch diese Manipulationen ein großes Kunstwerk wie der „Doktor Schiwago“ der Diskriminierung durch politische Opportunität ausgesetzt wurde, darf dabei ebenfalls nicht übersehen werden.) Daß all dies kein Zufall war, ein ver einzelter Fehlgriff, läßt die Entscheidung des darauffolgenden Jahres erkennen, die auf den Italiener Salva- tore Quasimodo fiel, dessen Bild mit einem Sputnikmodell in der Hand — ein Geschenk des Ostens anläßlich der Preiszuerkennung — in jenen Tagen durch die Weltpresse ging. Ein durch ein politisches Klima verfälschtes, aber künstlerisch richtiges Urteil wurde versucht, durch ein im gleichen Klima vollzogenes, aber künstlerisch fälschen Urteil zu berichtigen. Quasi- modos Nominierung wird für uns erst einigermaßen erklärbar, wenn wir uns bewußt machen, daß der italienische Lyriker, im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland, in Schweden schon lange durch die Übersetzungen Johann Erfelts, eines namhaften schwedischen Lyrikers und bekannten Literaturkritikers, der auch Sekretär der Schwedischen Akademie ist, bekannt war; so daß in Schweden verstanden werden konnte, was selbst der italienischen Kritik an dieser Wahl unverständlich bleiben mußte.

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache. daß viele Namen, die unange- zweifelten Rang haben in der literarischen Entwicklung unseres Jahrhunderts, in der Liste der Nobelpreisträger fehlen. Im Jahre 193 5, zu einer Zeit also, da jene großen Namen, deren Fehlen Walter Jens in dem diesem Artikel vorangestellten Zitat beklagt, noch um und um am Werke waren, konnte die Schwedische Akademie keinen Dichter finden, den sie der Verleihung des Preises für würdig befand. Der Nobelpreis für Literatur wurde in diesem Jahre nicht verliehen. Im gleichen Jahre lebten und arbeiteten Jean Gireaudoux, James Joyce, Federico Garcia Lorca, Heinrich Mann, Robert Musil, Paul Valėry, Thomas Wolfe, Virginia Woolf.

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