Liebesschlösser - Vorhängeschlösser an Geländer - © Foto: iStock/grafxart8888

Marco Missiroli: „Treue“ – Eine Ehe in Mailand

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Marco Missirolis Roman „Treue“ ist ein gefälliger Text, die Figuren bleiben aber leider schemenhaft.

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Marco Missirolis Roman „Treue“ ist ein gefälliger Text, die Figuren bleiben aber leider schemenhaft.

Treue – was ist das? Eine Tugend, die unverzichtbar für eine glückende Partnerschaft ist? Oder eine Suggestion, die leugnet, leugnen soll, dass die Menschen nicht in der Lage sind, Versuchungen zu widerstehen und Monogamie ein ganzes Leben lang zu praktizieren? Da diese Fragen offenkundig nicht leicht und eindeutig zu beantworten sind, mangelt es in der Weltliteratur nicht an Büchern, die von Treueschwüren und Treuebrüchen handeln. Und da Treue offenkundig kein anthropologisch unverändertes Konzept ist und von sozialen Rahmenbedingungen abhängig zu sein scheint, gibt es immer wieder reizvolle Anläufe, der Treue in Romanen und Erzählungen auf die Schliche zu kommen.

Der Italiener Marco Missiroli, Jahrgang 1981, hat einen solchen Versuch unternommen und dazu einen – in seiner Heimat sehr erfolgreichen – Roman vorgelegt. Dessen Titel, „Treue“, könnte nicht einfacher gestrickt sein und verweist zugleich darauf, dass hier mehr als die Lebensgeschichte seiner Protagonisten erzählt werden soll. Carlo und Margherita, so heißen diese, ein in Mailand ansässiges Ehepaar, das aus nicht gerade ärmlichen Verhältnissen stammt. Doch wie es so ist: Auch reiche Leute haben Probleme, und so wird – damit setzt der Roman ein – ihre Beziehung auf eine harte Belastungsprobe gestellt, die nie zu enden scheint.

Der Spaltpilz der Eifersucht

Der Mittdreißiger Carlo, ausgestattet mit einem kleinen Lehrauftrag, wird beobachtet, wie er die Damentoilette der Universität verlässt. Alles spricht dafür, dass es dort zwischen ihm und der jungen Studentin Sofia zu einer „uneindeutigen Annäherung“ gekommen ist. Ein klassischer Me-too-Fall also? Die Nachforschungen des Rektors laufen ins Leere, da sowohl Carlo als auch Sofia das völlig Unverfängliche der Situation zu Protokoll geben – Aussagen, die, wie sich rasch herausstellt, nicht der Wahrheit entsprechen.

Von diesem Moment an freilich beginnt sich bei Margherita der Spaltpilz der Eifersucht auszubreiten. Soll, kann sie ihrem Mann glauben? Wie viele Versionen der Toilettenbegegnung gibt es? Fragen, die sie quälen, obgleich sie selbst es mit der ehelichen Treue nicht genau nimmt. Ein Besuch bei ihrem Physiotherapeuten Andrea weitet sich zu einer sexuellen Affäre aus, die Margherita mit anderen Maßstäben misst als die Untreue ihres Mannes. Beide – das kristallisiert sich nach und nach heraus – leiden darunter, dass sie trotz allen Wohlstands ihre Lebensziele nicht verwirklichen konnten. Während Margherita als Architektin reüssieren wollte und nun als Maklerin arbeitet, sieht sich Carlo im Grunde als gefeierter Schriftsteller – was mit der Realität wenig zu tun hat: Sein Roman kommt nicht voran, und selbst seinen Lehrauftrag hat er allein durch die Protektion seines Vaters ergattert. „Treue“ ist somit auch ein Buch über fehlgeschlagene Hoffnungen und über die Versuche, darüber hinwegzukommen – etwa mit der Kompensation, sich eine teure Wohnung zu kaufen, für deren Finanzierung man alle Anstrengungen zu unternehmen hat.

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