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Max Reinhardt und Amerika

Wenn man Max Reinhardt, den Schöpfer einer neuen Theaterepoche, den modernen Regisseur schlechthin, mit wenigen Worten schildern will, kann man es nicht besser, als mit einigen Sätzen aus der Rede, die Hofrat Dr. Ernst Lothar bei der Max Reinhardt-Feier im Sender „Rot-Weiß-Rot“ gehalten hat: „In dem Leben des Österreichers Max Reinhardt, das zu früh und zu dunkel zu Ende ging, war der Traum die Dominante. Doch das Einzigartige an diesem Mann, der bis zum letzten Atemzug so leidenschaftlich von der Vollkommenheit träumte, lag darin, daß er die Macht besaß, seine Träume zu erfüllen. Träumend entflog er nicht in die Unwirk-lichkeit, sondern er träumte, um die Wirklichkeit zum Traum zu machen. Er war ein Zauberer. Er kam aus dem Zauberland der Künste, aus Österreich. Ein typischer Sohn dieses Landes, das von Mozart und Schubert bis Hofmannsthal und Freud die Lust am Spiel, da Glück im Traum und den Mut zum Geist hatte, trug er diese ererbten und von ihm vermehrten Güter weit in die Welt. Überall war er zu Hause, denn überall gab er von seinem Reichtum.“

Und von diesem l\eichtum machte er zum erstenmal der Neuen Welt ein Geschenk, als er im Jahre 1925 mit dem Lebens- und Glaubensspiegel, der Pantomime „Mirakel“ nach den Vereinigten Staaten reiste. Er wußte von dem ethischen Wert einer solchen sprachlosen Kunst: Er sah sie als Trägerin unserer Kultur und Kunst, die der Sprache nicht bedarf, sondern von allen verstanden wird, er wußte, daß sie die Menschen verbrüdern kann wie die Musik. Es-wurde auch ein ungeheurer Erfolg. Aber eben wegen dieses sensationellen Erfolges waren die weiteren • Gastspielreisen nach den USA mit Schwierigkeiten verbunden. In diesem Lande prägt sich jeder Erfolg ungeheuer ein und es ist dann sehr schwer, mit etwas Neuem, Andersgestaltetem wieder vor das Publikum zu treten. Als er 1928 mit dem Ensemble des „Deutschen Theaters“ hinüberfuhr, mußte dort ein neuer Erfolg erst erkämpft werden. In dem weiten, großen Raum, der eine Überdimensionierurtg aller Dinge verlangt; müssen auch die künstlerischen Handlungen überdimensional sein und sich mit einer uns ungewohnten Tonstärke äußern. Reinhardt, der sein ganzes Leben „das Theater als allabendliche Gewohnheit bekämpfte und für das Theater als allabendliches Ereignis kämpfte“, spielte europäisches Theater, das damals drüben noch fremd war. Trotzdem setzte sich seine Auffassung durch und es wurde die Tournee schließlich von Erfolg gekrönt. Nur „Jedermann“, von dem Fürsterzbischof Rieder einst sagte, „es ist ein Gottesdienst“, das Mysterium, das Tausende von Amerikanern auf dem Salzburger Domplatz erschüttert hatte, wurde in der realen Welt Amerikas als fremd empfunden, und die Zuschauer spürten nur das grausame Moment in diesem Werk. Ein Beweis mehr, daß es kein Theaterstück ist, das in die drei Wände einer Bühne gepreßt werden kann.

Noch einige Male überquerte Reinhardt den Ozean und sein Name und sein Werk wurden drüben zum Inbegriff höchster Theaterkultur. Da brach über Deutschland die Barbarei des Nazismus herein, Reinhardts Name wurde von Goebbels durch den Schmutz gezerrt, und als ihm 1938 seine letzte Wirkungsstätte auf europäischem Boden, das Theater in der Josefstadt, verschlossen wurde, suchte er eine neue Heimat, die er im sonnigen Kalifornien fand. Seitdem erfuhren wir hier, im von geistigem Stacheldraht umgebenen „Großdeutschland“, nichts mehr von ihm und seinem Wirken. Wenn wir heute Frau Helene Thimig, seiner Gattin, gegenübersitzen, überkommt uns ein Gefühl der Wehmut bei der Schilderung des weiteren Schaffens jenes Mannes, der aus der Fülle seiner Arbeit herausgerissen, in einer anderen Welt sich eine neue Heimat aufbauen mußte und Ideen zu verwirklichen suchte, ohne — um es offen zu sagen — sein Ziel erreichen zu können. Als er sich endgültig in Kalifornien niedergelassen hatte, zog es ihn wieder zu seinem geliebten Shakespeare, und der „Sommernachtstraum“ sollte hier in einer Aufführung, die bis an die äußersten Grenzen des Erreichbaren ging, seine Erfüllung finden. „Wo er sich am Raum stieß, strebte er ins Unbegrenzte, wo er meinte, daß den individuellen Gedanken durch die Macht der Masse gesteigerte Kraft zu geben war, begnügte er sich nicht mit der Andeutung, sondern schulte und bildete die Masse wie kein anderer Regisseur vor ihm.“ (Aus der Gedenkrede Dr. Lothars.)'

Und er schuf ein Theaterwunder: Auf einem riesigen Raum, den ihm die Landschaft Kaliforniens schenkte, baute er die Traumwelt auf, in der sich das Märchen in allem süßen Zauber abspielte. 20.000 Zuschauer und ungezählte Menschen auf den umliegenden Hügeln erlebten das heitere Spiel mit, in dem erste Schauspieler Amerikas ihr Bestes gaben. Das stärkste Erlebnis war aber“ der '„Puckw“,''Üen Reinhardt in die Hände eines elfjährigen Knaben gelegt hatte. Es war der heute berühmte Star Micky Roney. Unter Tausenden von Kindern, die Reinhardt geprüft hatte, fand er diesen Knaben, dessen große schauspielerische Begabung er sofort erkannte. Die Prüfung der Kinder brachte Reinhardt auch die Erkenntnis, daß die Jugend Amerikas einen viel höheren Prozentsatz an schauspielerischen Begabunge n aufweist . als die unsere. Eine unbeschreibliche Leichtigkeit, das Fehlen von Hemmungen läßt die Jugend unbefangen an die Aufgabe herantreten, und schafft so die Voraussetzung zur Auslösung des Spieltriebes. Allerdings liegt in dieser Befreiung auch eine Gefahr, von der Reinhardt oft sprach. Es fehlt der bittere Ernst, die Leidenschaft, die eine wirklich große Leistung erfüllen muß, es bleibt leicht ein Spiel an der Oberfläche. Die ungeheure SpHfreudigkeit des Volkes drückt sich schon darin aus, dnß zum Beispiel in Los .Angeles in fast jedem dritten Haus eine Bühne eingebaut ist, auf der fleißig Liebhabertheater gespielt wird. Ein Stück Ernst lag in den Worten, wenn Reinhardt scherzend sagte: „In Ländern, in denen das Volk so begabt ist, kann kein gutes Theater existieren, weil alle nur Theater spielen und keine- zuschauen will.“

Die für Europa ungewöhnlicher Theaterverhältnisse in New York konnten Reinhardts Wirken nicht zu dem Ziel führen, das er sich gesteckt hatte. Das amerikanische Theater ist ein rein finanzielles Unternehmen, das ohne Subvention sich selbst erhalten muß, daher viel stärker auf Publikumserfolg angewiesen ist als die deutschen Bühnen, die vom Staat, von den Ländern oder St'-'dten materiell und ideell unterstützt werden. Hinzu kommt noch, daß eine Direktion,“ die mit einem Stück ihre Tätigkeit beginnt, alle- neu aufbauen muß, was bei unserem Ensemb'etheater selbstverständlich schon vorhanden ist. Das Haus muß gemietet werden, die Künstler, die Mitarbeiter, die Kulissen, die Garderobe, alle die tausend kleinen '. inge, die notwendig sind, um ein Stück bühnenfertig zu ma'hen. müssen stets von neuem zusammengestellt werden. Icdes Stück gleicht der Neugründung eines Theaters und es ist daher erklärlich, daß aus finanziellen Gründen Experimente nicht gewagt werden

Die Krise der Gegenwart geht auf Leben und Tod. Aber das Ergebnis wird nicht zwangsläufig bestimmt, sondern die Entscheidung ist in die Hand der menschlichen Freiheit gelegt. Der abendländische Mensch hat zu wählen. Wird er den destruktiven Weg der Weltfrömmigkeit zu Ende gehen — oder wird er diese Weltverfallenheit als das dämonische Prinzip der abendländischen Krise entlarven und mit der Wende zu einem theonomen Humanismus das Fundament für eine neue irdische Ordnung legen?

P. Bolkovac: „Ende oder Wende“ in „Stimmen der Zeit“, Heft 1, 1946 können, sondern nur von vorneherein erfolgssichere Werke zur Aufführung gelangen können. Wenn trotz aller Berechnungen ein Theaterstück nicht den erwarteten Erfoig bringt, wird es manchmal schon nach der zweiten Vorstellung abgesetzt, um den finanziellen Schaden nicht zu vergrößern. Da die Künstler für das Stück engagiert sind, gleichgültig, ob zwei Vorstellungen stattfinden, oder ob das Stück fünf Jahre auf dem Spielplan bleibt, ist jede Aufführung für sie mit einem nervenzermürbenden Einsatz ihrer schauspielerischen Leistung und dementsprechend mit furchtbarem Lebensernst und eisernem Kampf um die Existenz verbunden.

Max Reinhardts Liebe zu den Schauspielern, seine minutiöse Arbeit mit ihnen, bis jede Tonschwingung, jede Geste gefunden war, die geniale Wandlung, die sich durch seine Persönlichkeit in dem Künstler vollzogen hat, die Freude, die ihm bei den Proben unerläßlich war, konnte in der Atmosphäre der amerikanischen Theatierarbeit nicht blühen. Es war daher sein sehnlichster Wunsch, ein Ensembletheater aufzubauen, in dem die Schauspieler von dem Existenzkampf und der Einförmigkeit des En-suite-Spielens befreit, ganz der künstlerischen Arbeit dienen konnten.

Inzwischen inszenierte er in New York eine Bearbeitung Th. Wilders „Einen Jux will er sich machen“ von Johann Nestroy, die im Englischen den Titel „Der Kaufmann aus der Kleinstadt“ führte. Verschiedene wienerische Charakterisierungen, die in Amerika nicht verstanden worden wären, mußten den amerikanischen kleinstädtischen Verhältnissen angepaßt werden. 1943 übernahm Reinhardt die Aufgabe, von dem begabten jungen Dramatiker Erwin Shaw das Stück „Söhne und Soldaten“ aufzuführen, das er auch zu starkem Erfolg brachte.

In Hollywood hatte er mit seiner Frau, Helene Thimig, eine Theaterschule eröffnet. Sie sollte der Grundstein für das Ensembletheater sein, in ihr wollte er aus der ungeheuren Zahl spielbegabter junger Menschen eine Auslese von Schauspielern heranbilden, die im Ideal dieses Berufes erzogen werden sollte. Hier war Reinhardt in seinem Element und arbeitete unermüdlich im Vereine mit seiner Frau, denn sie mußten nach dem eingeborenen Temperament viel verlangen, aber auch viel geben. Die Führung dieser Schule war um so schwieriger, als der Betrieb au den Schulgeldern bestritten werden mußte, während die Universitäten, die neben den Hauptfächern Theaterunterricht als Lehrfach führen, mit allen erdenklichen Hilfsmitteln ausgestattet sind. Aber alle diese Schwierigkeiten wußte Max Reinhardt zu überwinden und er hätte seinen genialen Plan verwirklicht, wenn nicht der Tod seiner groß angelegten Arbeit ein Ende gesetzt hätte.

Wir erfuhren von dem Dahinscheiden des größten Regisseurs durch eine kurze Notiz in der Presse, die noch nach dem Tode schmähende Worte für diesem Menschen fand, der an das deutsche Theater seinen Reichtum an Phantasie so überreich verschwendet hatte, daß es durch ihn mehr als ein Vierteljahrhundert zu universaler Bedeutung erhoben wurde. Wir wissen aber heute, daß er nicht nur dem deutschen Theater neue Impulse schenkte, daß auch in Amerika sein Wirken tiefen Sinn gehabt und dort untilgbare Spuren genialer Ausstrahlung hinterlassen hat.

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