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Literatur

Mehr als die Summe

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Tony Judts "Geschichte Europas" ist fundiert und packend geschrieben.

Mit der Lektüre eines fast tausend Seiten umfassenden Buches zu beginnen - das will gut überlegt sein, zumal wenn es sich um ein Sachbuch handelt. Doch Tony Judts "Geschichte Europas" ist jedem, der sich auch nur einen Deut für das gegenwärtige Europa interessiert, ans Herz zu legen. Dem britischen Historiker, der in den USA lehrt, ist das seltene Kunststück gelungen, eine fundierte und zugleich packende Darstellung der europäischen Geschichte seit 1945 zu schreiben, die man bereits nach den ersten Seiten nur ungern wieder aus der Hand legt.

Dabei war die Herausforderung für den Autor alles andere als gering. In den sechzig Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg ist viel passiert in Europa und auf der Welt. Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Entkolonialisierung, Zusammenbruch des Kommunismus, europäische Einigung - das sind nur Chriffren für einige der größeren Geschichten, die Judt seinen Lesern zu erzählen hat und die er auf außerordentlich gelungene Weise mit den vielen kleineren, nationalen Geschichten verwebt, so dass nirgends der Eindruck einer bloßen Addition entsteht. Dass Europa mehr ist als die Summe seiner Teile, das demonstriert dieses Buch auf beeindruckende Weise.

Pointierte Urteile

Die zweite Stärke dieser Geschichte Europas liegt darin, dass sie - bei allem Bemühen um Vollständigkeit - den Mut hat, Schwerpunkte zu setzen und pointierte Urteile zu fällen. Das macht die Lektüre anregend auch für denjenigen, der mit der europäischen Zeitgeschichte vertraut ist. So beginnt Judt seine große Erzählung mit einer Bilanz der Vertreibungen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa durchgeführt wurden, ein fundamentaler Vorgang, dessen Bedeutung erst langsam ins allgemeine Bewusstsein rückt. Umso richtiger ist, dass Judt ihn in den Vordergrund stellt, während hingegen seine implizit positive Bewertung - die Vertreibungen hätten die Landkarte Europas einfacher und damit weniger anfällig für Revisionismus gemacht - zur Kontroverse herausfordert.

Sehr pointiert tritt auch die antikommunistische Einstellung des Verfassers zutage. Sie zeigt sich bereits in der schonungslosen Darstellung des Stalinismus und seiner Verbrechen, dann des Aufstands von 1956, der zum Scheitern verurteilten Reformversuche der sechziger und siebziger Jahre, schließlich der zivilgesellschaftlichen Opposition in Polen und anderswo, die Judt mit großer Breite und Sympathie schildert. Aus dieser "osteuropäischen" Perspektive lassen sich viele westliche Phänomene relativieren. Die sechziger Jahre hält Judt ebenso für überschätzt - ein Jahrzehnt der "Nabelschau" und der "Fixierung auf den Stil" - wie die Studentenrevolte von 68. Und für Neomarxismus, Strukturalismus und andere intellektuelle Moden hat er bloß süffisante Bemerkungen übrig.

Die Bedeutung dessen, was damals in Osteuropa geschah: den Prager Frühling hätten die meisten westeuropäischen Intellektuellen in ihrem Narzissmus gar nicht erkannt.

Nichts zwangsläufig

Dass der Kommunismus Ende der achtziger Jahre plötzlich zusammenbrach, habe aber nicht an seinen inneren Widersprüchen gelegen, auch nicht am Rüstungswettlauf mit den Amerikanern, sondern an einem einzige Mann: Gorbatschow. Diese Erklärung ist typisch für Judts Geschichtsverständnis, nach dem nichts zwangsläufig passiert, sondern alles Ergebnis kontingenter Kräfte und Entscheidungen ist.

Letzteres gilt auch für die Europäische Union, deren Institutionen seit der Montanunion von 1951 durchweg als pragmatische Antworten auf konkrete Probleme entstanden sind und selten hehren Visionen folgten. Dass so manche zeitbedingte Entscheidung, wie etwa für die Gemeinsame Agrarpolitik 1960 oder den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung 1975, heute für gravierende Strukturprobleme sorgt, macht Judt deutlich.

Kritik an EU

Doch bei aller Kritik im einzelnen an der EU ist seine "Geschichte Europas" das Werk eines bekennenden Europäers, der die Vielfalt und Freiheit der europäischen Kultur ebenso preist wie die soziale Marktwirtschaft. Gerade im Vergleich zu den USA erweist sich für Tony Judt die zukunftsweisende Bedeutung des "Modell Europa".

Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart

Von Tony Judt

Hanser Verlag, München 2006

1024 Seiten, geb., e 41,10

Tony Judts "Geschichte Europas" ist fundiert und packend geschrieben.

Mit der Lektüre eines fast tausend Seiten umfassenden Buches zu beginnen - das will gut überlegt sein, zumal wenn es sich um ein Sachbuch handelt. Doch Tony Judts "Geschichte Europas" ist jedem, der sich auch nur einen Deut für das gegenwärtige Europa interessiert, ans Herz zu legen. Dem britischen Historiker, der in den USA lehrt, ist das seltene Kunststück gelungen, eine fundierte und zugleich packende Darstellung der europäischen Geschichte seit 1945 zu schreiben, die man bereits nach den ersten Seiten nur ungern wieder aus der Hand legt.

Dabei war die Herausforderung für den Autor alles andere als gering. In den sechzig Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg ist viel passiert in Europa und auf der Welt. Kalter Krieg, Wirtschaftswunder, Entkolonialisierung, Zusammenbruch des Kommunismus, europäische Einigung - das sind nur Chriffren für einige der größeren Geschichten, die Judt seinen Lesern zu erzählen hat und die er auf außerordentlich gelungene Weise mit den vielen kleineren, nationalen Geschichten verwebt, so dass nirgends der Eindruck einer bloßen Addition entsteht. Dass Europa mehr ist als die Summe seiner Teile, das demonstriert dieses Buch auf beeindruckende Weise.

Pointierte Urteile

Die zweite Stärke dieser Geschichte Europas liegt darin, dass sie - bei allem Bemühen um Vollständigkeit - den Mut hat, Schwerpunkte zu setzen und pointierte Urteile zu fällen. Das macht die Lektüre anregend auch für denjenigen, der mit der europäischen Zeitgeschichte vertraut ist. So beginnt Judt seine große Erzählung mit einer Bilanz der Vertreibungen, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa durchgeführt wurden, ein fundamentaler Vorgang, dessen Bedeutung erst langsam ins allgemeine Bewusstsein rückt. Umso richtiger ist, dass Judt ihn in den Vordergrund stellt, während hingegen seine implizit positive Bewertung - die Vertreibungen hätten die Landkarte Europas einfacher und damit weniger anfällig für Revisionismus gemacht - zur Kontroverse herausfordert.

Sehr pointiert tritt auch die antikommunistische Einstellung des Verfassers zutage. Sie zeigt sich bereits in der schonungslosen Darstellung des Stalinismus und seiner Verbrechen, dann des Aufstands von 1956, der zum Scheitern verurteilten Reformversuche der sechziger und siebziger Jahre, schließlich der zivilgesellschaftlichen Opposition in Polen und anderswo, die Judt mit großer Breite und Sympathie schildert. Aus dieser "osteuropäischen" Perspektive lassen sich viele westliche Phänomene relativieren. Die sechziger Jahre hält Judt ebenso für überschätzt - ein Jahrzehnt der "Nabelschau" und der "Fixierung auf den Stil" - wie die Studentenrevolte von 68. Und für Neomarxismus, Strukturalismus und andere intellektuelle Moden hat er bloß süffisante Bemerkungen übrig.

Die Bedeutung dessen, was damals in Osteuropa geschah: den Prager Frühling hätten die meisten westeuropäischen Intellektuellen in ihrem Narzissmus gar nicht erkannt.

Nichts zwangsläufig

Dass der Kommunismus Ende der achtziger Jahre plötzlich zusammenbrach, habe aber nicht an seinen inneren Widersprüchen gelegen, auch nicht am Rüstungswettlauf mit den Amerikanern, sondern an einem einzige Mann: Gorbatschow. Diese Erklärung ist typisch für Judts Geschichtsverständnis, nach dem nichts zwangsläufig passiert, sondern alles Ergebnis kontingenter Kräfte und Entscheidungen ist.

Letzteres gilt auch für die Europäische Union, deren Institutionen seit der Montanunion von 1951 durchweg als pragmatische Antworten auf konkrete Probleme entstanden sind und selten hehren Visionen folgten. Dass so manche zeitbedingte Entscheidung, wie etwa für die Gemeinsame Agrarpolitik 1960 oder den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung 1975, heute für gravierende Strukturprobleme sorgt, macht Judt deutlich.

Kritik an EU

Doch bei aller Kritik im einzelnen an der EU ist seine "Geschichte Europas" das Werk eines bekennenden Europäers, der die Vielfalt und Freiheit der europäischen Kultur ebenso preist wie die soziale Marktwirtschaft. Gerade im Vergleich zu den USA erweist sich für Tony Judt die zukunftsweisende Bedeutung des "Modell Europa".

Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart

Von Tony Judt

Hanser Verlag, München 2006

1024 Seiten, geb., e 41,10