Michael Landau, Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien, zu Gast beim Forum Sacré CSur.

"Wissen allein genügt nicht", es komme darauf an, Not zu sehen und zu handeln - denn "Gott zählt auf uns": Zum Auftakt der diesjährigen Präsentation der "Compassion"-Sozialprojekte referierte der Wiener Caritas-Direktor Michael Landau, anschließend stellte er sich den Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Sie haben sich erst als Jugendlicher taufen lassen und sind mit 32 zum Priester geweiht worden. Gab es irgendein einschlägiges Erlebnis, das zu diesen Entscheidungen geführt hat?

Michael Landau: Das war sehr unspektakulär. Ich habe zuerst Chemie studiert. In der Schule habe ich schon an den Chemieolympiaden teilgenommen, das hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe dann überlegt, ob ich Chemie oder Medizin studieren soll, mich schließlich für Chemie entschieden und eine Dissertation an der Grenze von Chemie und Medizin geschrieben. Während meines Studiums ist mir aber der Gedanke gekommen, ob nicht der richtige Lebensweg für mich sein könnte, Priester zu werden. Nun hat man ja als Naturwissenschaftler eine klare Vorstellung davon, was eine Wissenschaft ist - und dass Theologie sicher keine ist. Ich habe mir also gedacht, vielleicht erweist sich das Studium als quälend langweilig. Wider Erwarten habe ich aber festgestellt, dass es eine spannende Sache ist - und das hat mich in meinem Entschluss zum Priesteramt bestärkt.

Gibt es Kriterien für eine solche Lebensentscheidung?

Landau: Wenn es wahr ist, dass Gott einer ist, der mit Freiheit und Befreiung zu tun hat, dann gilt es auch immer dort, wo wir Entscheidungen treffen, in uns hineinzuhören: Führt das in die Weite? Führt das zu mehr innerer Freiheit? Ich glaube, dass Gott möchte, dass wir ein glückliches und gelungenes Leben führen.

Haben Sie es irgendwann einmal in Ihrem Leben bereut, Priester geworden zu sein, weil Sie z.B. gerne eine Familie gehabt hätten?

Landau: Ich hätte auch immer gerne eine Familie gehabt - aber so sind die Spielregeln. Das ist einfach eine Entscheidung, die man irgendwann trifft und bei der man hofft, dass man sie sein Leben lang gut leben kann. Manchmal wird das leichter sein, und manchmal ist das schwieriger, wie bei Ehen auch. Da ist es ja auch nicht so, dass man von einer Verzückung in die nächste fällt, das ist ja manchmal auch anstrengend. Es ist das eine wie das andere schön und lebbar und manchmal schwierig.

Sie haben einmal gesagt, jeder von uns könne dort, wo er steht, etwas verändern für Menschen, die in Not sind. Warum wollten Sie dann gerade Priester werden?

Landau: Ich bin nicht Priester geworden, weil ich Caritas-Direktor werden wollte. Ich bin Priester geworden, weil ich glaube, dass das der richtige Lebensweg für mich ist. Mein Weg zur Caritas hat sich auch ziemlich unerwartet ergeben. Mein Vorgänger Helmut Schüller hat mich gefragt, ob ich nicht sein Nachfolger werden möchte. So bin ich Caritas-Direktor geworden. Man soll sich überraschen lassen, was wird. Es ist jedenfalls eine schöne Aufgabe.

Wieso sind Sie überhaupt zum katholischen Glauben konvertiert?

Landau: Ich habe den Religionsunterricht bei uns in der Schule besucht, daher weiß ich, dass ein guter Religionsunterricht etwas ganz Wichtiges sein kann. Teilweise hat das auch einfach persönliche Gründe gehabt: Manche von meinen Schulfreunden waren kirchlich ziemlich engagiert, da bin ich immer wieder einmal mitgegangen und so hineingewachsen.

Wie ist Ihre religiöse Sozialisation vorher verlaufen?

Landau: Ich bin zuhause sozusagen neutral erzogen worden. Meine Mutter war katholisch, mein Vater ist mosaisch. Meine Eltern hatten sich darauf verständigt: "einmal schauen, wie das wird".

Wie stehen Sie - als Biochemiker und Priester - zu den heftig diskutierten Fragen der Gentechnik?

Landau: Zunächst handelt es sich bei der Gentechnologie einmal um ein Set von Methoden. Die Frage ist, an wem und in welchem Umfang, mit welcher Intention diese Methoden angewendet werden. Ich glaube, dass es dort heikel wird, wo es um die Instrumentalisierung des Menschen geht, wo ich sozusagen den Menschen nach Passform zu gestalten, wo ich ihn zu manipulieren versuche. Im Grenzbereich ist es, glaube ich, wichtig aufzupassen, dass wir nicht Türen aufstoßen, die wir dann nicht mehr zubekommen.

Es heißt immer wieder, es sei "sozial kälter" geworden - auch in Österreich. Stimmen Sie dem zu?

Landau: Wir sehen - und das bestätigt auch der jüngste Armutsbericht -, dass es zu einem Auseinanderwachsen sozialer Schichten kommt und dass offensichtlich eine erhebliche Zahl von Menschen vom steigenden Wohlstand nichts hat. Wenn man das will, dann soll man das auch sagen. Man soll aber nicht behaupten, es sei naturwüchsig. Es ist nicht naturwüchsig, sondern ein Ergebnis der Organisation von menschlichem Zusammenleben. Das kann man auch anders organisieren - wenn man will. Und ob wir das wollen, darüber sollten wir diskutieren.

Transkription: Gwendolin Korinek (7b)

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau