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Literatur

Mehrsprachigkeit wird Allgemeingut

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Je näher wir uns in Europa kommen, desto mehr wird die Bedeutung der Sprache zunehmen", prophezeit der belgische Sprachwissenschaftler Peter Nelde. Elf Arbeitssprachen gibt es in der EU, 45 weitere sind als Minderheitensprachen anerkannt: "Mehrsprachigkeit wird daher zum Allgemeingut", weiß Nelde. Kein Wunder, dass Europarat und EU das Jahr 2001 zum "Jahr der Sprachen" ausgerufen haben.

Neldes "Überlegungen zu einer europäischen Sprachpolitik" gehörten zum Brisantesten, was der diesjährige Österreichische Wissenschaftstag am Semmering zu bieten hatte. Denn vieles, womit die Linguistik zu aktuellen Problemen beitragen könnte, ist in Österreich kein Forschungsthema - etwa die Frage, was man aus der Vielsprachigkeit der Donaumonarchie für das Zusammenleben von verschiedenen Volksgruppen oder für das Funktionieren eines vielsprachigen politischen Gebildes wie der EU lernen könnte. "Es gibt niemanden, der in diese Richtung forscht", bedauert Emil Brix, Generalsekretär der Österreichischen Forschungsgemeinschaft.

Keine Plattform wurde beim Wissenschaftstag jenen geboten, die den angeblichen Sprachverfall, erkennbar am Einsickern von Fremdwörtern aus dem Englischen, beklagen. "Fremdwörter werden entweder schnell in die Sprache integriert und fallen dann nicht mehr als solche auf, oder sie verschwinden ebenso schnell", betont der deutsche Sprachwissenschaftler Wolfgang Raible. Vielmehr befänden sich die europäischen Sprachen in einer Phase des Ausbaus, konstatiert Raible. Der Grund: die ständige Entstehung neuer Textgattungen.

Jenes Medium, in dem derzeit sprachwissenschaftlich höchst interessante Entwicklungen ablaufen, ist das Internet. Neben Programmier- und Fachsprachen wie "Tech" oder "html" biete das Internet eine Vielzahl "kreoler Formen", wie der Berliner Informatiker Wolfgang Coy herausgefunden hat. Kreolensprachen sind Sprachen, die Sklaven auf Basis des ihnen von ihren Herren hingeworfenen Sprachmaterials (im Stile von: "Du nix schlafen, du arbeiten!") zumeist auf kleinen Inseln entwickelt haben. Wer einmal ein Chat-Forum im Internet besucht hat, kann diesen Gedanken sofort nachvollziehen.