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"Meine Schuhe bleiben länger neu!“

Seit 18 Jahren sitzt Tom Gschwandtner im Rollstuhl. Dieses Handicap hindert ihn nicht daran, ein guter Vater zu sein, raffinierte Bildrätsel zu kreieren oder leidenschaftlich gern Schmäh zu führen - zur Not auch über sich selber.

Tom Gschwandtner wartet vor dem Bahnhof im kleinen Waldviertler Ort Sigmundsherberg. Seine Frau Gabriele steht bereit, um ihm aus dem Auto zu helfen, einem schwarzen Mercedes, ausgestattet mit einem Handgas- und Handbremssystem. Sie ist die gute Seele des Hauses, oder wie ihr Mann es später ausdrücken wird: "Gabi ist ein Wahnsinn, ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte!“

Seit einem Verkehrsunfall im Alter von 25 Jahren ist Tom Gschwandtner querschnittgelähmt. "Eine klassische Rauschgeschichte“ erzählt der Waldviertler. "Mein Schwager ist am Steuer gesessen, ich hinten, Gabi am Beifahrersitz.“ Der Lenker fährt zu schnell in eine Kurve, woraufhin der Wagen die Böschung hinunterschlittert und sich überschlägt. Während der Lenker unverletzt bleibt, bricht sich seine damalige Freundin und jetzige Frau den 1. und 2. Halswirbel. "Das war noch ein Glück, denn wenn nur der 1. Wirbel bricht, bist du sofort tot“, erklärt ihr Mann. Nach zwei Operationen ist ihre Wirbelsäule wieder hergestellt.

Die erste, schlimme Zeit "da draußen“

Tom Gschwandtner hingegen erleidet Frakturen des 6. und 7. Halswirbels und bleibt vom Rumpf abwärts gelähmt. Einen Monat lang liegt er auf der Intensiv-, zwei weitere auf der Unfallstation. In der Reha werden seine Finger, die er ebenfalls nicht bewegen kann, durch spezielle Handschuhe in eine gebogene Stellung gebracht. "Das nennt sich Funktionshand“, erklärt der Grafiker. "So kann ich leichter nach Dingen greifen oder meine Computertastatur bedienen.“

Der Weg zurück ins Leben ist mühsam: "Am schlimmsten war die erste Zeit, draußen‘, wenn ich mit dem Rollstuhl im Schnee stecken geblieben oder vor einer Gehsteigkante gestanden bin“, erzählt Gschwandtner. Das gemeinsam Durchlebte schweißt ihn und seine Lebensgefährtin freilich auch zusammen: Ein Jahr nach dem Unfall heiraten die beiden, danach beginnen sie mit dem Bau eines barrierefreien Hauses: Ein Lift befördert den Rollstuhlfahrer vom Erdgeschoss in den ersten Stock. Mittlerweile gibt es auch einen Pool: "Früher war ich leidenschaftlicher Schwimmer, heute plansche ich im Wasser wie ein kleines Kind. Bei meinem ersten Schwimm-Versuch habe ich mit einer Neopren-Jacke getrickst, die ein wenig Auftrieb gibt - das bringt zwar keine guten Haltungsnoten, aber ich geh nicht unter“, lacht der 43-Jährige, der von sich selbst sagt, dass er "immer gern Schmäh geführt“ habe. Seine Frau, die aus der Küche zuhört, stimmt in das Lachen ein. Überhaupt wird viel gescherzt im Hause Gschwandtner: "Natürlich tue ich mir manchmal leid. Es ist eine Gratwanderung: Man hält vieles aus, aber ab einem gewissen Punkt wird es zuviel. Meine Schulter etwa quält mich seit zwei Jahren, das zermürbt schon manchmal.“ Aber dann sehe er wieder Menschen wie einen Bekannten, der "komplett gelähmt ist, kaum sprechen kann und trotzdem unglaublich positiv denkt. Das hilft.“ Er selber glaubt jedenfalls an die Macht der Gedanken: "Wenn ich mir denke, dass schön langsam ein neues Projekt reinkommen könnte, kann ich mir sicher sein, dass bald darauf das Telefon klingelt.“

Seit dem Jahr 2000 ist Gschwandtner geringfügig in der "Datenschmiede“, dem Grafik- und Webdesign-Unternehmen seiner Frau Gabriele, angestellt. "Da ich auf dem Papier als hunderprozentig erwerbsunfähig gelte, darf ich nicht mehr Stunden arbeiten, obwohl es sicher möglich wäre“, erklärt er. Vor einem Jahr kam ihm dann die Idee mit den "feinhirn“-Bildrätseln, bei denen es darum geht, dargestellte Begriffe beim Namen zu nennen, auf den Klang zu achten, ihn etwas zu modifizieren und schräg zu kombinieren. Ursprünglich nur als Spaß gedacht, habe ihn eines Tages ein Hoteldirektor angerufen und gefragt, ob er nicht Interesse an einer Ausstellung hätte. Mit dem Cartoonisten Otto Kainz ist schnell ein kongenialer Partner gefunden. Heute sind die Werke des kreativen Duos im Karikaturmuseum Krems zu bewundern. Gschwandtners achtjähriger Sohn Max steuert manchmal Ideen bei: "Ein Ei, das auf einem Bett liegt, ist ein iPad“, sagt er lachend. "Ist doch ganz einfach.“

Für Kinder hat sich das Ehepaar Gschwand-tner "sehr bewusst“ entschieden. Max‘ Schwester Nina ist mittlerweile fünf Jahre alt. "Am Anfang habe ich Angst gehabt, dass ich den beiden nicht einmal die Nase putzen könnte“, erinnert sich ihr Vater. "Aber es hat - auch dank Gabi - immer alles funktioniert.“ Der Familienvater legt viel Wert darauf, seine Kinder in keine Helferrolle zu drängen. "Natürlich unterstützen sie mich, aber sie lassen sich genauso gerne bedienen“, meint er lächelnd. Mit Max setzt er sich manchmal ins Auto, dreht Musik auf und fährt durch die Gegend. "Das ist für mich der Inbegriff von Freiheit.“

Politisch unkorrektes Rollstuhl-Kabarett

Die Frage nach den Bedingungen für Rollstuhlfahrer kostet Gschwandtner hingegen nur ein müdes Lachen: "Auf der Wiener Kärntnerstraße wurde vor kurzem um 100 Millionen Euro ein mehrstöckiges Geschäft errichtet, wo die Toiletten in Zwischengeschoßen untergebracht sind. Und die sind nur über Stufen erreichbar. Oder in Horn gibt es ein Einkaufszentrum ohne einen einzigen Lift. Da fragt man sich schon, wie viel es kosten kann, einen Aufzug einzubauen!“

Aber es gäbe auch Vorteile, sagt Tom Gschwandtner, der gerade darüber nachdenkt, sein Leben in einem Buch oder einem "politisch völlig unkorrekten Rollstuhl-Kabarett“ zu verarbeiten. Da sind zum Beispiel die extra großen Parkplätze - sofern sie nicht gerade zugeparkt sind. Oder die Tatsache, dass Rollstuhlbenutzer im Praterstadion gleich neben dem Fußballfeld Platz nehmen dürfen, ohne Eintritt zahlen zu müssen. "Der größte Vorteil aber ist: Die Schuhe bleiben länger neu und die Füße tun dir nicht weh!“, sagt der 45-Jährige verschmitzt. Da ist er wieder, dieser unbesiegbare Humor.

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