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Meister der romantischen Oper

Durch die Welt jettende Stars, denen die großen Opernhäuser ;als

Durchhäuser für ihre Selbstdarstellung dienen, sind keine Erfindung unserer Zeit. Mochten die Reisemöglichkeiten im vorigen Jahrhun -dert auch begrenzt gewesen sein, so hielt das die großen Künstler doch nicht davon ab, überall in Europa mit Hofopernhäusern, bürgerlichen Theatern und Konzertvereinigungen Verträge einzugehen. Ein Musiker schlug aber alle seine Zeitgenossen: Domenico Gaetano Donizetti, der mittlere des legendären italienischen Komponisten-Dreigestirns Rossini-Donizetti-Bellini, besaß in der Zeit seiner großen Erfolge sogar einen eigenen, luxuriös ausgestatteten Reisewagen, in dem er zwischen den Opernmetropolen Mailand, Rom, Neapel, Palermo, Venedig, Wien und Paris pendelte - und dabei fraglos einen Rekord aufstellte.

Donizetti erlebte (und erlitt) ein romantisches Künstlerschicksal: Ein aus der Fülle seiner Kraft, seines Könnens, seiner Phantasie Schöpfender - himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Aufstieg aus dem Nichts, in olympische Höhen. Ein Liebkind der Monarchen, des Adels und des „modernen” Bürgertums. Sie alle zieht er mit seiner sinnlichen Melodik in seinen Bann. Dann: Vereinsamung, ein Absturz in Geisteskrankheit, vermutlich als Folge einer Syphiliserkrankung in der Jugend. In der Irrenanstalt von Ivry bei Paris dämmert er dahin, bis man ihn in seine Heimatstadt Bergamo bringt. Dort stirbt er am 19. September 1848. Fast unbemerkt von Europas Gesellschaft, die im Revolutionsjahr 1848 andere Sorgen hat und bald in Panik die Koffer packt. In Wien erscheint nicht einmal eine Notiz vom Tod des Meisters. Der Komet ist verglüht.

Er war am 29. November 1797 - genau vor 200 Jahren - im italienischen Bergamo in ärmlichste Verhältnisse geboren worden. Simon Mayr holte den Buben zu den „Lezioni caritate-voli” seiner Musikschule; mit siebzehn singt Gaetano Baßbuffo-Rollen und ist ein hervorragender Instrumentalist; man schickt ihn nach Bologna, wo er Quartett- und Symphoniekomposition studiert (von einer Sin-fonia ist verbürgt, daß er sie in einer

Stunde schrieb!). Seine ersten Opernversuche werden in Venedig und Mantua aufgeführt. Die Freundschaft mit dem Librettisten Merelli weckt Donizettis Theaterleidenschaft: 1822 feiert er mit „Zoraide di Granata” in Rom seinen ersten Erfolg. Neapel und Mailand folgen. Rom, Mailand, Neapel, Palermo sichern sich die Mitarbeit des ungewöhnlichen 25jährigen, dem jährlich vier große Opern aus der Feder fließen, der aber auch -unter dem Druck, Geld verdienen zu müssen -zum hervorragenden Gesangsmeister, Repetitor, Regisseur und Direktor wird. Ein besessener Theatermann, der seine Ideen von der romantischen Historien-oper entwickelt, der die Orchesteraufstellung reformiert, der die Szene erfindungsreich belebt.

1827 wird für ihn ein „Schlüsseljahr”: Der neapolitanische Impresario Domenico Rarbaja, ein Gigant des

Musikgeschäfts, der seine Fäden zwischen Mailand, Neapel, Wien, Paris spinnt, beauftragt ihn, zwölf Opern zu schreiben und hievt ihn 1829 auf den Thron des Musikdirektors der königlichen Theater. Der Komet Donizetti steigt auf in olympische Höhen. Höchste Zeit für die „krönenden Angebote” seiner Karriere: Wie vor ihm die Italiener Gasparo Spontini, Luigi Cherubini, Gioacchino Rossini und Giovanni Bellini wird nun auch Donizetti ans Pariser „Theätre des Italiens” berufen. Auf Rossinis Empfehlung. Er wird vom König von Neapel zum Lehrer für Kontrapunkt und Komposition am Real Collegio ernannt. 1838 übersiedelt er nach Paris, um mit dem ersten Librettisten der Epoche, Eugene Scribe, zusammenzuarbeiten. Und als er 1842 - nach Rolo-gna- in Wien die Erstaufführung von Rossinis „Stabat mater” dirigiert und gleich darauf im Kärntnerthor-Theater die Uraufführung seiner Oper „Linda von Chamounix”, eines Wiener Auftragswerks, liegt ihm Wien zu Füßen.

Die Reichshaupt- und Residenzstadt feiert „ä la Donizetti” - in den Salons, in der Mode, beim Essen. Der schwarze Wuschelkopf bezauberte die Aristokratinnen und Bürgerlichen. Josef Kriehuber malt sein hinreißendes Porträt voll feiner Melancholie. Kaiser Ferdinand I., seine Familie und Staatskanzler Fürst Metternich sind von ihm so begeistert, daß Donizetti zum k. k. Hofkapellmeister und Kammermusikdirektor und vor allem zum k. k. Hofkomponisten ernannt wird -ein Amt, das vor ihm Mozart bekleidete. Er wird vom Kaiser mit dem Orden der Eisernen

Krone ausgezeichnet, nachdem er in Paris schon Ehrenmitglied des Institut de France und Ritter der Ehrenlegion geworden war.

Donizetti sollte diesen Ruhm nur kurz genießen. Er pendelt zwischen Paris und Wien. Sein letztes Meisterwerk „Don Pasquale” entsteht. Noch während dieser Arbeit treten 1843 erste Anzeichen der Geisteskrankheit auf, die man seiner Überarbeitung zuschreibt. Der Zustand des „Ausgebranntseins” verschlimmert sich rapid. Ein Jahr später dia-. gnostizieren die Ärzte der Anstalt Ivry: Paralyse.

Schon die Zeitgenossen empfanden Donizettis Fleiß als Obsession. Waren doch romantisches Genie, Ehrgeiz, Arbeitswut und unstete Rastlosigkeit, mitunter bis zum Gefühl des Getriebenseins, so gepaart, daß Heinrich Heine spottete, Donizettis Produktivität werde nur von Kaninchen übertroffen ... Tatsächlich entstanden zwischen 1822 und 1845 siebzig Opern und Hunderte andere Kompositionen.

Und seine Ehe mit der römischen Advokatentochter Virginia Vaselli, mit der er sich in Neapel niederließ, endete „symptomatisch”: Nach der Heirat 1829 hat Virginia ihren Gae-tano nur selten gesehen; sie gebar ihm zwei Kinder - Totgeburten! - und starb selbst, kaum 29, 1837 an der Cholera. Donizetti kehrte für wenige Tage in sein prunkvolles Unglückshaus in Neapel zurück, versperrte dort das Zimmer Virginias und betrat es nie wieder. Ihrem Bruder, der ihn um eine Locke der Schwester gebeten hatte, schrieb er: „Daß du den Mut hast, eine Locke ihres Haares anzusehen, bei Dir zu tragen, beweist mir, daß du stärker bist als ich.”

Obwohl es nach Donizettis Tod um das Riesenoeuvre des Vielschreibers sehr still wurde, überlebten doch zumindest drei Werke: „Lucia di Lammermoor” war und ist abseits aller Moden ein Meisterwerk, eine Kultoper des Schöngesangs und in ihrer Verwandtschaft zur Schicksalstragödie das Ideal einer romantischen Oper; ,,L' Elisir d'amore”, die bezaubernde Oper um einen Dorftölpel, der durch einen „Liebestrank” zum Mann wird, ließen sich die größten Tenöre wie Luciano Pavarotti oder Jose Car-reras zu keiner Zeit entgehen; und „Don Pasquale” zählt zu den brillantesten Buffo-Opern überhaupt. Werke wie „La Fille du Regiment” oder „La Favori-ta” konnten dank berühmter Sänger überleben.

Aber erst der Entdeckerfreude mancher Opernchefs, Festspiel-Intendanten, Dirigenten und berühmten Sängerinnen und Sänger unseres Jahrzehnts ist es zu danken, daß etwa Donizettis große Historienopern heute wieder gespielt werden. Faszinierende Bühnenpersönlichkeiten wie Agnes Baltsa, Edita Gruberova, Lucia Aliberti oder Mara Zampieri haben „Anna Bolena”, „Maria Stuarda”, „Boberto Devereux” und die raffinierte Kunst des Belcanto und der Koloraturen gerade in den vergangenen Jahren zu Triumphen geführt. Die Baltsa, die Gruberova und Francisco Araiza feierten etwa in der Wiener „Stuarda” Triumphe; und die Gruberova ist in dieser Saison das Ereignis der Wiener „Linda von Chamounix”, die zum 200. Geburtstag des Komponisten der Vergessenheit entrissen wurde (und nun auch an der Mailänder Scala aufgeführt wird). Sie trafen damit auch den sich wandelnden Geschmack des Publikums: Die tragische Oper der italienischen Bo-mantik konnte, nicht zuletzt dank großer Donizetti-Erfolge, neuentdeckt und unter neuen Vorzeichen interpretiert werden.

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