Claire Keegan - © Foto: Getty Images / David Levenson

Misogynie: Claire Keegans Erzählung "Reichlich spät"

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Ein schmaler Band und ein gewichtiges Thema, das erst entdeckt werden muss: Die irische Schriftstellerin Claire Keegan erzählt in „Reichlich spät“ alltägliche Formen von Frauenfeindlichkeit.

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Ein schmaler Band und ein gewichtiges Thema, das erst entdeckt werden muss: Die irische Schriftstellerin Claire Keegan erzählt in „Reichlich spät“ alltägliche Formen von Frauenfeindlichkeit.

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Viel passiert nicht, an jenem Freitag, dem 29. Juli, an dem der Buchhalter Cathal im Dubliner Büro sitzt und aus dem Fenster schaut. Das Wetter ist so wie vorhergesagt, nämlich prächtig, die Sonne scheint.

Doch die Zeit mag an diesem Tag nicht so recht vergehen, und Cathal ist mit seinen Gedanken offenbar woanders, denn die Budgetverteilungsdatei schließt er, noch bevor er sie gespeichert hat. Die Kollegin hört auf ins Handy zu lachen, als sie ihn beim Kaffeeautomaten trifft, der Chef bietet ihm freundlich an, er könne heute gerne früher gehen. Doch Cathal schreibt erst noch copy and paste ein paar abschlägige Antworten auf Bewerbungen. Dann steigt er in den Bus und fährt in sein Haus aufs Land. Dort wartet Post auf ihn, ein welker Blumenstraß vor der Tür, kein frisches Essen im Kühlschrank – und eine Katze, die er (versehentlich?) im Badezimmer eingesperrt hat.

Eine simple Liebesgeschichte?

Viel passiert nicht, in Claire Keegans Erzählung „Reichlich spät“, jedenfalls nicht in der Gegenwart. Das meiste spielt sich in Cathals Erinnerungen ab. Im Bus und allein im Haus denkt er daran, wie er Sabine kennengelernt hat, wie sie bei ihm eingezogen ist, wie sie beschlossen haben zu heiraten – und wie daraus dann doch nichts geworden ist. Es ist ein trauriger Tag für Cathal, denn es wäre der Tag der Hochzeit gewesen. Eine simple Liebesgeschichte also, mit keinem Happy End? Nein, Keegan führt in dieser kurzen, in der deutschen Übersetzung gerade nur 55 Seiten langen Prosa in andere Schichten des Geschehens und des menschlichen Miteinanders.

Von harmlos bis unerträglich

Der Blick, der hier eingenommen wird, ist jener des Mannes. Was Sabine denkt und fühlt, bleibt daher unerzählt, außer sie spricht es aus. Cathal, ein Durchschnittstyp, fällt nicht weiter auf; er erscheint auf den ersten Seiten langweilig und mit ihm auch die Geschichte, und man fragt sich lesend: Worauf will Claire Keegan eigentlich hinaus?

Die irische Schriftstellerin, bekannt als Meisterin des reduzierten Erzählens, weiß, wann sie wie Informationen verteilt. Die Sichtweise dieses Mannes soll erst nach und nach als unerträgliche und gar nicht harmlose entlarvt werden. Und zwar ohne dass je eine Erzählinstanz eingreifen müsste, erklärend, urteilend oder denunzierend. Nein, die
Aufgabe des Erkennens müssen die Lesenden selbst übernehmen.

Mehr als Kleingeist

Je mehr erzählt wird, desto fragwürdiger wird Cathals Sichtweise auf die Dinge und vor allem auf die Frau, die er zu lieben meint. Es sind Alltäglichkeiten und Kleinigkeiten – etwa das Erstaunen darüber, wie viel Geld sie leichthändig ausgibt beim Einkaufen –, die Schritt für Schritt ein sehr kleingeistiges Gemüt offenbaren.

Dieses ist aber nicht auf den Umgang mit Finanzen beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf den Bereich der Emotionen. Und es ist mehr als Kleingeist. Sichtbar werden vielmehr in Cathals Denken und Sprechen Formen der Abwertung, und zwar solche, die womöglich dort wie da noch so alltäglich sind, dass sie kaum auffallen. Sie zeigen sich in der Art, wie Cathal Sabine fragt und argumentiert, ob sie heiraten sollen, sie steigern sich in der Weise, wie er kommentiert, was sie alles mitbringt, als sie bei ihm einzieht: „dieses ganze Zeug“.

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