7136966-1997_50_12.jpg
Digital In Arbeit

Mit der Kraft der Sehnsucht

Die Sehnsucht ist der Weg zum I limmel" formulierte ein anonym gebliebener christlicher Mystiker des Mittelalters. Für Claus Eurich ist Sehnsucht der Hunger des 1 lerzens nach Gott: „Hier geht es um leidenschaftliches, liebendes Verlangen, um den Hunger des Herzens nach dem 1 löchsten und Guten, nach dem, was zumeist so unerreichbar scheint. Wo diese Sehnsucht brennt, bestimmt sie das Leben, sind Menschen ergriffen von dem, was sie nicht greifen können."

Wer so spricht, das ist kein Theologe oder Priester. Claus Eurich ist in seinem akademischen Brotberuf Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaften in Dortmund. •In dieser Funktion schrieb er mehrere Fachbücher und gesellschaftskritische Bücher und leitete Zukunftswerkstätten im Sinn von Bobert Jungk.

Doch 1993 erschien von ihm ein ganz anderes Buch. Es hieß „Aufruf zu einem neuen Orden. Gemeinsam für die Schöpfung gegen Ohnmacht und Resignation". Als Reaktion auf dieses Buch und in Folge zahlreicher Begegnungen gründete Claus Eurich ein Jahr später 1994 den ökumenischen Orden „Schöpfungsgemeinschaft".

Der große Philosoph des Prinzips Verantwortung, Hans Jonas, hat einmal die Vermutung geäußert, „daß die äußerlich guten Zeiten mit einer inneren Verwüstung des Menschen erkauft sein können, die vielleicht nicht weniger irreparabel wäre als die der Umwelt." Die äußere Verwüstung, die sich als Umweltkrise mit ihren vielfältigen Katastrophen zeigt, und die innere Verwüstung, deren Symptome unter anderem die Hoffnungslosigkeit, Leere, Sinnlosigkeit, Depression heißen, waren für den heute 47jährigen Claus Eurich Ausgangspunkt für die Suche nach einem neuen I>ebensstil.

Enttäuscht von der Erfahrung der achtziger Jahre, daß eine Politik der Zerstörung nicht mit Gegengewalt bekämpft werden kann, kam es bei Eurich allmählich zu einer inneren Umorientierung. Im Sinn von Martin Buber versteht er die gegenwärtige Entscheidungszeit als „Kultur des Hindurch" und meint damit: „Faktisch gegründete Ohnmacht gilt es anzunehmen; was sich überlebt hat, darf sterben. Doch die Haltung des Hindurch trägt den Namen Trotzdem. Hinter jedem Tunnel wartet Licht. In jeder Katastrophe verbergen sich bereits mögliche Kräfte und Konturen des Neuen ... Hindurch setzt alles auf die Karte des göttlichen Auftrags, unter dem wir stehen und handeln sollen."

Haben statt Sein

Mystik und Politik, das ist für Claus Eurich ganz im Sinne von Karl Rahner kein Widerspruch, im Gegenteil. Der mystische Lebensstil ist politisch in höchstem Maße, „denn an ihm prallen nicht nur die Ansprüche einer auf I laben und Resitz versessenen Kultur ab, er verwandelt auch alles Handeln von innen heraus. Mystik und Politik sind eins."

Das Herzstück des mystischen \je-bensstils ist die Kontemplation, das Schweigen vor Gott. Es gilt zu entdecken, daß Kampf und Kontemplation, Tun und loslassen, Sturm und Stille, Gestalten und Staunen, prophetisches Wort und tiefes Schweigen einander bedingen, „sie sind eins, das eine gebiert das andere und muß verkümmern ohne sein Pendant".

Die Kraft der Sehnsucht steht auch auf dem Programm des von Franz Josef Köb gestalteten „Salzburger Nachtstudios" am Mittwoch, 17. Dezember, um 21.01 Uhr in Österreich 1, Claus Eurich sucht in seinem Buch „Die Kraft der Sehnsucht. Kontemplation und ökologisches Engagement" (Kösel Verlag) lebbare Antworten auf die | Krise unserer Zeit.

In den Predigten und Traktaten des Meister Eckehart findet sich die Klage;

Gott ist allzeit bereit, wir aber sind sehr unbereit;

Gott ist uns nahe, wir aber sind ihm fern;

Gott ist drinnen, wir aber sind draußen.

Diese Klage gilt heute ganz allgemein und in dieser Vorweihnachtszeit in besonderem Maße. Geschäftigkeit, Hektik, Einkaufsstreß verdunkeln die Intuition, mit deren Hilfe wir spüren könnten, daß Gott allzeit bereit, uns nahe und schon drinnen ist. Was sich aber in dieser Zeit abspielt, das ist für Claus Eurich eine veräußerlichte Form der Sehnsucht, eine Form, die den großen Geheimnis und Jenseitsdrang der Menschen in Produkte und Märkte preßt.

Das Ewige wird nicht mehr bei Gott, sondern im Vergänglichen gesucht, in dem, was man kaufen und besitzen kann. Diese sekundäre Sehnsucht kennt viele Irrwege, vom Auto, das Mobilität und Freiheit verspricht, über Mode, Kosmetika, Pharmapro-dukte bis hin zum drogenähnlichen Gebrauch von Medien und Popmusik. Die Erlebnisgesellschaft stachelt zur Jagd nach dem Außergewöhnlichen an, deren Ergebnis vielfach in Langeweile, Verbitterung, Entwurzelung, Verunsicherung, Angst besteht. Sie blockiert das Innehalten und verstellt die Chance zum Durchbruch in das Wesentliche. Im mediativen Schweigen erkennt Claus Eurich die entscheidende Gegenstrategie zum allgegenwärtigen Streß und den entscheidenden Weg hin zum Absoluten: „Im Schweigen bricht das Numinose in uns herein. Über das Schweigen finden wir zurück, nach vorne, zu uns selbst, zu Gott."

Die Kontemplation steht für Claus Eurich jenseits aller spirituellen Weltflucht: „Erst das Schweigen vor Gott führt zu wahrhafter Welt-Begegnung, richtet uns aus auf die Welt fin Offenheit ... Der Glaube und die Sehnsucht nach dem Himmel, nach dem Letzten, nach Gott, befreien uns nicht aus der Solidarität mit dieser Erde und entlasten uns nicht von der Notwendigkeit und Dringlichkeit des Tuns."

Die Verbindung von Aktion und Kontemplation, die Verantwortung für die Welt, kommt auch in den sieben Kernpunkten zum Ausdruck, die Claus Eurich für den Orden „Schöpfungsgemeinschaft" gewissermaßen als Lebensregeln formuliert hat. Die Mitglieder dieses Ordens leben nicht stationär in einem Haus, sondern sind verstreut in alle Himmelsrichtungen an den Plätzen, wo sie beruflich und familiär leben. Sie bilden eine Art Diasporagemeinschaft und fühlen sich folgenden Punkten verpflichtet:

1. Uberkonfessionalität, Jede(r) kann Mitglied ihrer (seiner) Kirche bleiben und stellt dabei das Verbindende über das Trennende.

2. Franziskanischer Geist im Sinn einer Spiritualität der Schöpfung. Es geht dämm, die Schöpfung zu lieben, zu erkennen, wie sanft und zerbrechlich sie ist, wie notwendig sie vor Zerstörung geschützt werden muß.

3. Einfachheit im Sinn einer Spiritualität des Loslassens. Es wird auf all das verzichtet, was man zu einem ben in Würde nicht braucht. Einfachheit meint einen Weg der Entsorgung und Entmüllung von all den Dingen und Verhaltensweisen, die uns abhängig machen. Das betrifft konkret solche Fragen wie den Umgang mit den Medien der Unterhaltungsindustrie oder die Benutzung des Autos.

4. Achtsamkeit und Gewissensverpflichtung statt Gehorsam. Kein Mensch kann Stellvertreter Gottes auf Erden sein, Gott spricht im letzten immer nur zum einzelnen Menschen. Voraussetzung dafür ist die Kontemplation, das heißt täglich Zeiten des Schweigens, der Besinnung, der Lesung zu suchen und einzubauen in den Alltag, damit wir Entscheidungszeit spüren.

5. Ahimsa = Geist des Nicht Verj letzens. Alles Leben hat seine ei Würde und darf nicht verletzt oder gar getötet werden. Das hat zum Beispiel als praktische Konsequenz, sich selbstverständlich vegetarisch zu ernähren, nicht aus einer bestimmten Gesundheits-Ideologie heraus, sondern aus der Erkenntnis, daß in einer Zeit, wo Tiere vernutzt und als Gegenstände betrachtet werden, in einer Zeit der industriellen Massentierhaltung und Massenschlachtung nur Verzicht und Askese die Würde der Tiere gewährleisten.

6. Geschwisterlichkeit = füreinander da sein, sich gegenseitig begleiten auf dem Weg und umeinander kümmern, wenn es nötig ist, ein Netzwerk des Getragen-Seins aufrichten.

7. Dankbarkeit: Gerade in einer Zeit der Massenvernichtung, der Kriege, der globalen Zerstörung ist es wichtig, den Blick für die Schönheit der von Gott geschaffenen Schöpfung, für die darin angelegten Wunder nicht zu verlieren und zu erkennen, daß nichts selbstverständlich ist. Therese von Lisieux drückte diese Dankbarkeit so aus: „Singen werde ich, auch wenn ich meine Blumen mitten aus Dornen pflücken muß."

Der Autor ist

Programm- Mitarbeiter im ORFLandesstudio Vorarlberg. Er ist verant wortlich für die Sendung „Focus Themen fürs Leben " undfür die Reihe „Fragen unseres Daseins", in der auch der Vortrag von Claus Eurich über die „Kraft der Sehnsucht" gehalten wurde.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau