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Mit grosser Lust am Fabulieren

1945 1960 1980 2000 2020

Michael Stavaric misstraut der Geschichte. Er erzählt daher mit seiner Prosa über einen Zoohändler, der bei mehr als einem Schiffsunglück seine Finger im Spiel hat, eine Geschichte, die auch erzählt, dass es so ganz sicher nicht gewesen ist.

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Michael Stavaric misstraut der Geschichte. Er erzählt daher mit seiner Prosa über einen Zoohändler, der bei mehr als einem Schiffsunglück seine Finger im Spiel hat, eine Geschichte, die auch erzählt, dass es so ganz sicher nicht gewesen ist.

BOOKLET: Bei der Durchsicht der Literatur dieses Herbstes fiel mir auf, dass sich viele Literaten der Geschichte widmen. Dann schlug ich Ihr Buch auf und fand mich erst recht in einem "Geschichtsbuch". Warum der Gang in die Vergangenheit?

Michael Stavaric: Ich habe mich des Themas angenommen, weil ich eine Art Persiflage machen wollte auf jene Weisen von Literatur oder Kino, die Aussagen bündeln in einem neohistorischen Gewand, um über die Gegenwart zu sprechen. Ich misstraue der Geschichte sehr, ich misstraue auch jeder Art von historisch Überliefertem, bei dem sich alle einig sind: So ist das passiert. Selbst der Augenzeuge hat doch seine Art von Wahrnehmung und Verfremdung, und wenn er erzählt, hat er schon umgestaltet. Ich glaube, es ist schwierig, von einer Geschichte der Fakten zu sprechen. Mich interessiert der Punkt, wo Geschichte Fiktion wird, wo man bewusst die Geschichte manipuliert, neu anordnet. Mir liegt an der Aussage, so wie ich es erzähle, ist es ganz sicher nicht gewesen, und auch dem gegenüber, was andere vorgeben oder behaupten, es sei so oder so abgelaufen, hege ich großes Misstrauen. Insofern ist der Text eine Art Persiflage, der Versuch einer Neuschreibung einer Geschichte, die so nicht wahr ist und auch anders nie wahr sein kann.

BOOKLET: Literatur kann also die fiktionalen Elemente der Geschichtsschreibung aufdecken.

Stavaric: Ich behaupte, die Wahrheit gibt es gar nicht. Man sieht es, wenn Geschichtsbücher umgeschrieben werden, je nach Ideologie, die dahintersteht. Es ist auch so, dass im Laufe von Jahrhunderten angeblich hundertprozentig erwiesene geschichtliche Fakten sich plötzlich als anders erweisen. Plötzlich sind die Dinosaurier nicht durch einen Kometeneinschlag ausgestorben und plötzlich ist vielleicht die Titanic nicht mit einem Eisberg kollidiert, sondern mit einem anderen Schiff und das ist abgehauen oder was auch immer. Für mich ist das alles genauso glaubhaft, wie das allgemein anerkannte, überlieferte, angebliche Faktum.

BOOKLET: Umberto Eco hat Beispiele dafür erzählt, wie oft Fälschungen und Fiktionen Geschichte geschrieben haben ...

Stavaric: Fiktionen sind markanter und mit einer gewissen Lust am Fabulieren produziert. Die Lust des Menschen, Geschichten zu erzählen, betrifft auch die Geschichtsschreibung. Geschichten erzählt man, indem man sie ausschmückt, uminterpretiert, Pointen setzt, indem man mit allen möglichen dramaturgischen Elementen arbeitet. Das wollte ich in "Magma" alles ein bisschen anreißen ...

BOOKLET: Sie machen das - für manche vielleicht auch verstörend -, indem Sie auch sehr lakonisch, sehr salopp über Katastrophen schreiben.

Stavaric: Die Geschichte der Menschheit ist, wenn man sie rückblickend betrachtet, eine Ansammlung von großen, gewaltigen Ereignissen und sehr vielen mittleren, kleinen und "unbedeutenden" Begebenheiten. Mir kommt vor, dass man, wenn man sich durch Geschichtslexika durchliest, zu einem Punkt gelangt, wo alles in der Geschichte, aus der Gegenwart betrachtet, gleich wird. Ob ein Blitz einen hundertjährigen Baum zerstört hat oder ob die Titanic gesunken ist: irgendwann gleichen sich diese Dinge an. Sie werden zu einer breiigen schweren Masse, die tendenziell eher negativ ist. Man merkt sich ja eher das Negative, die negativen Folgen eines Fortschritts, um den es mir auch gegangen ist. Der Untergang der Titanic ist dann genauso wichtig wie irgendein Fährunglück im Ärmelkanal, bei dem fünf Menschen ertrunken sind. Und je mehr Zeit verstreicht, und deswegen vielleicht auch dieser lakonische Stil, verlieren die Dinge ihren Schrecken, ihre unmittelbare Schärfe ...

BOOKLET: Das ist nachvollziehbar, wenn es um "Schicksal" in diesem Sinne geht, kaum aber, wenn es darum geht, was Menschen einander angetan haben. Mir ist aufgefallen, dass bestimmte Episoden aus der Geschichte nicht angesprochen werden ...

Stavaric: Die Auswahl der Geschichten war sehr schwierig. Ich fokussierte mich auf die Schifffahrtsgeschichten, dadurch war klar, dass es um Naturkatastrophen geht, um etwas, das in der Geschichte der Menschheit eher als Fortschritt angesehen wird, das aber in Katastrophen mündete. Ich glaube, es gibt keine einzige Entdeckung, die nicht auch Negatives hervorgebracht hätte. Oft erkennt man erst Jahrhunderte später die Negativfolgen. Was der Mensch tut oder sich antut, ist erst über eine längere Sicht erfahrbar. Das war das Reizvolle an dieser Figur, die in der Lage ist, die Geschichte über einen längeren Zeitraum zu überblicken. Die Gestalt, die in "Magma" als Erzähler durch die Geschichte führt, ist eine Figur, die ich schon immer einmal machen wollte, so eine Gottallmachtsmephistofigur, die allein dadurch, dass sie da ist, Schicksal spielt.

BOOKLET: Warum als Begleiter ein Hamster namens Bruno?

Stavaric: Das war wirklich eine Schnapsidee. Hätte ich einen Hamster, würde ich ihn Bruno nennen.

BOOKLET: Ich habe beim Lesen auch an Giordano Bruno und seine Idee von den unendlichen Welten gedacht, eine Idee, für die er auf den Scheiterhaufen kam ...

Stavaric: Ich hab's nicht darauf angelegt, aber ich mag es, dass man als Leser diesen Spielraum bekommt.

BOOKLET: Kennen Sie den Roman "Die Schöpfung. Das Leben Gottes, von ihm selbst erzählt" von Franco Ferrucci? Darin erzählt Gott seine Autobiografie, die auch eine Geschichte des Scheiterns ist.

Stavaric: Nein, da muss ich passen, leider. Muss ich unbedingt lesen. Mit einer Allmacht ausgestattet zu sein, führt letztendlich zu einem Scheitern. Man kann diesen Erwartungen, die man als Allmächtiger an sich stellt, niemals gerecht werden. Weil die Dinge unweigerlich ihren Lauf nehmen und man nicht ständig immer wieder nachkorrigieren kann, denn sonst brauche ich das ganze Universum gar nicht erst zum Laufen zu bringen. Dann halte ich es in einem gefrorenen Zustand, nichts darf sich bewegen, nichts darf leben. Vollkommenheit ist Stillstand. Etwas, das fortläuft und sich entwickelt, kann nie Vollkommenheit erlangen. Oder es erlangt sie und verliert sie wieder.

Magma

Von Michael Stavaric

Residenz 2008. 243 S., geb., e 19,90

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