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Literatur

Moderne Liebe

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Liebe im Zeitalter der grenzenlosen Freiheit wird mit der andauernden Suche nach Liebe verwechselt, lautet die These von Sven Hillenkamps Buch. Doch so sehr er den Nerv einer Generation auch trifft, so wenig überzeugend scheint der aufgezeigte Ausweg: Die Rückkehr zur Vernunftehe. Und vielleicht ist das genau die Absicht.

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber, sie schlürfen Kaffee, sie schauen sich an und mustern sich, sie stellen sich Fragen, sie versuchen zu lächeln, sie treffen sich zum ersten Mal, nachdem sie sich in einer Partnersuchmaschine im Internet ein paar Mal hin und her gemailt haben. Was stört, was spricht für den anderen? Sie wissen zwar, was der andere für Hobbys hat, sie wissen auch, welchen akademischen Titel er trägt, sie spüren aber nichts – sie sehnen sich nach einem deutlichen Gefühl, das ihnen sagt, das ist er oder sie, greif zu. Sie schauen sich weiter an. Kalt ist mittlerweile der Kaffee, kalt ihre Gefühle, Verliebtsein lässt sich nicht herbeireden. Und weiter geht die Suche.

Doch selbst wenn das Paar einen Versuch wagt, denn sie suchen schon so lange, wer will schon ständig Kaffee trinken und schauen, die Suche geht auch innerhalb der Beziehung weiter – immerzu, denn wer weiß, wer da noch wartet – ein Besserer, einer der gut tut oder noch besser.

So ein ähnliches Bild könnte Sven Hillenkamps Buch zugrunde liegen, wenn er – wie er einräumt – in überspitzter Manier das Ende der Liebe fürchtet, weil die grenzenlose Freiheit Lieben nicht mehr zulässt. Die „freien Menschen“, wie er sie nennt, verlieben sich vielleicht, oder glauben zu lieben, die Liebe, sofern sie eine war, geht aber verloren, weil irgendetwas nicht passt, weil der Partner etwa den Vornamen Fassbinders nicht kennt.

Suchende im Wartezimmer

So schreibt der früher Zeit-Redakteur über ein Paar, das trotz Beziehung, die es führt, weiter nach einem Partner sucht. Die Frau sagt: „Während ich mit dir geredet habe, während ich dich geküsst habe, warst du gar nicht da … Ich bin ein Versuch für dich gewesen, ein Provisorium. Du hast dich in meiner Liebe, in unserem Leben aufgehalten wie in einem Wartezimmer.“ Das Wartezimmer ist übervoll von liebeskranken, suchenden Egozentrikern. Wer therapiert oder rettet sie?

Sven Hillenkamps Buch reißt einen sofort mit, es trifft den Nerv einer Gesellschaft, einer Generation, vermutlich der in den 70er oder 80er Jahren Geborenen. Doch so schön die Sprache und Bilder auch sind, so bestechend die ersten Seiten und Kapitel, es erschöpft sich bald, die Argumentation dreht sich im Kreis ewiger Wiederholungen. Man wartet auf mehr Anekdoten, auf Erfahrungsberichte, sogar auf nüchterne Zahlen inmitten blumiger Sprachbilder. Dem studierten Soziologen und Politologen reicht der Hinweis, dass er übertreibe, um auf eine statistische oder sonst wie wissenschaftliche Untermauerung seiner Argumente zu verzichten: „Das Buch, das maßlos übertreibt, beschreibt eine Welt, die maßlos übertreibt. Die Menschen, die schon heute nicht mehr lieben, sind von unbekannter Zahl. Doch hier geht es nicht um Zahlen. Es geht um eine Erfahrung. Diese Erfahrung ist typisch für die Zeit. Wenn es einen einzigen Satz gibt, der die heutigen Menschen charakterisiert, so ist es der Satz: ‚Ich liebe nicht.‘“ Charakteristisch wäre wohl der Satz: Ich suche noch. Die Gesellschaft sei eine Suchmaschine, meint er. In einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten werde jedes Sein überschattet durch ein zigfaches Könnte-Sein.

Ausweg Vernunftehe?

Was aber sollte sein? Was ist aber nun der Ausweg, was wären Alternativen? Hillenkamp meint, dass für die „freien Menschen“ am Ende nichts anderes übrig bliebe, als die Rückkehr zur Vernunftehe, denn irgendwann wird die Suche öde, der Kinderwunsch zu drängend, der Zeitdruck zu groß. Sie wählten also jemanden, der ihnen „gut tut“. „Die Liebsuchenden, von keinen Eltern, keiner Gesellschaft mehr zur Vernunft gezwungen, müssen sich nun also selber zwingen. Was sie früher mussten, müssen sie nun wollen.“

Unklar bleibt, ob der Autor das ironisch meint oder als einzige logische Konsequenz, ob er die „freien Menschen“ tief verachtet, sich über sie lustig macht oder sich selbst dazu rechnen würde. Man fragt sich, welches Gesellschaftskonzept entstehen müsste, ob und wie diese grenzenlose Freiheit wieder beschränkt werden könnte und sollte – außer durch einen selbst. Die Vernunftehe ist seine einzige, unkreative Antwort – ein bitteres Geschenk für die, die suchten, verletzten und niemals fündig wurden. Man bleibt ratlos zurück. Besser wäre, ist man versucht zu vermuten, sie blieben ihr Lebtag lang allein. Doch nein, kein Wort von Strafe, der Autor wertet nicht.

„Die Menschen sagen: ‚Die unendliche Freiheit ist das Beste, was der Menschheit je passiert ist. Doch sie bringt mich fast um. Ich will in keiner anderen Gesellschaft leben als dieser, doch diese ist furchtbar, vernichtend. Die Sehnsucht und die Scham sind unerträglich. Meine Würde besteht darin, das zu sagen: Die Sehnsucht und die Scham sind unerträglich.“ Mit dieser Erkenntnis, meint Hillenkamp, mache der Mensch einen Versuch, dieser Welt etwas entgegenzusetzen. Eine Form von zaghaftem Protest?

Unerträgliche Freiheit

Hillenkamps Buch mag manche vor den Kopf stoßen, manche werden sich aber darin wiedererkennen, sogar die Sprache wird ihnen bekannt vorkommen von ihrem letzten Trennungsgespräch, egal, ob sie diejenigen waren, die verließen oder die verlassen wurden. Einem Teil dieser Menschheit hält er eine fein gezeichnete Skizze vor, die ein Spiegelbild sein könnte. Manche werden irritiert den Kopf schütteln und sagen. Ich liebe doch! Und wer will etwa nicht lieben. Jeder liebt in meinem Umfeld jemanden – auch beständig und lange.

Und wieder manche werden das Buch als Abschreckung verstehen. Nein, ein ewig Suchender will ich nicht sein, ich bin sogleich zufrieden mit meinem Partner, meiner Partnerin, wie dekadent diese nie zufriedenen Egozentriker, diese „freien Menschen“. Und doch erwischen sie sich beim Nachdenken, „ob der Mensch, den sie vor sich haben, auch ein guter Partner sei, ob mit ihm zu leben sich lohne, ob er sie weiterbringt, ob er ihnen, wie sie sagen, gut tut“. Und sie blättern in den Hochglanzjournalen, mit den schönen Vorher- und Nachherbildern, den Tipps für den perfekten Sex und niemand schützt sie, wenn sie heimlich nachts im Internet die Suchmaschine starten.

Doch leise flucht ein weiterer, der gar nicht mehr suchen will, der ehrlich liebte, der um die Liebe kämpfte, aber nun suchen muss, weil alle, die er liebte, Suchende waren. Was bleibt dann anderes übrig?

Das Ende der Liebe.

Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit

Von Sven Hillenkamp. Klett-Cotta 2009, 311 S., geb., h 22,90

Die Liebe im Zeitalter der grenzenlosen Freiheit wird mit der andauernden Suche nach Liebe verwechselt, lautet die These von Sven Hillenkamps Buch. Doch so sehr er den Nerv einer Generation auch trifft, so wenig überzeugend scheint der aufgezeigte Ausweg: Die Rückkehr zur Vernunftehe. Und vielleicht ist das genau die Absicht.

Zwei Menschen sitzen sich gegenüber, sie schlürfen Kaffee, sie schauen sich an und mustern sich, sie stellen sich Fragen, sie versuchen zu lächeln, sie treffen sich zum ersten Mal, nachdem sie sich in einer Partnersuchmaschine im Internet ein paar Mal hin und her gemailt haben. Was stört, was spricht für den anderen? Sie wissen zwar, was der andere für Hobbys hat, sie wissen auch, welchen akademischen Titel er trägt, sie spüren aber nichts – sie sehnen sich nach einem deutlichen Gefühl, das ihnen sagt, das ist er oder sie, greif zu. Sie schauen sich weiter an. Kalt ist mittlerweile der Kaffee, kalt ihre Gefühle, Verliebtsein lässt sich nicht herbeireden. Und weiter geht die Suche.

Doch selbst wenn das Paar einen Versuch wagt, denn sie suchen schon so lange, wer will schon ständig Kaffee trinken und schauen, die Suche geht auch innerhalb der Beziehung weiter – immerzu, denn wer weiß, wer da noch wartet – ein Besserer, einer der gut tut oder noch besser.

So ein ähnliches Bild könnte Sven Hillenkamps Buch zugrunde liegen, wenn er – wie er einräumt – in überspitzter Manier das Ende der Liebe fürchtet, weil die grenzenlose Freiheit Lieben nicht mehr zulässt. Die „freien Menschen“, wie er sie nennt, verlieben sich vielleicht, oder glauben zu lieben, die Liebe, sofern sie eine war, geht aber verloren, weil irgendetwas nicht passt, weil der Partner etwa den Vornamen Fassbinders nicht kennt.

Suchende im Wartezimmer

So schreibt der früher Zeit-Redakteur über ein Paar, das trotz Beziehung, die es führt, weiter nach einem Partner sucht. Die Frau sagt: „Während ich mit dir geredet habe, während ich dich geküsst habe, warst du gar nicht da … Ich bin ein Versuch für dich gewesen, ein Provisorium. Du hast dich in meiner Liebe, in unserem Leben aufgehalten wie in einem Wartezimmer.“ Das Wartezimmer ist übervoll von liebeskranken, suchenden Egozentrikern. Wer therapiert oder rettet sie?

Sven Hillenkamps Buch reißt einen sofort mit, es trifft den Nerv einer Gesellschaft, einer Generation, vermutlich der in den 70er oder 80er Jahren Geborenen. Doch so schön die Sprache und Bilder auch sind, so bestechend die ersten Seiten und Kapitel, es erschöpft sich bald, die Argumentation dreht sich im Kreis ewiger Wiederholungen. Man wartet auf mehr Anekdoten, auf Erfahrungsberichte, sogar auf nüchterne Zahlen inmitten blumiger Sprachbilder. Dem studierten Soziologen und Politologen reicht der Hinweis, dass er übertreibe, um auf eine statistische oder sonst wie wissenschaftliche Untermauerung seiner Argumente zu verzichten: „Das Buch, das maßlos übertreibt, beschreibt eine Welt, die maßlos übertreibt. Die Menschen, die schon heute nicht mehr lieben, sind von unbekannter Zahl. Doch hier geht es nicht um Zahlen. Es geht um eine Erfahrung. Diese Erfahrung ist typisch für die Zeit. Wenn es einen einzigen Satz gibt, der die heutigen Menschen charakterisiert, so ist es der Satz: ‚Ich liebe nicht.‘“ Charakteristisch wäre wohl der Satz: Ich suche noch. Die Gesellschaft sei eine Suchmaschine, meint er. In einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten werde jedes Sein überschattet durch ein zigfaches Könnte-Sein.

Ausweg Vernunftehe?

Was aber sollte sein? Was ist aber nun der Ausweg, was wären Alternativen? Hillenkamp meint, dass für die „freien Menschen“ am Ende nichts anderes übrig bliebe, als die Rückkehr zur Vernunftehe, denn irgendwann wird die Suche öde, der Kinderwunsch zu drängend, der Zeitdruck zu groß. Sie wählten also jemanden, der ihnen „gut tut“. „Die Liebsuchenden, von keinen Eltern, keiner Gesellschaft mehr zur Vernunft gezwungen, müssen sich nun also selber zwingen. Was sie früher mussten, müssen sie nun wollen.“

Unklar bleibt, ob der Autor das ironisch meint oder als einzige logische Konsequenz, ob er die „freien Menschen“ tief verachtet, sich über sie lustig macht oder sich selbst dazu rechnen würde. Man fragt sich, welches Gesellschaftskonzept entstehen müsste, ob und wie diese grenzenlose Freiheit wieder beschränkt werden könnte und sollte – außer durch einen selbst. Die Vernunftehe ist seine einzige, unkreative Antwort – ein bitteres Geschenk für die, die suchten, verletzten und niemals fündig wurden. Man bleibt ratlos zurück. Besser wäre, ist man versucht zu vermuten, sie blieben ihr Lebtag lang allein. Doch nein, kein Wort von Strafe, der Autor wertet nicht.

„Die Menschen sagen: ‚Die unendliche Freiheit ist das Beste, was der Menschheit je passiert ist. Doch sie bringt mich fast um. Ich will in keiner anderen Gesellschaft leben als dieser, doch diese ist furchtbar, vernichtend. Die Sehnsucht und die Scham sind unerträglich. Meine Würde besteht darin, das zu sagen: Die Sehnsucht und die Scham sind unerträglich.“ Mit dieser Erkenntnis, meint Hillenkamp, mache der Mensch einen Versuch, dieser Welt etwas entgegenzusetzen. Eine Form von zaghaftem Protest?

Unerträgliche Freiheit

Hillenkamps Buch mag manche vor den Kopf stoßen, manche werden sich aber darin wiedererkennen, sogar die Sprache wird ihnen bekannt vorkommen von ihrem letzten Trennungsgespräch, egal, ob sie diejenigen waren, die verließen oder die verlassen wurden. Einem Teil dieser Menschheit hält er eine fein gezeichnete Skizze vor, die ein Spiegelbild sein könnte. Manche werden irritiert den Kopf schütteln und sagen. Ich liebe doch! Und wer will etwa nicht lieben. Jeder liebt in meinem Umfeld jemanden – auch beständig und lange.

Und wieder manche werden das Buch als Abschreckung verstehen. Nein, ein ewig Suchender will ich nicht sein, ich bin sogleich zufrieden mit meinem Partner, meiner Partnerin, wie dekadent diese nie zufriedenen Egozentriker, diese „freien Menschen“. Und doch erwischen sie sich beim Nachdenken, „ob der Mensch, den sie vor sich haben, auch ein guter Partner sei, ob mit ihm zu leben sich lohne, ob er sie weiterbringt, ob er ihnen, wie sie sagen, gut tut“. Und sie blättern in den Hochglanzjournalen, mit den schönen Vorher- und Nachherbildern, den Tipps für den perfekten Sex und niemand schützt sie, wenn sie heimlich nachts im Internet die Suchmaschine starten.

Doch leise flucht ein weiterer, der gar nicht mehr suchen will, der ehrlich liebte, der um die Liebe kämpfte, aber nun suchen muss, weil alle, die er liebte, Suchende waren. Was bleibt dann anderes übrig?

Das Ende der Liebe.

Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit

Von Sven Hillenkamp. Klett-Cotta 2009, 311 S., geb., h 22,90