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Momentaufnahmen aus fünf Ländern

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DEUTSCHE PROSA. Erzählungen seit 1940. Herausgegeben von Horst B i n g e 1. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1963. 499 Setten. Preis 19.8 DM. - WO ICH WOHNE. Erzählungen, Dialoge, Gedichte. Von Ilse A i c h i n g e r. Band 1 der Reihe „Doppelpunkt“. S.-Fischer-Verlag. Franklurt/Maln 1983. 156 Selten. Preis 6.80 DM. — AUFTRITT MANIGS. Von Reinhard L e 11 a u. 67 Seiten. Preis 6.8 DM. — AUF DER FREITAGSTREPPE. Roman von Gyula He rnadi. Aus dem Ungarischen von Elemer Schas. 98 Seiten. Preis 7.80 DM. - DER MANN MIT DEN FRAGEN. Erzählungen von Gisele Prasslnos. Aus dem Französischen von Marie-Luise Gerok. 91 Selten. Preis 6.80 DM. - MOMENTAUFNAHM EN. Von Alain Robbe - Grill et. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. 81 Selten. Preis 6.80 DM. — DER SCHWARZE. Erzählung von Milodrag Bulatovtč. Ans dem Serbokroatischen von Mllodrag Vukl ( und Hermann Piwitt. 104 Selten. Preis 7.80 DM. Prosa-Viva- Reihe 1—5. Carl-Hanser-Verlag, München. 1963.

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DEUTSCHE PROSA. Erzählungen seit 1940. Herausgegeben von Horst B i n g e 1. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1963. 499 Setten. Preis 19.8 DM. - WO ICH WOHNE. Erzählungen, Dialoge, Gedichte. Von Ilse A i c h i n g e r. Band 1 der Reihe „Doppelpunkt“. S.-Fischer-Verlag. Franklurt/Maln 1983. 156 Selten. Preis 6.80 DM. — AUFTRITT MANIGS. Von Reinhard L e 11 a u. 67 Seiten. Preis 6.8 DM. — AUF DER FREITAGSTREPPE. Roman von Gyula He rnadi. Aus dem Ungarischen von Elemer Schas. 98 Seiten. Preis 7.80 DM. - DER MANN MIT DEN FRAGEN. Erzählungen von Gisele Prasslnos. Aus dem Französischen von Marie-Luise Gerok. 91 Selten. Preis 6.80 DM. - MOMENTAUFNAHM EN. Von Alain Robbe - Grill et. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. 81 Selten. Preis 6.80 DM. — DER SCHWARZE. Erzählung von Milodrag Bulatovtč. Ans dem Serbokroatischen von Mllodrag Vukl ( und Hermann Piwitt. 104 Selten. Preis 7.80 DM. Prosa-Viva- Reihe 1—5. Carl-Hanser-Verlag, München. 1963.

Horst Bingel, Verfasser köstlichei Zaubergeschichten — unter den Titel „Die Koffer des Felix Lumpach“ erschienen — und Herausgeber einiger bemerkenswerte! Anthologien, hat in diesem neuer Sammelband eine, bei aller Subjektivität der Wahi, repräsentative Auslese der kleinen Prosa zusammengetragen, die den gesamten deutschen Sprachraum, also auch Österreich und die Schweiz, berücksichtigt. Die Vielfalt des Gebotenen in formaler und thematischer Hinsicht kurz zu umreißen, fällt schwer, zumal die Motivkreise, in die Bingel die verschiedenen Erzählungen einordnet, einander überschneiden. Wenn man für den ersten Themenkreis („Das Mädchen und der Messerwerfer“) die tragische Über- schattung der heutigen Existenz gefunden zu haben glaubt, taucht dieses Phänomen sehr ausgesprochen auch in den Kindergeschichten („Verwundbare Kindheit“) auf, unter denen Siegfried Lenz’ „Nacht im Hotel“ und Ilse Aichingers „Engel in der Nacht“ besonders eindrucksvoll sind. Kriegsprobleme und die „unbewältigte Vergangenheit“ sind ins Auge fallende Themen der Vertreter der mittleren Generation der deutschen Schriftsteller. Dann gibt es phantastische Geschichten und Moritaten, in denen die unmittelbare Freude am Fabulieren zum Ausdruck kommt, manchmal aber auch Ängste vor der Gegenwart und Zukunft abreagiert werden. Sehr breiten Raum nehmen die Grotesken und Satiren ein, literarische Formen, in die viele junge Schriftsteller ihre Auseinandersetzung mit der Zeit und ihren Protest gegen fragwürdige gesellschaftliche und politische Erscheinungen der Umwelt zu kleiden lieben. Die einen entlarven die Widersprüche und Lächerlichkeiten unserer Wirklichkeit mit herzerfrischenden Einfällen, die -4m Leser befreiendes Lachen auslösen. Glanzbeispiele dafür: Josef Redings „Meine Politiker-Sortiermaschine“ und Reinhard Lettaus „Ein Feldzug“. Auch Heinrich Bölls „Der Wegwerfer“ und Klaus Roehlers „Der sogenannte Hutbesitzergruß“ wären hier zu erwähnen. Viel häufiger aber sind bittere und hintergründige Karikaturen (Friedrich Dürrenmatts „Der Theaterdirektor“, Gerhard Zwerenz’ „Das Land der zufriedenen Vögel“, Wolfgang Weyrauchs „Vorbereitungen zu einem Tyrannenmord“) und makabre Visionen zukünftiger Möglichkeiten und Bedrohungen. Arno Schmitt schießt da mit seinem „Resümee“ — der Begegnung zweier Übriggebliebener nach einem Atomkrieg — den Vogel ab. Man möchte sich darnach am liebsten den gleich folgenden kleinen Beitrag Christoph Meckels, „Weitende“ genannt, ersparen, was ein gewissenhafter Kritiker schließlich doch nicht wagt. Und hier nun wird seine Gewissenhaftigkeit belohnt! Denn diese Legende vom Weitende hat beinahe etwas Tröstliches: Da sieht ein Mann die Erde leer und siedelt sie zugleich unversehrt hinter seinen Augen an. „Das verlagerte Leben wird in seinem Kopf weitergehen …“ Der Mann ist „Hülle und Tresor der unverwüstlichen Welt, die nie sterben können wird…“

Auffallend ist, daß in all den vielen Erzählungen von 66 Autoren die unmittelbare menschliche Bindung und Verbindung, das Für- und Miteinander, ganz selten eine Rolle spielt. Einige Ausnahmen bestätigen nur die Regel, die etwas ganz anderes erweist: nämlich, daß für alle diese Schriftsteller nichts mehr fraglos und selbstverständlich ist, nichts mehr sicher und gewiß! Das führt nun aber gar nicht so oft, wie immer behauptet wird, zu ausweglosem Pessimismus und Lebensüberdruß. Gewiß, auch das gibt es in diesen Erzählungen; aber viel stärker zeichnet sich das Bemühen ab, dem schwer gewordenen Dasein standzuhalten, die schmerzliche Erfahrung der Einsamkeit und die Bedrohung der Zeit zu bestehen, das Leben neu zu entdecken hinter der glatten, falschen Fassade, die seine Weite und Tiefe verstellt. Ernst Kreuder („Der Himmel vermißt uns nicht“) und Herbert Eisenreich („Luftballons, um sie loszulassen“) stellen das „zwecklos Träumende“, die „weltoffene Ziellosigkeit“, das große Staunen, die Geheimnisse der Wirklichkeit, gegen die Überschätzung unserer Tüchtigkeit und der Ratio als Ordnungsfaktor. Sicher nicht zufällig stehen diese beiden Erzählungen am Ende des Bandes —

sie rufen auf, das Leben nicht zu verwerfen, sondern es zu bewältigen, es schlicht und einfach zu leben.

Auch sonst nimmt die bisher, zugunsten der dicken Wälzer vernachlässigte kurze Prosa unter den deutschen Neuerscheinungen einen gewichtigen Platz ein. Von Ilse Aichinger liegt ein Band vor, der mit alten und neuen Erzählungen, Dialogen, einem Hörspiel und einigen Gedichten, die Entwicklung dieser eigenwilligen Österreicherin veranschaulicht. Sie selbst hat einmal als Leitmotiv ihres Schaffens die Erfahrung der Grenzen, die Gestaltung im Angesicht des Endes, genannt, um dann fortzufahren: „Wenn wir es richtig nehmen, können wir, was gegen uns gerichtet scheint, wenden, wir können gerade vom Ende her und auf das Ende hin, zu erzählen beginnen und die Welt geht uns wieder auf…“ Diese Hoffnung, gewissermaßen wider alle Vernunft, erweist sich als unverlorener Leitstern in Ilse Aichingers Arbeiten. Und sie hat die ihrem Anliegen gemäße Form gefunden im Ineinander von Wirklichkeit und Traum, im Verweben der Zeit in die Ewigkeit. In Spiegelbildern wird Wahrheit transparent, die das bloße Abbild nicht einzufangen vermag.

Gleich eine ganze Buchreihe, „prosą viva“, widmet der Hanser- Verlag der modernen kurzen Erzählform. In den fünf ersten Bänden kommen ein Deutscher, ein Ungar, ein Jugoslawe, ein Franzose und eine in Frankreich lebende Griechin zu Wort. Reinhard Lettau, der mit seinem im Vorjahr erschienenen und nun schon in dritter Auflage vorliegenden Band „Schwierigkeiten beim Häuserbauen“ einen großen Leserkreis faszinierte, gibt sich in dem „Auftritt Manigs“ (prosą viva 1) spröder und unzugänglicher als in den früheren Erzählungen. Die Szenen aus dem Leben des Herrn Manig registrieren knapp und genau alltägliche Vorgänge, die trotz der präzisen, detaillierten Schilderung seltsam unwirklich und abstrakt wirken. Eine verwandelte Welt, in der auch das Bekannte und Ver-

traute nicht mehr unmittelbar zugänglich scheint.

Alain Robbe-Grillets „Momentaufnahmen“ (prosą vivą 4) haben gemeinsame Züge mit Lettau: die exakte Beschreibung von Menschen, Geschehnissen und besonders der Dinge, die der Autor geradezu einkreist mit Beobachtungen aus immer neuen Blickwinkeln. Eine rein visuelle Beobachtung übrigens, die sich allein auf die äußere Erscheinung der Objekte richtet und bewußt jede Deutung und Sinngebung vermeidet. Diese nur mit den Augen aufgenommene Welt ist leer und kalt, ihr fehlt all das, was uns in ihr zu Hause sein läßt.

Verglichen mit Lettaus und Robbe- Grillets experimentellen Texten ist die Gestaltungsweise der drei anderen Autoren der Prosa-viva-Reihe weniger revolutionär. Der ungarische Schriftsteller Hernadi leuchtet in dem Kurzroman „Auf der Freitagstreppe“ (prosą viva 2) in eine Ehe hinein. Die Frau steht vor der Geburt ihres ersten Kindes, und ihr Mann betrügt sie in der Nacht, in der es zur Welt kommt, mit einer anderen. Verantwortung und Schuld, das jämmerliche Versagen des Menschen in entscheidenden Situationen,

Erfahrungen, die niemandem erspart bleiben, rücken hier ins Blickfeld, werden registriert, nicht gewertet.

In den meisten Erzählungen der Griechin Gisėle Prassinos (prosą viva 3) sind Traum, Phantasie und Wirklichkeit eng miteinander verwoben, und das Schicksalhafte unbedeutender Alltagsgeschehnisse wird offenbar. Eine vielschichtige Welt, in die übersinnliche Mächte und Kräfte hineinwirken, die ihre Einbruchstellen dort finden, wo der Mensch an seiner Bestimmung vorbeilebt. Die letzten beiden Geschichten des Bandes halten sich streng an die sichtbare Wirklichkeit, aber auch hier dringt, diesmal aus dem innerseelischen Bereich, etwas Unerwartetes in die Handlung ein; das Leben geht nicht auf wie ein Rechenexempel, auch hinter belanglosen Geschehnissen verbergen sich Rätsel und Abgründe — so sieht es Gisėle Prassinos.

Der Jugoslawe Milodrag Bulatovic schildert in der Erzählung „Der Schwarze“ (prosą viva 5) Ereignisse zwischen Einheimischen und Italienern in einem montenegrinischen

Städtchen, das von Partisanen umzingelt ist. In jeder einzelnen Szene wird die noch ungreifbare Gefahr spürbar: „Sie sind verbittert, wütend: Wie sollten sie sich auch anders fühlen, wenn sie kopflos und verloren sind, ihre Tage sind gezählt Aufgescheucht sind sie und nicht auszuhalten in den letzten Monaten, weil man ihnen alle Wege abgeschnitten und sie umzingelt hat…“ Aber die Montenegriner sind hineingezogen in das Schicksal der Besatzungstruppen. Alles ist ins äußerste gesteigert in dieser extremen Situation: Grausamkeit und Brutalität, aber auch Mitleid und Hilfsbereitschaft, Jämmerlichkeit und Größe des Menschen. Bulatovic erweist hier wieder, wie in seinen beiden ins Deutsche übersetzten Romanen „Der rote Hahn fliegt himmelwärts" und „Wolf und Glocke“, seine elementare Gestaltungskraft und, darüber hinaus, sein leidenschaftliches Engagement für den leidenden, gequälten Menschen, dem auch der Leser sich nicht entziehen kann.

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