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Musizieren muss nicht weh tun

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Druck und Drill sind von gestern. Heute geht es beim Instrumentenlernen um Motivation und Gemeinschaftsgeist. Eine Rundschau.

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Druck und Drill sind von gestern. Heute geht es beim Instrumentenlernen um Motivation und Gemeinschaftsgeist. Eine Rundschau.

Dass Weihnachten die stillste Zeit des Jahres sei, ist natürlich Humbug. Weihnachten, das ist nicht nur die Zeit von "Last Christmas" und anderem Supermarkt-Trash; Weihnachten, das ist auch die Zeit der reaktivierten Flöten, Gitarren und Geigen. Ein großes Getröte, Gezupfe und Gekratze ist um diese Zeit im Gang. Wenn es draußen kalt und dunkel wird, so scheint es, dann werden wir alle Musikanten.

Kein Wunder: Musik wärmt schließlich das Herz, sie bewegt uns im wahrsten Sinn. Durch angenehme Harmonien kommen Gefühle ins Spiel, die unser gesamtes Gehirn aktivieren. Doch Musik kann auch weh tun: in den Ohren, wenn sich Menschen nur alle Heilige Zeiten an ihre Instrumente wagen; oder im Bauch, wenn man Musizieren in der Kindheit bevorzugt als perfektionistische Veranstaltung erlebte. Nicht wenige Erwachsene haben Erfahrungen mit Lehrenden gemacht, die eher für Verkrampfungen als für gute Laune sorgten. (Bücher wie "Carl Czerny und die Einzelhaft am Klavier" entstanden nicht ohne Grund.) Irgendwann sagt man schließlich: Adé, du holde Kunst. Bis man sich Jahrzehnte später wieder die Freiheit nimmt, einfach so draufloszuspielen - des puren Spaßes wegen.

"Ohne Disziplin ist alles nichts"

Zumindest in ihrer klassischen Spielart ist Musik freilich bis heute perfektionistisch geprägt. Wer es hier an die Spitze schaffen will, braucht Sitzfleisch und eine gute Portion Härte zu sich selbst. So wie die zehn Kinder und Jugendlichen des "Leopold-Mozart-Instituts", der Hochbegabtenklasse der Salzburger Kunstuniversität Mozarteum. Sieben von ihnen stammen aus Fernost, ihre Meisterschaft haben sie vor allem auf dem Klavier und auf der Violine erlangt; nur die beiden Blockflötenschüler kommen aus Österreich. Drei bis vier Stunden werde täglich geübt, erklärt der Leiter der Klasse, Andreas Weber. "Ohne Disziplin ist alles nichts. Aber: Die Kinder müssen es wirklich wollen." Die außergewöhnliche Begabung seiner Schülerinnen und Schüler zeige sich nicht nur in hoher Musikalität, sondern auch in großer Leistungsbereitschaft und Hingezogenheit zum Instrument: "Die Kinder sind äußerst motiviert und treten auch gerne auf", meint Weber. Nervosität sei bis zur Pubertät meist kein Problem. Wird sie es dennoch - und passt der Anspruch der Eltern nicht zu den Fähigkeiten ihres Kindes -, plädiert er "lieber für ein Ende mit Schrecken als für einen Schrecken ohne Ende".

Kinder und ihre ehrgeizigen Mütter und Väter: Dieses leidige Thema stellt sich nicht nur Tag für Tag beim Üben, es beginnt schon bei der Instrumentenwahl. Sätze wie "Zuerst machst du einmal drei Jahre Blockflöte und dann schauen wir einmal" sind nicht gerade dazu angetan, die Motivation zu fördern - ebenso wenig der Zwang, Klavier zu spielen, weil zuhause zufällig ein Pianino steht. Idealerweise, so die gängige Lehre der Musikpädagogik, soll sich ein Kind sein Instrument selbst aussuchen können.

Im Konzept "Instrumentenkarussell" gibt es diese Möglichkeit bereits an vielen Musikschulen: Kinder lernen dabei einige Wochen lang je ein Tasten-, Saiten-und Blasinstrument sowie das Schlagwerk kennen. Am Ende können sie ihr bevorzugtes wählen. Im Rahmen des Wiener Programms "Elemu", bei dem rund 25 Volksschulen mit Musikschulen kooperieren, wird das "Instrumentenkarussell" vormittags für Zweit- bis Viertklässler angeboten. Nachmittags besteht die Option, das gewählte Instrument (kostenpflichtig) vor Ort zu erlernen.

Welch positive Dynamik gemeinsames Musizieren auszulösen vermag, zeigt sich nicht nur hier, sondern auch in Schulen mit Streicher- oder Bläserklassen. "Alle Lehrer sagen, dass das die angenehmsten Klassen sind", berichtet etwa Armin Schauer, Musik-und Englischlehrer am Billrothgymnasium im 19. Wiener Gemeindebezirk, wo in der fünften und sechsten Schulstufe je eine Bläserklasse angeboten wird. Vielleicht liegt das gute Klima daran, dass sich die Eltern der jeweiligen Schüler bewusst für dieses Angebot entscheiden. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die Kinder aus den acht Holz- und Blechblasinstrumenten nur eine Dreier-Auswahl treffen können. Im "Registerunterricht", bei dem sie von Musikstudieren in ihrem Instrument angeleitet werden, kommen sie also auch mit Klassenkollegen zusammen, mit denen sie normalerweise nicht zusammenstecken. "Das verhindert Grüppchenbildung", erklärt Schauer.

Auch an diesem Donnerstag ist die Stimmung in der Musik-Doppelstunde gut, um nicht zu sagen bombastisch. Statt besinnlicher Weihnachtslieder steht "The Final Countdown" am Programm. Die 25 Burschen und Mädchen der 2. Klasse geben alles, wenn auch nicht in hunderprozentig richtiger Tonhöhe. Egal: Die geballte Kraft von vier Querflöten, fünf Klarinetten, vier Saxophonen, vier Trompeten, drei Hörnern, zwei Posaunen, zwei Euphonien und einer Tuba hebt beinah den Raum aus den Angeln.

Etwas weniger lautstark, aber nicht weniger euphorisch geht es tags darauf bei der Orchesterprobe des Vereins "Superar" in der Alten Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten zu. 40 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 16 Jahren haben an diesem Freitag Abend im neuen "Superar-Zentrum" ihre Streichinstrumente ausgepackt und proben in Kleingruppen "O Tannenbaum". Anschließend formieren sie sich zum Ensemble, emphatisch dirigiert von Bruno Campo. Der 31-jährige Guatemalteke ist das Herz des Orchesters, das auf den Ideen des venezolanischen Maestros José Antonio Abreu und seiner Initiative "el sistema" basiert. Durch (kostenloses) gemeinsames Musizieren sollen nicht nur die musikalischen Fähigkeiten der Kinder gefördert werden, sondern auch Selbstbewusstsein, Kreativität und Gemeinschaftssinn. Dreimal je zweieinhalb Stunden pro Woche proben die Kinder, die erst vor eineinhalb Jahren begonnen haben und vielfach aus Familien stammen, die sich einen teuren Instrumentalunterricht nicht leisten könnten. Ein hohes, zeitliches Pensum, weiß Campo. "Aber schauen Sie, wie es ihnen Spaß macht!"

Lebensfreude durch Musik

Neben dem Orchester hat der Verein "Superar", der 2009 von Wiener Caritas, Konzerthaus und Sängerknaben initiiert wurde, aber auch das Singen im Blick. An 14 Volksschulen in Wien, Graz, Vorarlberg und Salzburg wurden mittlerweile "Superar"-Klassen eingerichtet, in denen die Kinder an vier Tagen je eine Stunde lang von einem "Superar"-Chorpädagogen an das Urinstrument des Menschen herangeführt werden: die eigene Stimme. "Natürlich gibt es Kinder, die sich anfangs schwertun, Töne nachzusingen", erklärt Gerald Wirth, Leiter der Wiener Sängerknaben und künstlerischer Leiter von "Superar"."Aber mit ein paar Tricks kommt man schnell zum Ziel." Und dies besteht vor allem darin, Musik als bereichernden Teil des Lebens zu erfahren.

Ziemlich genau das ist es, was auch Gerald Lindinger treibt. Unter dem Motto "Lebensfreude Musik" gibt der Hauptschullehrer im oberösterreichischen Kremstal Klavierund Gitarrenunterricht ohne jedes "richtig" oder "falsch". Menschen, die vom Musikschulbetrieb eingeschüchtert sind, macht er mit "Klampfn zsamm" Lust auf gemeinsames Musizieren, anderen, die keine Noten lesen können, eröffnet er mit Tabulaturen und speziellen Fingersätzen neue Wege, die Welt zum Klingen zu bringen. Derzeit ist besonders sein Weihnachtsliederblock gefragt. "Das ist nichts für Leute, die Bühnenreife erlangen wollen", sagt Lindinger. Aber vielleicht für jene, die Lust auf Geschrumme haben - jetzt, in der stillsten Zeit des Jahres.

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