7113909-1996_08_05.jpg
Digital In Arbeit

Nach der Apocalypse in Bosnien

19451960198020002020

Vizekanzler Schüssel und Verteidigungsminister Fasslabend werden diese Woche das Osterreichische Kontingent der Bosnien-Friedenstruppe IFOR in Visoko besuchen. Unser Mitarbeiter war mit der Truppe in den Schluchten des Balkans bereits unterwegs.

19451960198020002020

Vizekanzler Schüssel und Verteidigungsminister Fasslabend werden diese Woche das Osterreichische Kontingent der Bosnien-Friedenstruppe IFOR in Visoko besuchen. Unser Mitarbeiter war mit der Truppe in den Schluchten des Balkans bereits unterwegs.

Ein kalter Wind bläst über den Hauptbahnhof von Split, wo am vergangenen Freitag früh das erste von drei Kontingenten des österreichischen Bundesheeres als Teil der Internationalen Friedenstruppe (IFOR) eintraf. Die Stimmung unter den Soldaten ist ausgelassen, obwohl sie bereits eine eintägige, strapaziöse Bahnreise hinter sich haben. „Jetzt gehtes endlich nach Bosnien", ruftder Kommandant des Transportes, Major Norbert Kreuzinger, uns mitreisenden Journalisten zu. Stolz erzählt er, daß er bereits erste Kontakte zu Einheimischen geknüpft habe: „Die Kroaten sind Fans von Alois Mock und wissen die österreichische Hilfe sehr zu schätzen." Angst vor ihrem zukünftigen Einsatz haben die Soldaten wenig. Im Gegenteil: „Ich bin froh, für einige Monate aus dem Alltag ausbrechen zu können", sagt mir ein 23jähriger Lkw-Fahrer aus Wien. Auch die Abenteuerlust habe bei der Entscheidung mitgespielt, sich freiwillig zu melden. Er gibt aber zu, ein „mulmiges Gefühl" gehabt zu haben, als der Zug bei der Anreise die verwüsteten Dörfer in der von den Kroaten zurückeroberten Krajina passierte.

I m 8 Uhr 50 ist es dann soweit. Begleitet von einer griechischen Militäreskorte setzt sich der österreichische Konvoi in Bewegung. 34 Fahrzeuge mit insgesamt 83 Mann an Bord brechen in das ehemalige Kriegsgebiet auf. Ein orangenfarbiges Tuch auf den Autodächern soll den Hubschraubern, die den Luftraum bewachen, signalisieren, daß es sich um eine IFOR-Truppe handelt.

Die Fahrt verläuft zunächst ohne Probleme. Ein dünner Schlagbaum und eine Ansammlung von Containern und Wohnwagen als Behörden-büros markiert bei Raseljke die Grenze nach Bosnien-Herzegowina. Von nun an ist das Tragen von schußsicheren Westen für alle Pflicht. Jeder Soldat hat sein Gewehr mit 30 Schuß Munition voll geladen. Je weiter der Konvoi in das Landesinnere vordringt, desto größer wird das Ausmaß der Zerstörungen sichtbar. Explodierte Tankstellen, Autowracks, herabhängende Leitungen, zerschossene Telefon- und Strommasten weisen darauf hin, daß hier einmal heftig gekämpft wurde. Ab Kupres geht die Fahrt durch apokalyptisch anmutende Dörfer. Die Häuser sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt und mit Gestrüpp zugewuchert. Gespenstische Stille liegt über diesem Gebiet. In manchen Ruinen richteten sich Menschen höhlengleiche Notbehausungen ein. An den zahlreichen Straßensperren aus Sandsäcken kontrollieren IFOR-Soldaten den Verkehr. Unser Konvoi passiert die Checkpoints ohne Probleme.

Die ethnischen Trennlinien, die Bosnien heute durchziehen, haben aus dem einst multikulturellen Land ein anderes gemacht. Im kroatischen Teil wird mit Kuna, im serbischen mit Dinar und im moslemischen mit D-Mark bezahlt. Nicht überall sticht der Graben zwischen den Volksgruppen so ins Auge wie in der Gegend um Bugojno. Die Orte auf der Strecke sind abwechselnd von Moslems oder Kroaten beherrscht. Nur wenige Einheimische sind unterwegs, denn jede Fahrt führt in Feindesland. Uberfälle sind keine Seltenheit. In dem steinigen und schneebedeckten Gebiet treibt ein Hirte einsam einige Schafe durch das Gelände. Dabei riskiert er wie jeder, der von der Straße abweicht, sein Leben. Denn wie in allen umkämpften Regionen lauert eine vermutlich über Jahrzehnte hinweg dauernde Gefahr: Minen. Nach Schätzungen sollen die Kriegsparteien bis zu sechs Millionen dieser Sprengsätze im ganzen Land verteilt haben. Über ihre Lage weiß niemand genau Bescheid. An Räumung ist noch lange nicht zu denken. Dafür ist kein Geld da.

Zum Camp des österreichischen Bundesheeres in Visoko, 25 Kilometer nordwestlich von Sarajewo, ist es ein mühsamer Weg. Das Gebiet um die bosnische Haupstadt ist derzeit am besten mit dem Flugzeug zu erreichen, denn die wichtigsten Hauptverkehrsstraßen wurden durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Statt der acht Stunden, mit denen man ursprünglich gerechnet hatte, benötigte der Konvoi für die rund 300 Kilometer auf dem Landweg über vierzehn Stunden. Von Split gelangt man nur über zwei schlammige Paßstraßen nach Sarajewo. Bei Donji Vakuf ist die erste Route über den Komar-Paß wegen eines Hangrutsches gesperrt. So müssen die Österreicher die zweite, wegen ihrer Minen am Straßenrand gefährliche und teilweise spiegelglatte Paßstraße nach Novi Travnik nehmen. Nur im Schrittempo bewegen sich die Fahrzeuge auf den steil ansteigenden Serpentinen, bis ein ziviles Auto die Strecke ganz blockiert. Die Bergeelemente des Bundesheeres kommen erstmals zum Einsatz. Wenig später bleibt ein vollbesetzter Bus in den vereisten Spurrinnen stecken, auch er wird geborgen. Spät aber doch ist der Konvoi um halb elf Uhr abends in Visoko angelangt. Dort werden die Soldaten vom österreichischen Botschafter in Sarajewo, Valentin Inzko (furche 2/1996), begrüßt: „Bisher war ich hier alleine - jetzt habe ich 291 weitere Botschafter des Friedens und der guten Nachbarschaft." Die Anwesenheit des Bundesheeres sei eine „gigantische Aufwertung" seiner Arbeit.

Während die Soldaten ihr Lager einrichten, sind wir Journalisten am nächsten Tag mit IFOB-Begleitung nach Sarajewo unterwegs. Die Berge um die Stadt sind durchzogen von Schützengräben und provisorisch in die Waldhänge geschnittenen Versorgungsstraßen. IFOR-Panzer sind auf die serbischen Stellungen gerichtet. Wir umgehen die serbischen Stadtteile, da erst vergangene Woche eine öffentliche Busline von Heckenschützen angegriffen wurde. Während wir an den ersten Vororten vorbeikommen, sehen wir schon das Ausmaß der Verwüstungen. Vom Artilleriefeuer gezeichnet die Fassaden der Hochhäuser, der Verputz übersät mit Einschüssen. Viele Stiegenhäuser ragen ins Nichts. Wo Gebäude das obere Stockwerk eingebüßt haben, sicherten Bewohner ihre Notunterkünfte im Keller mit schräggestellten Pfosten und Sandsäcken. Betonplat-ten lehnen an Autobuswracks, um als Schutz vor Heckenschützen zu dienen. „Fuck the army" und „Belfast" hat jemand auf eine Wand gesprüht. Über 13.000 Tote gab es in der Stadt in vier Jahren, davon 1.200 Kinder. Doch Sarajewo hat sich geweigert zu sterben. Ein Stück Normalität ist wieder in die Stadt eingekehrt. Der Verkehr rollt, als würde es keinen Benzinmangel geben. Sogar Ampeln funktionieren. Einige Straßenbahnlinien sind in Betrieb. In den Trümmergassen gibt es mehrere Cafe-Bars und kleine Läden. Unser Ziel ist die tägliche Pressekonferenz im Hotel Holiday Inn im Zentrum der Stadt. Dreihundert Meter vom Hotel stehen zwei völlig zerschossene Hochhäuser. Sie lagen in der besten Schußlinie der Scharfschützen. Daneben steht eine große Kirche, die keine Schäden aufweist. Die serbischen Belagerer sind bei ihrem tödlichen Werk mit einer unvorstellbaren Präzision vorgegangen.

Viel schwieriger als erwartet gestaltet sich auch die Heimreise. Während die österreichischen Soldaten sechs Monate in Bosnien ausharren müssen, treten wir schon nach drei Tagen den Bück weg an. Um die gefährliche Paßstraße im Süden zu vermeiden, versuchen wir unser Glück im Norden. Die einzige Möglichkeit geht über die Industriestadt Tuzla. Danach muß jedoch der stark umkämpfte serbische Korridor bei Brcko überquert werden.

Dieser schmale Landstrich stellt die einzige Verbindungslinie zwischen den bosnischen Serben und der Republik Serbien dar. Uns wird daher ein IFOR-Begleitschutz zugesagt. Zeitig am Morgen verabschieden wir uns von dem österreichischen Kontingent in Visoko und brechen in Begleitung einer aus griechischen Soldaten bestehenden Eskorte auf. Nach mehreren Stunden Fahrt versperrt ein Panzer den Weg. Auch hier ist die Straße wegen eines Erdrutsches nicht passierbar. Wir kehren um und versuchen, Tuzla über die moslemische Stadt Zenica zu erreichen.

Am späten Nachmittag müssen uns die griechischen Soldaten nach einer stundenlangen abenteuerlichen Fahrt verlassen, um rechtzeitig vor Abend in ihrem Lager zu sein. So schlagen wir uns ohne ihren Schutz nach Tuzla durch. Wir erreichen die Stadt bei Einbrach der Dunkelheit. Große Sorgen bereitet den im Bus mitfahrenden Presseoffizieren des Bundesheeres nun die Uberquerang des serbischen Korridors. Doch die serbische Militärpolizei winkt uns bei ihren drei Kontrollpunkten einfach durch. Anschließend frieren wir in einer langen Kolonne, die sich langsam in Bichtung des Save-Ufers schleppt, wo eine alte Autofähre Zivilisten ans andere Ufer bringt. Hundert Meter daneben bewegt sich schweres amerikanisches IFOR-Gerät wie in Zeitlupe über den von Amerikanern errichteten Ponton. Die in der Nacht erkennbaren Überreste der gesprengten Brücke überragen das Bild wie das Skelett eines erkalteten Krieges.

Endlich haben wir Sonntag nachts nach vierzehn Stunden Fahrt für 300 Kilometer kroatisches Staatsgebiet erreicht. „Die Zivilisation hat uns wieder", meint ein mitfahrender Journalist. Die Fahrt quer durch Bosnien wurde zu einer Beise zwischen Ruinen und Wiederaufbau, zwischen Verzweiflung und Hoffnung unter der dortigen Bevölkerung. Dennoch besteht die nüchterne Gewißheit, daß das lieben nach dem vierjährigen Krieg, der 200.000 Tote und Millionen Flüchtlinge brachte, nicht stehenbleibt, sondern weitergeht.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau