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Nach der Kulturwoche

Zu allen österreichischen Kulturwochen, aber auch sonst, sollten sich die Verantwortlichen Rechenschaft geben über die eigenartige Stellung des Dorfes im Bereich geistig-seelischer Betreuung. Manche Vertreter „gehobener Berufe“ und viele Städter sehen im Bauer noch immer das Urbild des Schwerfälligen. Diese Betrachtung ist falsch. Jeder kann, was er gelernt hat. Keiner kann, was ihm nie begegnete. Eine kleine oder große Wirtschaft zu führen, würde — die körperliche Beschwer ungerechnet — den eifervollen Verächter in ausweglose, sehr belachens-werte Verlegenheiten stürzen. Zum Teil aber ist die erwähnte negative Beurteilung der bäuerlichen Erscheinung gerechtfertigt. Liegen Schuld oder Ursachen beim Bauer selbst? Schwerlich. Der ländliche Mensch kann nicht mehr sein als das, was sämtliche Obrigkeiten die Jahrhunderte her aus ihm geformt haben. Neben diesen Autoritäten haben Bürgertum und Arbeiterschaft durch Verspottung oder Ablehnung den Kultur- und Gemeinschaftswillen des Bauern alles andere als gespornt. Die Agrarpolitiker, die größten Einfluß auf das Dorf hätten, mögen so sehr mit Wirtschaftsfragen überlastet ein, daß Zeit und Geld für kulturelle Betreuungsbezirke doppelt kostbar erscheinen. Manchem bäuerlichen Standesvertreter fehlen aber Wille und eigene Substanz.

Fühlbar gewandelt haben sich Bauernblätter und Kalender. Der Kulturbericht hat darin einen merkbaren Anteil gewonnen. Jene Zeit, in der die Standeszeitungen so geschrieben waren, als gäbe es für Dorf und Bauernhaus ausschließlich Wirtschaftsfragen, ist überwunden.

Gelesen wird im Dorf gern und mit lebendiger Teilnahme. Eine Pulkauer Weinbäuerin sandte bis zu ihrem Ableben dem Salzburger Erzähler Franz Braumann Jahr um Jahr ein Kistchen Trauben, weil ihr sein Roman „Friedl und Vroni“ so gut gefallen hatte. Im vorjährigen Winter fuhr an einem sehr kalten Jännertag eine alte Bäuerin allein #mit dem Roß in den Nachbarort, um auf dem Postamt die angekündigten, von ihr in Wien bestellten Bücher abzuholen.

Jugend- und Volksbildungsgruppen, ländliches Fortbildungswerk, Fachschulen und zentrale Bildungshäuser weisen mit Erfolg die Jugend zur wertvollen Lektüre. Daß sich da und dort auch das minderwertige Buch vorfindet, beweist, wie notwendig eine gewissenhafte und planvolle Betreuung des Dorfes vorzunehmen wäre und wie negativ in diesem Bereich die Städte ausstrahlen. Der Bauer kauft aus freien Stücken nicht gern Bücher, auch keine bedenklichen. Wertloser Lesestoff stammt zumeist von Verwandten, die in die Stadt abgewandert sind. Das gute Buch wird häufig über kirchliche oder staatspflegerische Anregung erworben.

Dies sind Voraussetzungen, mit denen Zeitung, Zeitschrift und Buch im bäuerlichen Lebenskreise zu rechnen haben.

Ändern müßten sich drei Dinge: die Aufnahmsbereitschaft ländlicher Behörden, die Buchwerbung und — in Niederösterreich — die Presse.

In Niederösterreich sind die meisten Zeitungen nach Stoff, Aufmachung und Funktion unverkennbar Stadtzeitungen, Wiener Zeitungen. Weltliteratur, amüsante Hof-, TheateT-, Bürger- und Vorstadtgeschichten, „Was trägst du am Sonntag?“, „Eine Viertelstunde Kosmetik“ — wie weit ist dies alles weg von jenen drängenden Gewalten, die den Bauer erfüllen und umgeben.

Gegenstück dazu: Das niederösterreichische Weinviertel ist allein eineinhalbmal so groß als das Bundesland Vorarlberg. Ein Aufsatz über Josef Missons „Naz“, dem gültigen Weinviertier Mundartmeister, war ein halbes Jahr lang von Redaktion zu Redaktion unterwegs, bevor er — im Jubiläumsjahr des Epos! — angenommen wurde. — Eine Arbeit über alte, noch vielenorts gepflegte Hochzeitsbräuche kam von einer konservativen (!) Frauenzeitung mit dem sehr selbstgefälligen Bemerken zurück, die Schriftleitung sei der Ansicht, sie dürfe ihren Leserinnen nur das Allerinteressan-teste bieten. Daraus geht hervor, daß viele unserer Gebildeten rettungslose Nur-Städter sind.

Seit 1945 gehört es für manchem zum Gebot unverdächtiger erzösterreichischer Gesinnung, an reichsdeutschen Dingen kein gutes Haar zu lassen. In Schleswig-Holstein gab es aber, obwohl Goebbels die bewußte Pflege der Mundarten untersagt hatte, kaum eine Gaststätte, darin man nicht einen plattdeutschen Vers von Fritz Reuter, Klaus Groth oder Theodor Storm angetroffen hätte. Das „Hamburger Tageblatt“ brachte plattdeutsche Gedichte fast regelmäßig. In Bayern und Schwaben pflegt man munddeutsches Sprachgut ähnlich eifrig. Vor einiger Zeit •rechien die Kulturbeilage des Schweizer .Bund“ mit einer sehr vornehm geschriebenen Würdigung eines Mundartautors Tom Brienzer See. Der Aufsatz umfaßte gut drei Viertel zweier großformatiger Seiten und enthielt 299 (!) Zeilen Versproben.

Dagegen bringen, obschon sie um ländliche Bezieher eifrig werben, unsere in Wien erscheinenden Zeitungen im allgemeinen nur spärliche Hinweise auf bäuerliche Dialekte. Dies ist nicht zweckvoll. Wie leicht könnten sie Herz und Gemüt des bäuerlichen Menschen unmittelbar ansprechen! Wie erfolgreich gelingt dies jenen Redaktionen, die sich zur liebevollen Wahrnehmung des Heimatlautes entschließen! Die Schriftleitungen mögen uns glauben: ein Dorfabend mit hochdeutschen Gedichten ist nicht zu großer Wirkung vorbestimmt. Eine munddeutsche Lesung rüttelt auf zum Bekenntnis, erweckt Tränen oder stürmisch-herzliche Heiterkeit. Das Mundartgedicht zählt zu den stärksten Erziehungs- und Bildungsmitteln. Ebenso sollte auch die Kurzgeschichte den ländlichen Menschen suchen. Leider haben ihre Stoffe mit Arbeit, Sorge, Freude unserer Bauern und dem schier endlosen Tagwerk ihrer geplagten Frauen zumeist nichts oder nur sehr wenig zu tun.

Die Werbung für das Buch übersieht, daß der Bauer persönlich angesprochen werden muß. Auf bloße Rezension oder Ankündigung hin kauft er in der Regel nicht. Beweis: kein Bauer bezieht eine Zeitung oder eine Zeitschrift der Bibelforscher. Aber Bücher dieser Sekte finden sich bald in einem Ort. Diese Verlage haben keine Prospekte geschickt. Sie sind selber gekommen. In der Erkenntnis und Anwendung dieser Notwendigkeit ruht jener Punkt, von dem aus Volksbildung und Büchermarkt merklich gewandelt werden könnten. Zwei Erfahrungen bestätigen dies: eine sehr großzügige zentrale Bezirksstelle versandte zur Werbung für ein Heimatbuch an zweitausend öffentliche Provinzämter einen eindringlichen Aufruf. Es bestellten vierundfünfzig. Einzelne Aktivisten, für das gleiche Buch werbend, erreichten durch Hausbesuche in manchen Orten fast das gleiche Ergebnis. Wozu bemerkt werden muß, daß ein Bürgermeister über einen Betrag von zehn bis fünfzehn Schilling eher disponieren kann als der einzelne Bauer oder Kleinbauer.

Uberträgt man diese Erfolge aktiver, innerlich teilnehmender Werber auf ein gesamtes Bundesland, ergibt sich für die volkstümliche, oft in kleinen Räumen wirkende Literatur eine Auflageziffer wie für Autoren, deren Bücher sich an die Gebildeten aller österreichischen Länder wenden. Jener Verlag, der imstande ist, die Landbezirke mit einem dichten Netz örtlicher oder anderer Werber zu überziehen, erweist der Volksbildung, der ursprünglichen und der technischen Buchproduktion und sich selbst einen wertvollen Dienst. Unerläßlich aber wäre ein über das Heimatschrifttum sorgfältig unterrichteter und an dessen Pflege von innen her interessierter Provinzbuchhandel. line verstärkte Erschließung des Dorfes für das Buch würde den bäuerlichen Menschen tiefer einbeziehen in den Erlebniskreis unserer Gesamtkultur, sie würde — auf lange Sicht — den schmerzhaften Gegensatz zwischen Stadt und Land mildern, allmählich vom Bauern den wirklichen oder vermeintlichen Makel seelischer Verhärtung nehmen und seine Teilnahme an den erhabenen Werten unseres Volkes vorbereiten. Der zuweilen krasse Materialismus des Dorfes würde ein weiteres Gegengewicht erfahren und das Gesamtbild des bäuerlichen Standes sich läutern. Der bäuerliche Mensch würde Lesender werden. Und warum sollte man nicht auch in österreichischen Bauernhäusern kleine Büchereien antreffen? Muß dies immer der beneidenswerte Vorrang der Skandinavier bleiben? Ursache solcher Besinnung müßte der gegenwärtige Bildungsstand aller bäuerlichen Österreicher sein, denn Beobachtungen bei der Wehrmacht ergaben, daß sich in der Ahnungslosigkeit dem geistigen Heimatgut gegenüber die Bewohner der einzelnen Bundesländer gegenseitig nicht viel vorzuwerfen haben. Dabei müßten ländliche Verwaltungsstellen in diesen Dingen vorbildlich wirken. Daß die meisten örtlichen Mandatare nichts oder nur wenig lesen, berechtigt sie nicht dazu, anderen Ortsinsassen die längst fällige Gemeindebücherei vorzuenthalten. Hier lägen, was Anregung und Lenkung betrifft, für die Kulturreferate der Landesregierung dankenswerte Aufgaben.

Kulturschaffende und Kulturpfleger sind für Kulturwochen aufrichtig dankbar. Endziel aber muß das Kulturjahr sein, eine dauernde geistesbeflissene Haltung, die in allen Volksschichten vollstreckt ist. Neben Manifestationen müßte immer — und wäre es im kleinsten Ausmaß — eine werktätige Verwirklichung stehen. Vor negativen Traditionen dürften sich die Beauftragten nicht schrecken. Es ist zum Beispiel mit Sicherheit vorauszusagen: Wollte in einer ländlichen Gemeindevertretung jemand den Antrag auf Gründung einer Dorfbücherei stellen, würde wegen der „Unkosten“ in den meisten Fällen der Gedanke allein schon zurückgewiesen werden. Gleichzeitig wäre aber für eine zehnmal so teure wirtschaftliche Nutzeinrichtung der erforderliche Aufwand in kürzester Frist einmütig beschlossen und beschafft. Durch diese bekannte Erscheinung wird jedoch die Notwendigkeit des Vorgeschlagenen nur erhöht. Die Gründung von Volksbüchereien in jedem größeren Dorf und in jedem Markt wäre eine ernsthafte Bildungsbewegung und zugleich von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Kulturstand und Papierverbrauch eines Volkes stehen in naher Beziehung.

Am guten Buch könnte das Landvolk den Anschluß an die kulturelle Gegenwart in schönster Form erleben. Wird diese Notwendigkeit von den Verantwortlichen nicht wahrgenommen, werden sie andere um so freudiger erkennen und die gegenwärtigen Autoritäten zu jenen zählen, die Bedeutungsvollstes — für ein ganzes Volk Bedeutungsvollstes — versäumt haben.

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