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Nach langen Jahren der Sonne

Oskar Kokoschka beherrscht wiederum die schon klassisch gewordenen Räume der für die Stadt Salzburg so wertvollen Galerie Welz in der Sigmund-Haffner-Gasse. Die 110 Gemälde, Aquarelle und Graphiken sind sämtliche in tschechoslowakischem Besitz und waren im Mai in Prag und anschließend im Kunsthaus Brünn gezeigt worden. Sie umfassen einen großen Teil des Werkes aus der Prager Zeit des Künstlers und kamen gerade recht zur Feier seines 70. Geburtstages, den der Grande aus Pöch-larn heuer feiern konnte, zur Ehre jenes Mannes, von dem 1910 die Dichterin Else Lasker-Schüler sagte: „Er ist ein alter Meister, später geboren, ein furchtbares Wunderl“

Diese Ausstellung ist die geschlossenste, die ich jemals von Oskar Kokoschka in Salzburg gesehen habe. Sie ist ein Ereignis allerersten Ranges. Sie umfaßt zwischen 1910 und 1944 entstandene Arbeiten, jeder kann sehen, daß Kokoschka als Genie zu malen begann, daß er keine Pflugscharperioden brauchte. Wir gewahren in dieser Ausstellung vor allem eines: den großen Maler und den ebenso bedeutenden Zeichner. (Man muß sich nicht unbedingt der belanglosen, im Vorjahr in der Residenz ausgestellten Zauberflöten-Skizzen erinnern I) Die Gemälde wirken wie langsam gereifte Früchte, die nun, nach langen Jahren der Sonne, selbst zur pulsierenden Schöpfung geworden sind. Die Zeichnungen sind abgründig und leidenschaftlich, ungehemmt geben sie Zeugnis von den Fieberträumen und Finsternissen der Menschen. Jedes Blatt ist ein. Stück Leben, das nach einem Stück Brot verlangt. Seit Münch hat es niemanden mehr gegeben, der solche Gesichter hat zeichnen können, voll Verzweiflung und Stille; Wachträume und Wirklichkeiten, die zur Menschenreligion verarbeitet werden. Von dem Porträt des „Albert Ehrenstein“ bis zu „Minona“ (1944) reicht sozusagen die Welt. Nicht von außen kommt diese Wirkung, sondern von innen. Variiertes Leben verkündet seine berauschende Existenz („Ansicht von Prag“, „Selbstbildnis mit Stock“, „Porträt Frau A. Knize“, „Im Garten“) Und wer heute, in An-. betracht des jüngsten Werkes, das Porträt Pablo Casals und die Städtebilder von Hamburg und Linz eingeschlossen, von „Altersstil“ spricht bei Kokoschka, der ist, wie alle Snobisten, lexikalisch verkommen.

Die Aquarelle sind Bilder von Fischen und Blumen; Früchte und das immer wiederkehrende „Mädchen“, in den zart fließenden Farben des späten Frühlings. Die Zeichnungen umfassen Porträtstudien, dann den Zyklus „Der gefesselte Kolumbus“ (1913), „Variationen über ein Thema“ sowie Illustrationsentwürfe zu „Morgendämmerung“ von K. B. Palkovsky. Den größten Eindruck jedoch macht die „Chinesische Mauer“ nach einem Text von Karl Kraus. Hier hat Kokoschka schon 1914, zu Beginn des ersten Weltkrieges, einen Totentanz unserer Zeit geschaffen, ein Werk, dessen Konturen sich Himmel und Hölle in gleicher Weise nähern, dazwischen aber stöhnt eine Welt, die dazu verdammt ist, für die „Ewigkeit“ irdisch zu sein.

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