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Neue Pulp Fiction

Turbulenz noch und noch: der ideale Roman zum Verfilmen.

Es soll Hunde geben, die es nicht schaffen, ihr Futter gegen eine Kröte zu verteidigen, besonders wenn es sich um eine ausgewachsene Bufo marinus handelt, die mit Halluzinogenen um sich sprüht und der arme Hund über den "Intelligenzquotienten einer Stange Sellerie" verfügt. Das Leben ist manchmal ungerecht. So muss sich auch der sympathische Eliot Arnold in seiner Ein-Mann-Werbeagentur ständig mit schwierigen Kunden herumärgern, während ein Widerling wie der daueralkoholisierte Familienvater Arthur Herk lediglich die Schmiergelder einer korrupten Baufirma zu verteilen hat und darüber hinaus ein recht geruhsames Leben führen kann. Ein paar Jahre jedenfalls.

Bis der große Ärger kommt. Der erreicht in Dave Barrys erstem Roman "Big Trouble" eigentlich alle Protagonisten. Die russischen Waffenhändler und verliebten Teenager ebenso wie einen selbsternannten Hüter des Gesetzes, zwei Auftragskiller oder das lateinamerikanische Dienstmädchen und die drei Obdachlosen. Daran können auch die in Mengen ausschwärmenden teils fähigen, teils weniger geschickten Polizisten nichts ändern. Der Titel hält nämlich, was er verspricht: Es gibt tatsächlich "Big Trouble" in Miami. Das ist zwar in einer Stadt, in der - zumindest in den Kriminalromanen - alle männlichen Erwachsenen Feuerwaffen tragen und der Flughafen aussieht wie eine Mischung aus Basar und Flüchtlingslager, nichts wirklich Außergewöhnliches, aber bei Dave Barry treiben es die braven Bürger denn doch ein bisschen bunt. Ein Vergleich mit "Pulp Fiction", den Marx Brothers oder Monty Python ist nicht aus der Luft gegriffen. Vor allem, was das Komische betrifft. So kursiert etwa schon seit Jahren das Gerücht, ein schwedischer Arzt habe bei seinem Kinoerlebnis von "Ein Fisch namens Wanda" vor Lachen einen Herzinfarkt erlitten. Stephen King erging es nicht so schlimm, als er nach eigener Angabe bei der Lektüre von "Big Trouble", dem lustigsten Buch, das er in den letzten 40 Jahren gelesen habe, vor Lachen lediglich vom Sessel fiel - auf einen weichen Kaminvorleger. Seien Sie also vorsichtig im Umgang mit diesem Roman.

Sein Witz liegt vor allem in den grotesken Details. Die Handlung erscheint manchmal wie die vielzitierte Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt. Der Kolumnist, Satiriker und Pulitzer-Preis-Träger Dave Barry verkittet scheinbar zusammenhanglose Meldungen und noch etliches mehr zu einem Roman.

Man denke an den Lokalteil einer Zeitung irgendeiner größeren amerikanischen Stadt - eben z.B. von Miami - und stelle sich die unterschiedlichsten Meldungen vor, wie etwa: Ein Verrückter schießt am Parkplatz eines Einkaufszentrums wild um sich, wobei glücklicherweise niemand verletzt wird; nach einem Unfall entkommene Ziegen laufen frei über die Autobahn und verursachen ein Verkehrschaos; in einem Villenviertel sind in einem Vorgarten zwei Männer mit Handschellen an ein Metallregal gefesselt; man hat eine enorme Flutwelle vor Südflorida und den Bahamas gesichtet; eine vier Meter lange Python attackiert einen Reisenden am Flughafen; eine Flugzeugentführung nimmt durch beherzte Polizisten ein verfrühtes und gutes Ende. Der Roman dreht sich unter anderem um einen umgebauten Atomsprengsatz, welcher der russischen Armee entwendet wurde, in einem Metallkoffer versteckt wird und in amerikanischen Waffenhändlerkreisen von Hand zu Hand geht, bis er in einer kleinen, schmierigen Bar in Miami wieder bei den kleinkriminellen Landsleuten landet, die zwar die Gebrauchsanweisung lesen, aber wenig damit anfangen können und froh sind, das heiße Eisen an den nächstbesten Interessenten loszuwerden. Aber da kommt wieder die korrupte Baufirma mit ihrem Schmiergeldlieferanten ins Spiel, an dessen Leben, vor allem aber Sterben etliche Leute aus unterschiedlichsten Motiven interessiert sind. Zu allem Überfluss laufen noch ein paar Jugendliche im Auftrag eines von ihrer Schule veranstalteten "Mörderspiels" mit ziemlich echt aussehenden Wasserpistolen durch die Stadt und behaupten dauernd, unbedingt jemanden umbringen müssen.

Nein diese Geschichte kann man nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen. Der Roman hielt sich übrigens monatelang auf den US-Bestsellerlisten. Regisseur Barry Sonnenfelds ("Schnappt Shorty") Verfilmung hätte die Chance, eine neue "Pulp Fiction" zu werden.

BIG TROUBLE Roman von Dave Barry Übersetzung: Edith Beleites Eichborn Verlag, Frankfurt 2001 323 Seiten, geb., öS 291.-/e 21,15

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