Österreichisches Deutsch: Das umfasst nicht nur zahlreiche Dialekte und einen liebenswerten Sonderwortschatz, sondern ist vor allem kein unkorrektes oder minderwertiges Deutsch. Auf den folgenden Seiten erfahren Sie viel von österreichischen Redewendungen und Wörterbüchern sowie von den Möglichkeiten, österreichisches Deutsch im Ausland zu lernen. Und Sie erfahren auch, was einem Österreicher in Deutschland und einem Deutschen in Österreich sprachlich alles passieren kann. Redaktion: Cornelius Hell Österreichisches Deutsch: nicht nur ein Sonderwortschatz, sondern die Nationalvarietät einer plurizentrischen Sprache.

Österreich ist unser Vaterland, Deutsch ist unsere Muttersprache" - diese Formulierung von Bundeskanzler Figl ist einfach und einleuchtend, aber sie drückt sich um die entscheidende Frage: Welches Deutsch? Gibt es, was die Hochsprache betrifft, eine einheitliche Norm des Deutschen und dazu bestenfalls Ausnahmen und Sonderformen oder gibt es verschiedene Normen?

Beim EU-Beitritt Österreichs wurden 23 österreichische Bezeichnungen aus dem Lebensmittelbereich im Protokoll Nr. 10 festgehalten - eine relativ zufällige Auswahl aus dem österreichischen Wortschatz; aber die Tatsache, dass sich das österreichische Deutsch auch in seiner schriftlichen Form von bundesdeutschem oder Schweizerdeutsch unterscheidet, ist damit im EU-Primärrecht festgeschrieben.

Österreichischer Wortschatz

Wenn es um die deutsche Standardsprache in Österreich geht, werden meist die einschlägigen Vokabel aus dem kulinarischen Bereich oder aus der staatlichen Verwaltung ("Maut", "Zivildienst" usw.) angeführt. Um diese Eigenheiten des in Österreich geschriebenen Deutsch festzuhalten, gibt es seit Jahrzehnten das Österreichische Wörterbuch, das auch die Grundlage für die Beurteilung von Fehlern im Deutschunterricht darstellt. 2006 ist es in 40. Auflage und repräsentiert den Letztstand der amtlichen Rechtschreibung. Seit 1997 ist es nicht mehr nur ein reines Schulbuch; es gibt auch eine eigene umfangreichere Buchhandelsausgabe.

Auch populäre Bücher orientieren sich vor allem am österreichischen Sonderwortschatz. "Das österreichische Deutsch" von Robert Sedlaczek etwa versammelt zahlreiche hierzulande gebräuchliche Wörter, illustriert und kommentiert ihre Verwendung und stellt ihnen die entsprechenden bundesdeutschen Ausdrücke gegenüber. Das Buch enthält aber auch umfangreichere Artikel über das Perfekt als Erzählform und das von Thomas Bernhard so gerne verwendete doppelte Perfekt ("er hat es vergessen gehabt"). Jüngst hat Sedlaczek sein "Kleines Handbuch der bedrohten Wörter Österreichs" vorgelegt.

Von der "Gegenseite" her nähert sich der Schriftsteller Reinhard P. Gruber in seinem "Piefke-Wörterbuch"; es "übersetzt jedes Wort, das in Deutschland gesprochen wird, in ein verstehbares Deutsch, das auch der Österreicher kennt". Natürlich ist "jedes Wort" übertrieben, denn es fehlen zum Beispiel das Apfelteilchen oder die Rinderkraftbrühe. Aber es ist beachtlich und immer wieder auch amüsant, was Gruber da zusammengetragen hat - und tatsächlich ein guter Führer durch das in Deutschland gebräuchliche Deutsch.

Doch das österreichische Deutsch lässt sich nicht auf Vokabel reduzieren. Es geht auch um Stil und Grammatik, um Betonung und Intonation sowie um sprachliche Äußerungen in bestimmten Kommunikationssituationen. Auf allen Ebenen gibt es charakteristische österreichische Eigenheiten in der gesprochenen wie in der geschriebenen Sprache.

Plurizentrische Sprachen

Die entscheidende neue Sicht hat ein australischer Linguist mit österreichisch-ungarischen Wurzeln entwickelt: Michael Clyne sieht in seinem 1992 erschienenen Standardwerk "Pluricentric Languages" das österreichische Deutsch als Nationalvarietät einer plurizentrischen Sprache - ähnlich wie das amerikanische, australische oder indische Englisch, Französisch in Kanada oder Flämisch in Belgien. Dass es sich dabei häufig um sehr kleine Unterschiede handelt, ist für Clyne im Furche-Gespräch kein Einwand. "Tatsache ist, dass die nationale Identität und die Identität des einzelnen mit der Nation Österreich durch diese relativ kleinen Unterschiede ausgedrückt werden." Und außerdem ist Hochsprache ja nicht nur die geschriebene Sprache - auch bei Rundfunksprechern hört man sofort, ob sie aus Deutschland oder Österreich kommen.

Dass das österreichische Deutsch nicht so selbstverständlich akzeptiert wird wie das amerikanische oder inzwischen auch das australische Englisch, hat auch sprachliche Gründe. Immer wieder wird ins Treffen geführt, dass das österreichische Deutsch alles andere als einheitlich ist. Das gilt vor allem in regionaler Hinsicht - in Österreich wird eine Vielzahl von Dialekten gesprochen. Dazu kommt, dass Vorarlberg mit der deutschsprachigen Schweiz und Teilen Süddeutschlands zum alemannischen Sprachgebiet gehört, während in den übrigen acht Bundesländern bairisch-österreichische Dialekte gesprochen werden.

Gesprochene und geschriebene Sprache fallen in Österreich seit der Zeit Maria Theresias auseinander. In ihrer Regierungszeit wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt, damit wurde auch eine sprachliche Normierung notwendig. Leitfigur der österreichischen Sprachreform wurde der Aufklärer Joseph von Sonnenfels; er war stark an den Normen des norddeutschen Frühaufklärers Johann Christoph Gottsched orientiert, die jedoch nicht dem tatsächlichen Sprachgebrauch im deutschsprachigen Teil des Habsburgerreiches entsprach. So kam es zu der starken Diskrepanz zwischen gesprochener und geschriebener Norm, die bis heute für Österreich charakteristisch ist. "Im Schreiben, sollen wir Sachsen; im Predigen aber, Oesterreicher seyn", schrieb der Lambacher Benediktinerpater Maurus Lindemayr bereits 1769. Kaiserin Maria Theresia sprach selbst im Familienkreis Dialekt, bekämpfte ihn aber im öffentlichen Sprachgebrauch radikal. So entwickelte sich ein Nuancenreichtum, den man heute als "binnensprachliche Mehrsprachigkeit" bezeichnet.

Deutsche Übermacht

Um an der Kommunikation in Österreich teilnehmen und auch um österreichische Literatur lesen zu können, muss man auch die österreichische Variante des Deutschen kennen. Das war mit ein Argument, um 1994 ein eigenes österreichisches Sprachdiplom zu schaffen. Bei der Übermacht bundesdeutscher Lehrbuchverlage und Lehrmittelhersteller war dieser Schritt notwendig, um überhaupt auf das Problem verschiedener Normen des gesprochenen wie auch des geschriebenen Deutsch aufmerksam zu machen. Und für den Ausländer hat es praktische Vorteile, wenn er nicht nur mit einer einzigen Norm konfrontiert wird. Wer auf den gängigen Tonbandkassetten immer nur norddeutsche Sprecher gehört hat, wird sich in Österreich schwertun - auch wenn er nicht gleich in ein Wiener Beisl geht. Deswegen ist es auch so wichtig, dass Österreich seit zehn Jahren durch die Österreich Institute Möglichkeiten schafft, dass Deutsch auch in seiner österreichischen Variante im Ausland gelernt werden kann.

Die deutsche Sprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland ist jedenfalls so verschieden, dass man ein Wörterbuch braucht, um einander vollständig zu verstehen. An den Universitäten Duisburg, Innsbruck und Basel entstand dieses "Variantenwörterbuch des Deutschen". Es enthält nur die nationalen und regionalen Besonderheiten der Standardsprache (nicht der Dialekte oder Umgangssprachen). Man hat viel mehr Beispiele gefunden, als die Forscherinnen und Forscher selbst erwartet hatten. Für Hans Moser, den langjährigen Rektor und Leiter des Innsbrucker Forschungsteams, ist das Konzept, Deutsch sei eine plurizentrische Sprache, dadurch erhärtet.

Wer die Eigenheiten der deutschen Sprache in Österreich wichtig nimmt, muss deswegen noch lange nicht zum bornierten Österreich-Chauvinisten werden, im Gegenteil: Wer selbst nicht glaubt, fremde Standards erfüllen zu müssen, muss das auch nicht von anderen verlangen. Für Hans Moser war die Arbeit am Wörterbuch gerade auch deswegen wichtig: "Selbstverständlich ist das eine Einübung in Interkulturalität innerhalb einer Sprache und damit natürlich auch eine Einübung in Toleranz, in das Akzeptieren des anderen als gleichwertig."

Es ist wichtig, die nationalen Varianten der deutschen Sprache als gleichwertig anzuerkennen; dann braucht sich niemand mehr für seinen Sprachgebrauch schämen. Das wäre eine wichtige Voraussetzung im Umgang der deutschsprachigen Nationen miteinander und könnte auch ein guter Anfang sein, fremdsprachige Akzente nicht mehr zu diskriminieren. Und abgesehen davon ist es einfach lustvoll, in der eigenen Sprache immer wieder so viele Wörter und Sprechweisen aufzustöbern, die man noch gar nicht kennt.

Buchtipps

GRUBERS PIEFKE-WÖRTERBUCH.

Der Index der verpönten Wörter für Österreicher. Von Reinhard P. Gruber. Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2006. 254 Seiten, geb., € 19,60

DAS ÖSTERREICHISCHE DEUTSCH. Wie wir uns von unserem großen Nachbarn unterscheiden. Ein illustriertes Handbuch. Von Robert Sedlaczek.

Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2004. 496 Seiten, geb., € 34,95

KLEINES HANDBUCH DER

BEDROHTEN WÖRTER ÖSTERREICHS.

Von Robert Sedlaczek.

Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2007. 114 Seiten, geb., € 9,95

VARIANTENWÖRTERBUCH

DES DEUTSCHEN.

Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2004. 954 Seiten, brosch., € 30,80

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