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Literatur

Nichts nebensächliches

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Fangen wir an mit dem Jahr 1923. Joseph Roth, im galizischen Brody geboren, in Wien als Literat und Journalist auffällig geworden, hält sich seit drei Jahren in Berlin auf. Er befindet sich auf dem Sprung, etwas aus sich zu machen. Er beliefert wichtige Zeitungen und Zeitschriften mit seinen Beiträgen, er schreibt mit dem Furor dessen, der in sich den mächtigen Auftrag verspürt, die Menschheit zum Besseren, nein, eben nicht zu bekehren, sondern sie kraft seiner Argumente zu überzeugen. In seinen Artikeln schlägt er sich auf die Seite der Verstoßenen, sein erster Roman "Das Spinnennetz" wird in Fortsetzungen in der Wiener "Arbeiterzeitung" gedruckt.

Der Mann von 29 Jahren, das erkennt man bald, hat Zukunft. Er selbst muss das ähnlich sehen. Das Werk, das in der kurzen Zeit bis zum Jahr 1939 erscheint, ist gewaltig, gleichermaßen einem wahren Produktionsrausch zu verdanken. 16 Romane schreibt er, mehrere Erzählungen, umfangreiche Essays und zahllose Reportagen und Feuilletons. Er verfügt über einen Namen, der mit größter Hochachtung genannt wird. Die Zahl seiner Bewunderer ist groß, sein Wort zählt etwas. Alles, was er festhält, steht unter dem Zeichen der Dringlichkeit. Es gibt nichts Nebensächliches unter all diesen Arbeiten.

Selbst wenn er den großen Rilke in einer unveröffentlichten Kritik kurz und klein schlägt, sieht das aus wie eine zwischenzeitliche Selbstvergewisserung. Er misst sich am Dichter, dem er eine Fülle von "sinnlosen Bilderfratzen und gut gelungenen Karikaturen" zum Vorwurf macht. Roth fordert von sich mehr. Er möchte eingreifen in das Räderwerk der Gesellschaft, will Sand im Getriebe sein. Indem er sich von Rilke, den er der "Moderntuerei" bezichtigt, absetzt, formuliert er insgeheim seine eigene Poetik, die "den sanften Hauch der Äolsharfe" meidet. Joseph Roths Wirklichkeit ist handfest.

Vernünftig statt moralisch

Als Journalist hatte er gelernt, jeder noch so tristen Realität durch die Nüchternheit der Anschauung und präzise Analyse in klarer Prosa Ausdruck zu verleihen. Das lässt sich gut am Beitrag "Die Frauen Nebbe und Klein" (Börsen-Courier, 17. März 1923) nachweisen. Der Fall der beiden Giftmörderinnen lieferte der Sensationspresse Material für eine gierige Meute, der es um Empörung, Rache und das Ergötzen am Schaurigen ging. Roth erkannte darin aber nicht das erschreckend Abweichende in der Gesellschaft, sondern das Typische in der Ehe und im Leben kleinbürgerlicher Frauen. Er zeigte sich fasziniert davon, wie sich in angeblich "primitiven Frauen … die kompliziertesten Vorgänge" abspielen: "Perversität und Raffinement, Rätselhaftes und Unentwirrbares sind nicht unbedingt Folgen einer geistig luxuriösen Dekadenz". Nicht grauenhafte Täterinnen sieht er in ihnen, sondern Leidende "unter dem Sadismus der Männchen, deren schwache Brutalität gewöhnlich im umfangreichen Riesenkorpus eines Berserkers sich verbirgt." Roth verurteilt nicht, er sucht nach Erklärungen, wie es zu der Tat überhaupt kommen konnte. Roth argumentiert nicht moralisch, sondern vernünftig. Diese Haltung soll für sein journalistisches wie literarisches Werk dauerhaft gültig bleiben.

16 Jahre später, 1939, im Jahr seines Todes, schreibt Joseph Roth einen seiner seltsamsten Texte. Er beginnt unvermittelt zu schwärmen. Das passt nicht zu einem Intellektuellen, der die Schärfe seiner Gedanken historisch zu unterfüttern versteht und sich emotionaler Aufgewühltheit im Schreiben abhold erweist. Und dann dieser Text "Clemenceau", ein umfangreicher Essay von auftrumpfendem Gefühlsüberschwang, ein leidenschaftliches Dokument der Zuneigung, ja glühenden Verehrung - oft wider besseres Wissen. Der Text hätte im Verlag "De Gemeenschap" erscheinen sollen, wird aber nicht angenommen, eine erste gekürzte Fassung wird erst 1956 im Rahmen einer Werkausgabe gedruckt. Recht viel anzufangen wusste mit diesem Essay niemand. Er steht nicht auf der Höhe Rothschen Denkens, aber missratene Texte sind immer verräterisch. Die guten kaschieren ja mehr als sie preisgeben unter der polierten Oberfläche.

Hat sich Roth hier all seiner Prinzipien entledigt? Hat sich der kühle Rationalist zum kleingläubigen Propagandisten eines politisch Handelnden degradiert? Das sieht nur auf den ersten Blick so aus! Der Clemenceau im Text hat weniger mit dem realen Politiker zu tun als mit dem Verfasser selbst. Der nämlich redet mit verstellter Stimme, adaptiert Clemenceau als Modell-Ich. Einen "hellsichtigen Hass" schreibt Roth dem Franzosen zu, einen Hass, den der Autor selbst so gut kennt, wenn er an die Nazis denkt. Denen gilt seine Abscheu seit den frühesten Tagen. Das bindet den frühen Roth an den späten, sonst ist von einer inneren Biografie voller Wandlungen zu sprechen. Und Wandlungen machte auch Clemenceau durch. Als glühender Sozialist fing er an wie Roth, das "Streben nach größtmöglicher Besserung der Welt" treibt beide an. Aber in beiden arbeitet eine Gegenkraft. Als fundamentalen Fehler prangert Roth den unbedingten Glauben an den Fortschritt an. Die Geschichte gibt ihm recht.

Besserung der Welt

Mit der Machtergreifung der Nazis wird Roth ins Pariser Exil gezwungen, wo er knapp 45-jährig einen kläglichen Tod stirbt. In Clemenceau findet er einen Verbündeten im Geiste, der schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts "gegen die preußische Habgier" und "die Gefräßigkeit des Nachbarn" kämpft. Roth schreibt aus einer Nähe, die keinem Biografen zusteht. Er feiert Clemenceau als "fanatischen Kämpfer für Gerechtigkeit" selbst dann noch, als er Soldaten gegen streikende Bergarbeiter aufmarschieren lässt und Blut fließt. Dem zum Monarchisten gewandelten Roth leuchtet die konservative Wendung Clemenceaus durchaus ein. Die Romane "Radetzkymarsch" und "Die Kapuzinergruft" sind Roths gewaltiger Abgesang auf die österreichische Monarchie, der er den "höchsten Grad der Entwicklung" gerade deshalb zuspricht, weil sie "verschiedenen Nationalitäten Obdach und Erde" war. Mit der Hommage des kompromisslosen Politikers Clemenceau stattet Roth gleichzeitig Dank ab an das Land, das ihm Exil gewährt.

Dieser späte Essay tilgt gleichermaßen die frühe Erzählung "Der Vorzugsschüler" aus dem Jahr 1916. Diese führt drastisch vor Augen, wie ein Bub aus niedrigen Verhältnissen, intelligent und durchtrieben, den Aufstieg in die höhere Gesellschaft anstrebt. "Anton Wanzl hatte bis jetzt gehorcht. Nun wollte er einmal befehlen." Zu lesen ist das Porträt eines Widerlings, der ausschließlich den eigenen Vorteil im Auge hat. Wie anders sieht doch der "heilige" Clemenceau aus. Er bildet sich, um sich als Kämpfer für eine gerechte Sache in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Der Vorzugsschüler ist reif geworden.

Joseph Roth

Eine Biographie

Von Wilhelm Sternburg

Kiepenheuer & Witsch 2009

559 S., geb., e 22,95

Stellt den Menschen Roth ausführlich vor, besonders die späten Jahre.

Joseph Roth Leben und Werk in Bildern

Von Heinz Lunzer und Victoria Lunzer-Talos. Überarb. Neuausg.

Kiepenheuer & Witsch 2009

280 S., geb., e 41,10

(Bilder auf Seite 4-5 aus diesem Band)

Fangen wir an mit dem Jahr 1923. Joseph Roth, im galizischen Brody geboren, in Wien als Literat und Journalist auffällig geworden, hält sich seit drei Jahren in Berlin auf. Er befindet sich auf dem Sprung, etwas aus sich zu machen. Er beliefert wichtige Zeitungen und Zeitschriften mit seinen Beiträgen, er schreibt mit dem Furor dessen, der in sich den mächtigen Auftrag verspürt, die Menschheit zum Besseren, nein, eben nicht zu bekehren, sondern sie kraft seiner Argumente zu überzeugen. In seinen Artikeln schlägt er sich auf die Seite der Verstoßenen, sein erster Roman "Das Spinnennetz" wird in Fortsetzungen in der Wiener "Arbeiterzeitung" gedruckt.

Der Mann von 29 Jahren, das erkennt man bald, hat Zukunft. Er selbst muss das ähnlich sehen. Das Werk, das in der kurzen Zeit bis zum Jahr 1939 erscheint, ist gewaltig, gleichermaßen einem wahren Produktionsrausch zu verdanken. 16 Romane schreibt er, mehrere Erzählungen, umfangreiche Essays und zahllose Reportagen und Feuilletons. Er verfügt über einen Namen, der mit größter Hochachtung genannt wird. Die Zahl seiner Bewunderer ist groß, sein Wort zählt etwas. Alles, was er festhält, steht unter dem Zeichen der Dringlichkeit. Es gibt nichts Nebensächliches unter all diesen Arbeiten.

Selbst wenn er den großen Rilke in einer unveröffentlichten Kritik kurz und klein schlägt, sieht das aus wie eine zwischenzeitliche Selbstvergewisserung. Er misst sich am Dichter, dem er eine Fülle von "sinnlosen Bilderfratzen und gut gelungenen Karikaturen" zum Vorwurf macht. Roth fordert von sich mehr. Er möchte eingreifen in das Räderwerk der Gesellschaft, will Sand im Getriebe sein. Indem er sich von Rilke, den er der "Moderntuerei" bezichtigt, absetzt, formuliert er insgeheim seine eigene Poetik, die "den sanften Hauch der Äolsharfe" meidet. Joseph Roths Wirklichkeit ist handfest.

Vernünftig statt moralisch

Als Journalist hatte er gelernt, jeder noch so tristen Realität durch die Nüchternheit der Anschauung und präzise Analyse in klarer Prosa Ausdruck zu verleihen. Das lässt sich gut am Beitrag "Die Frauen Nebbe und Klein" (Börsen-Courier, 17. März 1923) nachweisen. Der Fall der beiden Giftmörderinnen lieferte der Sensationspresse Material für eine gierige Meute, der es um Empörung, Rache und das Ergötzen am Schaurigen ging. Roth erkannte darin aber nicht das erschreckend Abweichende in der Gesellschaft, sondern das Typische in der Ehe und im Leben kleinbürgerlicher Frauen. Er zeigte sich fasziniert davon, wie sich in angeblich "primitiven Frauen … die kompliziertesten Vorgänge" abspielen: "Perversität und Raffinement, Rätselhaftes und Unentwirrbares sind nicht unbedingt Folgen einer geistig luxuriösen Dekadenz". Nicht grauenhafte Täterinnen sieht er in ihnen, sondern Leidende "unter dem Sadismus der Männchen, deren schwache Brutalität gewöhnlich im umfangreichen Riesenkorpus eines Berserkers sich verbirgt." Roth verurteilt nicht, er sucht nach Erklärungen, wie es zu der Tat überhaupt kommen konnte. Roth argumentiert nicht moralisch, sondern vernünftig. Diese Haltung soll für sein journalistisches wie literarisches Werk dauerhaft gültig bleiben.

16 Jahre später, 1939, im Jahr seines Todes, schreibt Joseph Roth einen seiner seltsamsten Texte. Er beginnt unvermittelt zu schwärmen. Das passt nicht zu einem Intellektuellen, der die Schärfe seiner Gedanken historisch zu unterfüttern versteht und sich emotionaler Aufgewühltheit im Schreiben abhold erweist. Und dann dieser Text "Clemenceau", ein umfangreicher Essay von auftrumpfendem Gefühlsüberschwang, ein leidenschaftliches Dokument der Zuneigung, ja glühenden Verehrung - oft wider besseres Wissen. Der Text hätte im Verlag "De Gemeenschap" erscheinen sollen, wird aber nicht angenommen, eine erste gekürzte Fassung wird erst 1956 im Rahmen einer Werkausgabe gedruckt. Recht viel anzufangen wusste mit diesem Essay niemand. Er steht nicht auf der Höhe Rothschen Denkens, aber missratene Texte sind immer verräterisch. Die guten kaschieren ja mehr als sie preisgeben unter der polierten Oberfläche.

Hat sich Roth hier all seiner Prinzipien entledigt? Hat sich der kühle Rationalist zum kleingläubigen Propagandisten eines politisch Handelnden degradiert? Das sieht nur auf den ersten Blick so aus! Der Clemenceau im Text hat weniger mit dem realen Politiker zu tun als mit dem Verfasser selbst. Der nämlich redet mit verstellter Stimme, adaptiert Clemenceau als Modell-Ich. Einen "hellsichtigen Hass" schreibt Roth dem Franzosen zu, einen Hass, den der Autor selbst so gut kennt, wenn er an die Nazis denkt. Denen gilt seine Abscheu seit den frühesten Tagen. Das bindet den frühen Roth an den späten, sonst ist von einer inneren Biografie voller Wandlungen zu sprechen. Und Wandlungen machte auch Clemenceau durch. Als glühender Sozialist fing er an wie Roth, das "Streben nach größtmöglicher Besserung der Welt" treibt beide an. Aber in beiden arbeitet eine Gegenkraft. Als fundamentalen Fehler prangert Roth den unbedingten Glauben an den Fortschritt an. Die Geschichte gibt ihm recht.

Besserung der Welt

Mit der Machtergreifung der Nazis wird Roth ins Pariser Exil gezwungen, wo er knapp 45-jährig einen kläglichen Tod stirbt. In Clemenceau findet er einen Verbündeten im Geiste, der schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts "gegen die preußische Habgier" und "die Gefräßigkeit des Nachbarn" kämpft. Roth schreibt aus einer Nähe, die keinem Biografen zusteht. Er feiert Clemenceau als "fanatischen Kämpfer für Gerechtigkeit" selbst dann noch, als er Soldaten gegen streikende Bergarbeiter aufmarschieren lässt und Blut fließt. Dem zum Monarchisten gewandelten Roth leuchtet die konservative Wendung Clemenceaus durchaus ein. Die Romane "Radetzkymarsch" und "Die Kapuzinergruft" sind Roths gewaltiger Abgesang auf die österreichische Monarchie, der er den "höchsten Grad der Entwicklung" gerade deshalb zuspricht, weil sie "verschiedenen Nationalitäten Obdach und Erde" war. Mit der Hommage des kompromisslosen Politikers Clemenceau stattet Roth gleichzeitig Dank ab an das Land, das ihm Exil gewährt.

Dieser späte Essay tilgt gleichermaßen die frühe Erzählung "Der Vorzugsschüler" aus dem Jahr 1916. Diese führt drastisch vor Augen, wie ein Bub aus niedrigen Verhältnissen, intelligent und durchtrieben, den Aufstieg in die höhere Gesellschaft anstrebt. "Anton Wanzl hatte bis jetzt gehorcht. Nun wollte er einmal befehlen." Zu lesen ist das Porträt eines Widerlings, der ausschließlich den eigenen Vorteil im Auge hat. Wie anders sieht doch der "heilige" Clemenceau aus. Er bildet sich, um sich als Kämpfer für eine gerechte Sache in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Der Vorzugsschüler ist reif geworden.

Joseph Roth

Eine Biographie

Von Wilhelm Sternburg

Kiepenheuer & Witsch 2009

559 S., geb., e 22,95

Stellt den Menschen Roth ausführlich vor, besonders die späten Jahre.

Joseph Roth Leben und Werk in Bildern

Von Heinz Lunzer und Victoria Lunzer-Talos. Überarb. Neuausg.

Kiepenheuer & Witsch 2009

280 S., geb., e 41,10

(Bilder auf Seite 4-5 aus diesem Band)