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Noch in der Anklage brav?

1945 1960 1980 2000 2020

Brigitte Schwaiger schrieb ein großes, gar nicht glattes Buch.

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Brigitte Schwaiger schrieb ein großes, gar nicht glattes Buch.

Das Herz ist mir gefroren. Oder es ist zu Stein geworden. Das Gesicht ist mir gefroren. Ich trage nur noch eine Maske." So lautet die Bilanz der Schriftstellerin Brigitte Schwaiger über ihre 30 Jahre zurückliegende, kurze Ehe mit einem Spanier. Bis heute leidet sie unter den Folgen dieser "Unterwerfung", die sie schon in ihrem Roman "Wie kommt das Salz ins Meer" literarisch verarbeitet hat. Jetzt hat sie einen Roman über die Wahrheit hinter der Romangeschichte geschrieben, der eher eine Anklage, ein Aufschrei, ein verzweifelter Monolog, denn ein Roman ist. Und den man verstört und nachdenklich aus der Hand legt.

Sie ist jung und sie ist abenteuerlustig. Sie möchte weg von daheim und nicht länger die verlogene Beziehung der Eltern mit ansehen müssen. Der Vater war Nazi, darüber spricht man nicht. Er lebt bei der Freundin, darüber spricht man nicht. Das heranwachsende Kind erhält keine Antworten auf seine Fragen. Es beobachtet, liest, denkt nach und wird immer verwirrter. Die junge Studentin will dem inneren Chaos entfliehen, am besten weg von Österreich, um in Spanien die Sprache zu studieren. Sie sucht "das Leben" und findet "ihn". Schön, feurig, militärischer Ausbildner, besessen von seiner Liebe und entschlossen, sie nicht mehr loszulassen. Im Roman "Wie kommt das Salz ins Meer" hat sie ihn "Rolf" genannt und einen Bürokraten und selbstverliebten Technokraten aus ihm gemacht. Nun schildert sie die nackte, brutale und zerstörerische Wahrheit einer Ehe mit einem psychopathischen Mann, dem sie allein in einem fremden Land ausgeliefert ist. Unfähig, ohne Studienerfolg, ja ohne Erfolg überhaupt, in die Heimat zurückzukehren, will sie beweisen, dass sie eine gute Ehefrau sein kann, dass sie ihre Studien beenden kann und eine "normale Frau" ist, was ihr in der Heimat niemand zutraut.

Der Versuch missglückt. Je mehr sie sich bemüht, desto mehr Macht erhält der Mann über sie, der sie abwechselnd wie eine Göttin verehrt und wie eine Hure erniedrigt, vergewaltigt, einsperrt, demütigt und Schritt für Schritt ihrer eigenen Identität beraubt. Nach nur zwei Jahren ist sie eine gebrochene Frau - und sie ist es wohl bis heute.

Der neue Roman gibt ein schwer erträgliches Zeugnis davon. Brigitte Schwaiger beschönigt nichts. Sie verarbeitet die Thematik nicht zu gefälligen Bildern oder zu literarisch anspruchsvollen Sequenzen. Sie schreit, tobt, irrt umher und spuckt die Wahrheit - ihre Wahrheit - dem Leser ins Gesicht. So wie Sie Miguel ins Gesicht spucken möchte. Nein - eigentlich, das schreibt sie mit beklemmender Deutlichkeit, eigentlich möchte sie ihn ermorden.

Man liest den Roman unangenehm berührt von intimsten Details und erschüttert von der Nachhaltigkeit der psychischen Verletzungen der Autorin zu Ende und fragt sich: Ist es legitim eine derartige Lebensbeichte als Literatur auszugeben?

Ich habe ihr Porträt als schöne junge Frau vor Augen. Erinnerungen an Lesungen, die sie schüchtern und fast zerbrechlich zart vor einem begeisterten Publikum absolviert hat. Die vergleiche ich mit ihrer heutigen Lebensrealität, die vom "mühsam über Wasser halten" geprägt ist, wie im Vorjahr Günter Nenning in einem mitleiderregenden Bericht über Leben und Werk der Autorin in einer Tageszeitung berichtet hat.

Beschämt denke ich: Welch bequeme Frage nach der "richtigen", das heißt: "gefälligen" Form von Literatur? Ein Mensch wurde schwer beschädigt. Eine Frau wurde ihrer Sehnsüchte, ihrer Liebesfähigkeit, ihrer Lebensplanung und -orientierung nachhaltig beraubt. Niemand kümmert sich darum, seit sie keine literarischen Erfolge mehr verbuchen kann. Seit ihr die Kraft dafür abhanden gekommen ist, ihren Schmerz so künstlerisch zu verpacken, dass man ihn als Leser erträgt. Ob ihres inzwischen aufs alltägliche materielle Überleben reduzierten Alltags zuckt die literarische Society mit den Schultern. Pech gehabt.

Auch dieser Roman wird wahrscheinlich kein großer literarischer Erfolg werden. Doch Brigitte Schwaiger hat nur ihre Geschichte, ihre Erinnerung, ihre Worte. Ihr Roman liefert den dramatischen Beweis dafür, was man mit jungen Menschen im Namen der Liebe alles anstellen kann.

Ich erschrecke über mich selbst, denn ein wenig denke ich, so wie alle gleichgültig an den vom Leben Verletzten Vorübergehenden, zumindest ein wenig sei sie vielleicht doch auch selbst schuld an ihrem Unglück. Sie hätte ja die beste Freundin einweihen oder doch der Mutter reinen Wein einschenken können. Oder zur Polizei gehen oder zu einem Anwalt.

Das ist der Moment, in dem mir klar wird, dass Brigitte Schwaiger ein ganz großartiges Buch gelungen ist. Sie verdeutlicht genau dieses fatale Vorurteil, das prügelnde und vergewaltigende Männer schützt und einen Teil der Schuld auf die Frauen schiebt. Und plötzlich ist es völlig gleichgültig, ob Miguel wirklich Miguel war, ob sich jede Szene genauso oder vielleicht etwas anders abgespielt hat. Ich bin seit vielen Jahren engagierte Feministin und führe heftigste Diskussionen mit meinem Mann, meinen Söhnen, meiner Tochter. Und trotz meines theoretischen Bewusstseins stellte ich den Anspruch auf eine kulinarische, geordnete Anklage. Ohne ständige Ortswechsel und Brüche in der Schilderung, ohne Verwirrung und Widersprüche, die aus der Erzählerin hervorbrechen.

Frauen werden immer wieder nicht ernst genommen, weil sie, durch dramatische Erlebnisse erschüttert oder innerlich zerstört, erst glaubwürdig sind, wenn sie angepasst und geplant agieren. Wenn sie dazu fähig sind, logisch und ohne Widersprüche Anklage zu erheben. Obwohl es doch in einer Beziehung von fast mörderischer Abhängigkeit auch Widersprüche gibt. Es gibt auch die sanften Momente, die Augenblicke der Hoffnung und der Zärtlichkeit. Und genau die sind es, die das Ausmaß der Verwirrung und die Tiefe jener Wunden bedingen, die dann keiner sehen will. Wir verlangen nach logischen Erklärungen, wo es keine Logik gibt.

Es ist das Außergewöhnliche an Brigitte Schwaigers Roman, dass es ihr gelingt, genau diese Verlogenheit, ja diese Unmöglichkeit der Beweisführung der Opfer zu entlarven. Ob sie das konstruiert hat oder ob es ihr aufgrund ihrer Lebensgeschichte "nur" passiert ist, das sollte in diesem Fall nicht im Mittelpunkt der literarischen Beurteilung stehen.

Ich suchte das Leben und fand nur dich.

Roman von Brigitte Schwaiger, Langen Müller Verlag, München 2000, 207 Seiten, geb., öS 218,-/e 15,84

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