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Digital In Arbeit

Nur „fastfood” im globalen Dorf?

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Täglich ergießt sich ein breiter Strom von „Informationsmüll” über die Konsumenten. Wird die Sehnsucht nach

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Täglich ergießt sich ein breiter Strom von „Informationsmüll” über die Konsumenten. Wird die Sehnsucht nach

Die alten Tyranneien von Raum und Zeit werden endlich überwunden. Im globalen Dorf tratschen alle mit allen. Die Bürger werden gebildet sein und die Demokratie erhält eine neue Qualität. Das Wissen aller Zeiten und Völker ist jederzeit „at your fingertips. Alles, alles ist auf Tastendruck zu haben. Angesichts all der virtuellen Welten brauchen wir die wirkliche beinahe nicht mehr.

Das sind die Illusionen und Träume der Informationsbegeisterten.

Die Besorgten hingegen reden vom verkabelten Individuum, vom gläsernen Menschen, von der „schönen, neuen Welt”, vom Verlust der Wirklichkeit: Wir amüsieren uns zu Tode. Die Ära der „couch potatoes” bricht an. Die Multimedien nivellieren auf dem untersten Niveau. Informationsexplosion und Kulturverfall gehen Hand in Hand.

In der Tat gewinnt das, was schon seit langem, etwas voreilig, als „ In formati onsgesell -schaft” ausgerufen wurde, erst an Konturen. Das Fernsehen hat die Bahn gebrochen, die verkabelten Computer rücken auf breiter Front nach, Multimedia ist im Aufstieg, im nächsten Jahrzehnt fließt alles mit allem zusammen. Die elektronischen Medien haben erstmals den Umstand bewußt gemacht, daß vermittelte Wirklichkeitsbilder in den Köpfen der Menschen neue Wirklichkeiten aufbauen. Welche Welt ist es, die an den Fingerspitzen zur Verfügung steht? Was werden die Informationsströme uns heranschwemmen? Wie sind die Individuen beschaffen, die einer elektronisch geprägten Sozialisation entstammen? Wie werden sie ihre Fingerspitzen zucken lassen? Zucken sie zu den Bildern des Louvre oder nach den Rhythmen der action-games? Beim Blättern der Enzyklopädien oder in der Gier des Shopping?

Die Antwort ist zwiespältig: Es wird alles das geben. Fassen wir zunächst die schlechte Botschaft ins Auge: Lawinen von Informationsmüll werden sich über uns ergießen. Die vergleichsweise harmlosen Erseriösen Medien wachsen? fahrungen mit dem Fernsehen sollten Illusionen über den Bildungswert des „elektronischen Globus” bremsen. Bald wird unsere „Wahlfreiheit” auf 200 Kanäle erweitert sein, und auf fast allen wird es denselben Unsinn geben. Die elektronische brave, new world ist darauf ausgerichtet, dauernde Erlebnisse zu vermitteln. Sie vermittelt auch die Orientierung an einfachen Rezepten, an der scheinobjektiven Welt der Berichterstattung. Das Gestaltungsprinzip der Sensationspresse wird in den elektronischen Medien perfektioniert, und die Printmedien, die den Massenabsatz wollen, orientieren sich wieder an den Gesetzlichkeiten des Fernsehens.

Das Fernsehen liefert alles, was für das Fernsehen geeignet ist, nicht mehr und nicht weniger. Es addiert Bilder. Das Rauschen der Informationen produziert Beliebigkeit. Immer mehr Bilder, und keines bedeutet mehr etwas. Es produziert Unrast und Ungeduld. Es erzieht zu kurzen geistigen Wegen, und wer an diese gewöhnt ist, will längere nicht mehr gehen. Seriosität ist für die meisten langweilig.

Der „Triumph des Boulevards” ist der Bürger, der sich „informiert” wähnt, wenn er unterhalten wird. Was verstehen wir unter einem „informierten Bürger”? Meinen wir einen, der über eine ungeheure Menge an Bits und Bytes verfügt, oder einen, der die „richtigen” Informationen bekommt und mit diesen etwas anfangen kann? Nicht jeder, der vorgibt, „Information” zu liefern, tut dies. Im Fernsehen können wir sogenannte „Diskussionen” beobachten, in denen Informationsfetzen und Halbwahrheiten durch die Gegend fliegen, verbreitet von vazierenden Profi-Diskutanten. Talk-Shows breiten sich aus wie eine Seuche: wahre Karikaturen sprachlicher Kommunikation. Auch der Austausch von Argumenten muß Unterhaltung sein. Die Machart ist wichtiger als die Sache. Vergnügen wird ausgestreut von launigen Prä-sentatoren, die vertraulich und unhöflich, lässig und locker mit ihrem Publikum verkehren. Zeitvertreib wird geboten von Animatoren, die schnoddrig als Spontaneität getarnte Oberflächlichkeit zelebrieren.

Aber es gibt auch eine gute Botschaft: Es ist eine Tatsache, daß es immer verläßlichere Informationen über Wirtschaft und Politik, über die nationale und die internationale Welt, über Natur und Kunst, über Kriege und Friedensschlüsse, über Fortschritte und Bedrohungen gibt, und sie sind in immer vielfältigeren Formen zugänglich. Niemals zuvor hat es diese Vielfalt an Printmedien gegeben, niemals waren so viele Fernsehkanäle zugänglich, niemals zuvor konnte man vom Schreibtisch aus elektronische Netze weltweit durchwandern.

Aber für die meisten Menschen gibt es immer weniger Anreize, sich mit beschwerlichen Informationen zu plagen. Und es gibt immer weniger an verläßlichen Grundlagen, die es erlauben würden, die Menge an Informationen zu ordnen, und immer weniger an persönlichem Bezug zu den Informationen, der die Daten für das persönliche Leben fruchtbar macht.

Wir haben also auf der einen Seite die nivellierenden Wirkungen der „ent-ertainigen” Massenkultur, auf der anderen die Segnungen einer überbordenden Informationsvielfalt; auf der einen Seite Informationsignoranz und Überforderung, auf der anderen einen ungeahnten Reichtum an Informationschancen. Die Informationsangebote polarisieren sich, und die Nutzer werden dies auch tun: Es wird die Masseninformationsangebote geben, in denen intellektuelle Regungen nach Tunlichkeit auf das allgemeine Verständnis- und Vergnügungsniveau eingeebnet werden. Und es wird - ganz am Rande des medialen Geschehens - eine ungeahnte Vielfalt an Kultur- und Informationsdarbietungen für jene geben, die daran Interesse haben. Da die Menschen eine viel höhere Wahlfreiheit bei ihrer Begegnung mit kulturellen Beständen haben werden, wird die Kluft zwischen den massenmedial Vergnügten und den medial Gutinformierten wachsen. Das aber heißt auch: Es wird eine Minderheit geben, die Qualitätsinformation will.

Ist dies richtig, läuft es auf eine zunehmende Differenzierung im gedruckten und im elektronischen Angebot hinaus. Die Qualitätsmedien werden eine kleine intellektuelle Minderheit versorgen, und sie werden deshalb bei steigender Qualität und weiter zunehmendem internationalen Verflechtungen teurer werden. Bildung wird in der Informationsgesellschaft nicht billiger oder allgemein verfügbar, im Gegenteil. Qualitätsmedien werden zwar in Nischen abgedrängt, aber diese können sie auf ausgedehnten Märkten nutzen, da die neuen Kommunikationstechnologien eine regionalisierte Produktion gestatten. Sie werden für den „Hintergrund” und die „Interpretation” sorgen, also Informationen für jene liefern, die sich den längeren Atem bewahren und aus der Informationsfülle Sinn machen wollen.

Auch „Sättigungseffekte” kommen den Qualitätsmedien zugute. Das lauter werdende Gedröhn der Massenmedien wird zur Abstumpfung der Bezipienten führen, und die „fade” Seriosität kann neuen Beiz gewinnen: Sendungen oder Blätter ohne „laute” Aufmachung. Nicht für alle Printmedien ist es sinnvoll, sich den Gesetzlichkeiten des Fernsehens anzunähern. Freilich werden auch Qualitätsangebote auf den Schirmen vertreten sein, und selbst gute Printmedien werden dort ihr zweites Bein finden, die jetzt noch gratis dort zu finden sind, werden in absehbarer Zeit nur noch gegen Bezahlung aufgerufen werden können. Das Wall Street Journal gibt es im Internet bereits zu abonnieren. Günstige Kombiangebote mit der Papierversion werden attraktiv.

Die oberen Bildungsschichten werden ihre differenzierte „Informationskultur” - auch die „Papierkultur” - hervorheben, schon aus dem Bedürfnis heraus, sich gegenüber den Massenkonsumenten abzusetzen. Es ist selbstverständlich, daß man elektronische Enzyklopädien nutzen wird und ins „Netz” einsteigt, um sich die Ankündigung kultureller Veranstaltungen auf den Schirm zu holen. Aber warum sollte jemand so verrückt sein, die Gesamtausgabe der Werke Shakespeares vom Bildschirm lesen zu wollen? Die Papierzeitung kann er in der U-Bahn und in der Straßenbahn lesen, die papierene Wochenzeitschrift abends und sonntags im bequemen Sessel, bei einem Glas Wein, genießen. In Büchern kann man blättern, etwas anstreichen, ihre sinnliche Qualität genießen. Warum sollte jemand Lust haben, das zu tun, was er die ganze Woche ohnehin tut: in den Bildschirm zu starren?

Es wird also eine begrenzte Nachfrage nach „Qualität” in allen Medien geben, und es wird auch die „papierene” Welt nicht so rasch verschwinden. Aber die Kluft wird größer. Das Informations- und Bildungsniveau der Bevölkerung wird in der allumfassenden Kommunikationsgesellschaft nicht steigen, und es wird keine Qualitätssteigerung demokratischer Prozesse zu erwarten sein. Vielmehr werden sich die meisten Menschen aus den seichten Gewässern entertainigen Geplätschers nie mehr entfernen müssen, und jene, die sich der Informationsfülle bedienen, werden ihnen wie Gestalten von einem anderen Stern vorkommen.

Die Informationsgesellschaft wird nicht die egalitär-demokratischen Visionen erfüllen, die manche hegen; es wird sich vielmehr um eine gespaltene Gesellschaft handeln. Aber obwohl sich viel mehr Menschen bei McDonald's ernähern als in Spitzenrestaurants, gibt es keine Indizien dafür, daß die letzteren in absehbarer Zeit untergehen.

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