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Nur keine Basteleien

Der Komponist und Dirigent Friedrich Cerha über den Wandel in der Einstellung gegenüber zeitgenössischer Tonkunst, seine eigenen Werke und Tendenzen in der Neuen Musik.

Kaum jemand hat sich in den letzten Jahrzehnten so für die zeitgenössische Musik eingesetzt wie Friedrich Cerha. Anlässlich seines 85. Geburtstags (17. Februar 2011) steht er mit einer Auswahl seiner Werke im Mittelpunkt des diesjährigen Neue-Musik-Festivals "Wien modern“.

DIE FURCHE: Herr Professor Cerha, zum zweiten Mal nach 1989 stehen Sie im Zentrum des Festivals "Wien modern“. Wie modern ist Wien seither geworden?

Friedrich Cerha: Die Aufgeschlossenheit der Neuen Musik gegenüber hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gebessert. Es gibt immer gut gefüllte Säle bei Konzerten Neuer Musik. Das ist nicht an allen Orten so: Ich war gerade in Leipzig beim Gewandhausorchester, dort gibt es auch eine kleine Gruppe, die ein Konzert mit älterer und jüngerer Neuer Musik gemacht hat, aber mit großen, alten Leuten wie Boulez, Stockhausen, da waren vierzig Besucher.

DIE FURCHE: Ist Wien aufgeschlossener?

Cerha: Wenn ich an die 1960er Jahre denke, waren die Hochburgen der Neuen Musik Köln, Hamburg, Paris - Paris schon an zweiter Stelle. Wien hat in den letzten Jahrzehnten sehr aufgeholt.

DIE FURCHE: Wie sehr hat dabei "Wien modern“ eine Rolle gespielt - oder ist dieses Festival Teil einer Entwicklung?

Cerha: Zweiteres. Am Anfang standen die regelmäßigen Konzerte der Ensembles "die reihe“, Kontrapunkte, Klangforum Wien. Die von Hans Landesmann, dem damaligen Generalsekretär des Wiener Konzerthauses, ins Leben gerufene Reihe "Wege in unsere Zeit“ hat das Publikum noch einmal vergrößert. In Köln hat man lange Zeit die traditionellen Programme in den Abonnementkonzerten gemacht, dann die neueste Musik für ein aufgeschlossenes Publikum, dazwischen hat sich ein Loch aufgetan. In der "reihe“ haben wir von Anfang an versucht, die gesamte Entwicklung von der Jahrhundertwende weg aufzuzeigen und klar zu machen, wie es überhaupt zu dieser gegenwärtigen Musik gekommen ist.

DIE FURCHE: Gleich zur Eröffnung von "Wien modern“ erklingt mit den "Spiegeln“ einer Ihrer Klassiker - wie sehr konnten Sie bei der Programmgestaltung mitreden?

Cerha: Es hat Wünsche gegeben, beim Klangforum habe ich ein gewisses Programm angeregt. Von wegen "Klassiker“: Nach den ersten Aufführungen habe ich überall gelesen, das ist experimentelle Kopfmusik. Das hat mich gewundert, weil die "Spiegel“ aus einem elementaren Ausdrucksbedürfnis heraus entstanden sind, wo ich in den 1980er Jahren erst wieder entdeckt habe, wie sehr die furchtbaren Kriegserlebnisse da heraufgespült worden sind.

DIE FURCHE: Zum Abschluss von "Wien modern“ werden die Wiener Philharmoniker Ihr Schlagzeugkonzert mit Martin Grubinger als Solisten aufführen, sehen Sie das als etwas Besonderes?

Cerha: Das Schlagzeugkonzert ist nicht nur vom Solisten sondern auch vom Orchester her ein sehr aufwändiges Stück, da ist jede Aufführung etwas Besonderes.

DIE FURCHE: Vor wenigen Tagen gab es im Musikverein die Österreich-Premiere Ihres jüngsten Orchester-Opus’ zu hören, eine Paraphrase über Ludwig van Beethovens neunte Symphonie. Wie ist es dazu gekommen?

Cerha: Ich wurde vom Gewandhausorchester Leipzig angefragt, ob ich ein Stück schreiben möchte, das man vor der "Neunten“ spielen kann und das mit Beethoven irgendwas zu tun haben sollte. Zunächst habe ich nein gesagt, ich mache keine Musik über andere Musik. Ich mag auch keine Bearbeitungen. Seit meiner Kindheit war ich immer fasziniert vom Anfang dieser Neunten: die leere Quinte und die Quart-Quint-Fälle darüber, das war für mich immer ein Uranfang, fast wie eine Geburt der Musik überhaupt bis zu dieser kadenzierenden Achtelfloskel. Das hat sich ohne jede Absicht oder Tendenz in meinem Kopf die nächsten Tage festgesetzt. Plötzlich begann meine Fantasie diese Dinge weiterzudenken, auf einmal war ein Stück da. Ich habe mein Nein zurückgenommen - jetzt ist es eine Paraphrase, kein Kommentar, über den Anfang der Neunten.

DIE FURCHE: Der Untertitel von "Wien modern“ lautet: "Das Festival für Musik der Gegenwart“. Woran arbeiten Sie gegenwärtig?

Cerha: Ich habe eine Reihe von Stücken fertiggestellt, drei Orchesterstücke, wo ich das erste schon vor fünf Jahren geschrieben habe, mit den Titeln "Berceuse céleste“, am Schluss "Tombeau“, das Stück dazwischen habe ich "Intermezzo“ bezeichnet. Es sind drei vom Material und der Organisation verschiedene Stücke. Für die Stuttgarter Vokalsolisten - das sind sieben, drei Damen, vier Herren - habe ich zwei Szenen komponiert, dabei habe ich auf Szenen aus dem "Netzwerk“ zurückgegriffen. Dann ein Klavierstück für Marino Formenti, das ist eine Hommage an Feldman. Im dritten "reihe“-Konzert mit dem Pianisten David Tudor, wo wir das Cage-Klavierkonzert und Werke von Earl Brown und Christan Wolff gemacht haben, habe ich mit Tudor Violinstücke von Feldman, der damals in Europa völlig unbekannt war, gespielt. Ich habe sofort eine große Zuneigung zu Feldman gefasst, zu diesem einfachen, fast kindlichen Herangehen an Töne und Klang. Das Stück heißt "Gestörte Meditation“, ganz stille Episoden, die durch Dinge aus unserer hektischen Zeit unterbrochen werden. Und dann habe ich noch neun Bagatellen für das Zebra-Trio geschrieben, ein Streichtrio mit dem Geiger Ernst Kovacic, einem finnischen Bratscher und einem kanadischen Cellisten, für die es nicht leicht ist, zusammenzukommen. Die Uraufführung sollte in Witten sein, aber der isländische Vulkan hat einen Strich durch die Rechnung gemacht, der Finne und der Kanadier konnten nicht kommen, so musste es auf später verschoben werden. Das Trio nennt sich Zebra-Trio, denn ich hatte immer schon eine besondere Beziehung zum Zebra. Schon deshalb, weil es sich nicht bereiten lässt. Gerade bin ich dabei, ein Stück für sechs Schlagzeuger für die Gruppe um Martin Grubinger zu schreiben, es heißt "Étoile“, also Stern, weil sie um das Publikum herum sternförmig angeordnet ist.

DIE FURCHE: In welche Richtungen wird sich nach Ihrer Einschätzung die Musik in Zukunft entwickeln?

Cerha: Die Richtungen splittern sich immer mehr auf, es gibt keine grundsätzlichen Tendenzen. Ich erinnere mich, im Sommer 1945 habe ich in der Tiroler Tageszeitung einen Artikel über Hindemith gelesen, wo prophezeit wurde, jetzt beginnt für mehrere Generationen eine neue Klassizität. Wie viele Prophezeiungen ist auch die nicht eingetreten. Die verschiedenen Wege, die sich abzeichnen, werden sicher weiter verfolgt werden, ich hoffe nur, dass eine Tendenz der ein bisschen dilettantischen elektronischen Bastelei sich nicht noch mehr verbreitet als sie es schon ist.

* Das Gespräch führte Walter Dobner • Fotos: Mirjam Reither |

Wien modern: Perspektiven Neuer Musik seit 1988

Vom italienischen Stardirigenten Claudio Abbado ins Leben gerufen, zählt das seit 1988 jährlich im Herbst veranstaltete Festival "Wien modern“ zu den international wichtigsten Perspektiven Neuer Musik. Neben Konzerthaus und Musikverein zählen u. a. die Alte Schmiede, das Casino Baumgarten, das Rabenhof Theater, das Semperdepot und das Schömerhaus Klosterneuburg zu den Veranstaltungsorten.

Das diesjährige Festival wird am 28. Oktober im Wiener Konzerthaus mit der Aufführung von Cerhas "Spiegel“-Zyklus durch das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister eröffnet und am 25. November, ebenfalls im Konzerthaus, von den Wiener Philharmonikern und dem Solisten Martin Grubinger unter Peter Eötvös mit dem Schlagzeugkonzert von Cerha sowie zwei Werken von Georg Friedrich Haas beschlossen.

Hauptkomponisten sind zwei der prominentesten Komponisten der Gegenwart: der Engländer Harrison Birtwistle und der Doyen der österreichischen Komponistenszene, Friedrich Cerha. (dob)

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