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Digital In Arbeit

Österreichs Männer schätzen nach wie vor die Bequemlichkeit

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Spätenstens bei der Hausarbeit hört die Partnerschaft auf. Da treten die meisten Männer die Flucht an, meist in Richtung Büro. Da wie dort läßt er die Frauen für sich arbeiten.

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Spätenstens bei der Hausarbeit hört die Partnerschaft auf. Da treten die meisten Männer die Flucht an, meist in Richtung Büro. Da wie dort läßt er die Frauen für sich arbeiten.

Partnerschaftliche Arbeitsteilung im Haushalt ist eine Selbstverständlichkeit? Der aufgeklärte Mann der 90er greift bereitwillig zu Spülbürste und Staubsauger, um die ebenfalls berufstätige Partnerin im Alltag zu entlasten? Uberzeugend verteidigt er seine liberale Gesinnung in jeder Freundesrunde; die Vorstellung, ein Wochenendvater zu sein, ist ihm ein Greuel? Klar. Zwanzig Jahre medialer Aufklärungsarbeit können schließlich nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein.

Sind sie auch nicht. Jedenfalls theoretisch. Kein halbwegs intelligenter Mann würde heute lautstark behaupten, daß er den Griff zum Putztuch und ins Abwaschwasser für unter seiner Würde hält. Was ihn von der täglich anfallenden Arbeit im trauten Heim fernhält, ist bestenfalls seine angespannte berufliche Terminsituation und der Streß der Erwerbsarbeit. Der nimmt ihn so her, daß ihm abends nichts anderes mehr zuzumuten ist, als sich in einen Sessel fallen zu lassen oder den Fernseher einzuschalten. Vorausgesetzt, ein geschäftliches Abendessen macht nicht auch noch dieses letzte Restchen Entspannung zunichte.

Kommt er schließlich erschöpft nach Hause, läßt er sich von der Partnerin, die nach ihrem ganztägigen Bürojob inzwischen Abendessen für die Kinder gemacht, dieselben ins Bett gebracht, den Einkauf besorgt, die Wäsche gewaschen und gebügelt hat, umarmen, bedauern und zu einem Gespräch animieren. Daß er jetzt weder die Kraft noch ein offenes Ohr für ihre Probleme hat, versteht sich fast von selbst. Schließlich muß er für den morgigen Arbeitstag wieder fit und ausgeschlafen sein.

Das ist weder übertrieben noch eine Seltenheit. Die durchschnittliche erwachsene Österreicherin arbeitet Woche für Woche sechs Stunden und 20 Minuten länger in Haushalt und Beruf als der Herr Gemahl. Aus einem Vergleich der Mikrozensen des Osterreichischen Statistischen Zentralamtes von 1981 und 1992 über die Zeitverwendung läßt sich zwar ersehen, daß 1992 von Männern insgesamt eine halbe Stunde mehr in Arbeiten im Haushalt und Kinderbetreuung investiert wurde, verglichen mit dem weiblichen Arbeitsaufwand ist das aber immer noch wenig genug.

Bekannt ist, daß Hausarbeit von Männern immer noch als „freiwillige Leistung” angesehen wird, auf die von Seiten der Frau kein Anspruch besteht. Nur wenn die Frau aus zwingenden beruflichen oder krankheitsbedingten Gründen nicht greifbar ist, zeigen die meisten doch Einsehen,, Dafür hat sie aberäiicfi ausgiebig und andauernd dankbar zu sein.

„Männer drücken sich”, resümiert die deutsche Journalistin Claudia Pinl in ihrem Buch „Das faule Geschlecht” (Verlag Eichborn, 1994), für das sie in jahrelanger Kleinarbeit west- und ostdeutsche Statistiken durchforstet hat, „vor der Arbeit im Haus, vor dem

Putzen, Waschen, Kochen ebenso wie vor der Beziehungsarbeit, der Versorgung, Pflege und Erziehung von Kindern, Alten oder Kranken. Männer lassen arbeiten, sie sind das faule Geschlecht.” (In Österreich gibt es keine vergleichbare Arbeit. Das klingt hart. Schließlich müssen viele'Männer wirklich schwer arbeiten, um die Familie zu erhalten. Besonders dann, wenn die Frau we-.gen der Kinder nicht arbeiten kann oder' wil]| Den hart arbeitenden Mann gibt es. Aber er ist eine Seltenheit.

„Vollzeitbeschäftigte Männer sind keineswegs derart mit Arbeit überlastet, wie sie vorgeben”, bricht Frau Pinl die letzte männliche Hochburg ein. Mittlere und höhere Manager delegieren einen Großteil der Arbeit an andere Personen - häufig an Frauen, die effizientes und stilles Zuarbeiten sowieso gewöhnt sind. Die gesammelten Ergebnisse präsentieren sie dann in Konferenzen, Vorstands- oder anderen Arbeitssitzungen. Meistens ohne zu erwähnen, daß es sich dabei nicht um eigenes Hirnschmalz handelt. Daß gerade Führungskräfte so wenig Zeit zu Hause verbringen, hält die Journalistin weniger für ein Überarbeitungssyn-drom, sondern mehr als Teil ihrer Flucht vor der Familienarbeit. In den klassischen Handwerks- und Industrieberufen sind moderne Maschinen im Einsatz, die auch körperlich schwere Arbeit zur Ausnahme machen. Die, die trotzdem noch anfällt, wird vielfach von Ausländern gemacht. Typische Frauenarbeit ist hingegen häufig körperlich belastend: Krankenpflege, Putzen, Regale auffüllen im Supermarkt.

Sicher: den hart arbeitenden Mann gibt es. Nur erledigen erwerbstätige Frauen in der gleichen Zeit meistens ungleich mehr Arbeit. Oft müssen sie als Teilzeitkräfte in kurzer Zeit ein ganzes Tagespensum erledigen. Und sie bekommen dafür erheblich weniger Geld. Frauen verdienen bei gleicher oder ähnlicher Tätigkeit noch immer ein Drittel weniger Geld. Teilzeitarbeitende Frauen

zählen zu den am stärksten belasteten überhaupt. Denn ihre Männer nehmen ihnen so gut wie keine Hausarbeit ab.

„Männer nehmen das ständige Zuarbeiten von Frauen in allen Bereichen an, weil es ihnen immer wieder angeboten wird”, nimmt die Wiener Kommunikationstrainerin und Psychologin Ingrid Kosten den männlich/weiblichen „Vertrag” unter die Lupe. Und zwar von klein auf. Männliche Säuglinge erfahren nachweislich von ihren Müttern schon mehr Aufmerksamkeit und schnellere Zuwendung als weibliche. „Es kann gut sein, daß Männer dieses Muster so verinnerlicht haben, daß die es mit großer Selbstverständlichkeit auch einfordern”, vermutet die Psychologin.

Aber die Rechnung vieler Frauen, daß sie Anerkennung und Liebe bekommen, wenn sie sich bis an ihre Grenzen „auspowern”, geht nicht auf. Im Gegenteil, sagt Expertin. Kosten: „Statt Respekt zu ernten, verlieren sie auch noch ihre Selbstachtung.” Einen möglichen Ausweg sieht sie darin, daß Frauen lernen, rechtzeitig „Nein” zu sagen, bevor ihnen der Rundumservice zuviel wird. Und daß sie Männern auch Platz machen, wenn diese schon mal ihre Hilfe anbieten. Das gilt vor allem für den Umgang mit Kindern. Väter, so zeigt die Statistik, verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als noch vor zehn Jahren. Vor allem größere Kinder können mit

mehr väterlicher Zuwendung in der Freizeit rechnen. „Immer mehr Männer verstehen, daß diese Zeit unwiederbringlich verloren ist, wenn sie sie nicht nützen, beobachtet Kosten die neuen Tendenzen. Zurückhaltung zeigen Väter noch immer bei der Betreuung kleiner Kinder. Väter in Karenz sind nicht zufällig die Ausnahme von der Regel.

Was Männer zunehmend motivieren könnte, am häuslichen Herd mit Hand anzulegen, ist ihre Angst. Die Angst vor der Trennung von den Kindern und die Angst vor der Trennung von der Frau. Beide Ängste sind real. Immerhin landet heute jede dritte Ehe vor dem Scheidungsrichter, meistens auf Betreiben der Frau. Seine Faulheit kommt den Mann immer teurer zu stehen, und das nicht nur finanziell. Alleinlebende Männer sterben im statistischen Schnitt rund um fünf Jahre früher als verheiratete. Die meisten sind nicht in der Lage, sich gut selbst zu versorgen, am wenigsten emotionell. Und irgendwann werden auch Frauen, die sich einen Pascha in den eigenen vier Wänden leisten können oder wollen, aussterben.

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