Paul Nizon - © Foto: IMAGO / Future Image

Paul Nizon: Mörderische Leere

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Seit den 1960er Jahren führt Paul Nizon bereits Tagebuch. Nun liegt der sechste Band seiner Journale vor, der die Jahre 2011–2020 umspannt.

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Seit den 1960er Jahren führt Paul Nizon bereits Tagebuch. Nun liegt der sechste Band seiner Journale vor, der die Jahre 2011–2020 umspannt.

Sich in Tagebüchern mit sich selbst und dem eigenen Tun auseinanderzusetzen, ist für viele Autorinnen und Autoren eine ­Selbstverständlichkeit. Allein das 20. Jahrhundert hat dem Genre eine große Zahl von Publikationen hinzugefügt. Altmeister wie Julien Green und Ernst Jünger wetteiferten gar darum, wer das umfangreichste Tagebuchœuvre vorlegen würde – von Thomas Manns postum veröffentlichten Aufzeichnungen ganz zu schweigen. „Wer Tagebuch schreibt, verdoppelt sein Leben“, formulierte Walter Kempowski einst, doch was diese „Verdopplung“ genau bedeutet, welcher Sinn im täglichen Aufschreiben von Erlebnissen oder Reflexionen liegt, das hängt vom Naturell der ­jeweiligen Verfasser ab.

Der 1929 in Bern geborene Paul Nizon begann in den 1960er Jahren Tagebuch zu führen; die Veröffentlichung setzte rund drei Jahrzehnte später ein. Mit „Der Nagel im Kopf“ liegt nun der sechste, bis ganz an unsere Gegenwart heranreichende Band vor, und wer Nizons Werk nur ein wenig kennt, wird nicht überrascht sein, dass dieses Journal kaum neuartige Themen oder Haltungen aufweist. Paul Nizon – das ist der promovierte Kunsthistoriker, der eine Zeit lang bei der Neuen Zürcher Zeitung als Kunstkritiker beschäftigt war, dann das Wagnis, als freier Schriftsteller zu leben, einging und, als ihm eine Tante eine winzige Wohnung am Montmartre vererbte, der „Selbsterneuerung“ wegen in seine Sehnsuchtsstadt Paris zog, deren ­Alltagsfacetten er wie kaum ein anderer zu beschreiben versteht.

Von der eigenen Genialität überzeugt

Paul Nizon – das ist aber auch der egomanische Autor, der das ganze Leben dem Schreiben widmet, von seiner Genialität komplett überzeugt ist und permanent damit hadert, dass die Welt diese Genialität nicht angemessen würdigt. Dass Tagebücher vom Ich des Schreibenden und dessen Befindlichkeiten handeln, gehört zum Wesen der Gattung. Doch bei Nizon führt dies – man kennt das aus seinen Interviews – zu einem dauerhaften Selbstlob, das kaum Schamgrenzen kennt und deshalb mitunter unfreiwillig komische Züge annimmt.

Sätze wie „Sicherlich bin ich aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken; das dürfte auch für den französischsprachigen Raum gelten“ fließen Nizon leicht aus der Feder. Er kokettiert damit, im Grunde genommen ein ernsthafter Nobelpreiskandidat zu sein, beurteilt Kritiker vor allem danach, ob sie seinen Werken wohlwollend gegenüberstehen, und zeigt sich freudig erregt, wenn er Literaturpreise erhält oder zum Gegenstand von Symposien wird.

Nizons Selbstbezogenheit und Eitelkeit sind kaum zu steigern, und es ist bezeichnend, dass ihm diese Eigenschaften bei anderen eher unangenehm aufstoßen. Da ist von Elias Canettis „überhoher Selbsteinschätzung“ und „Geniebewusstsein“ die Rede, und wenn er auf den österreichischen Germanisten und Autor Erich Wolfgang Skwara trifft, notiert er, dass dieser auf einem „egomanischen Thron“ sitze und es in dessen „Vorstellung einfach keinen Platz für andere neben ihm“ gebe.

Diese zur Schau gestellte Egozentrik hat damit zu tun, dass Nizon nie zu einem populären Autor wurde. Ein frühes, formal hoch interessantes Werk wie „Canto“ (1963) blieb weitgehend unbeachtet, und selbst eines seiner besten Bücher, „Das Jahr der Liebe“, genießt vorwiegend in der nicht übergroßen Paul-Nizon-Gemeinde Wertschätzung. Ständig nach Anerkennung zu gieren und gleichzeitig zu wissen, dass das eigene Schreiben, das „kein Engagement, kein Thema, keine Fabel“ kenne und sich auf den „kleinen Ablauf der alltäglichen Dinge“ konzentriere, sich deshalb nicht an ein großes Publikum richten kann, das bleibt der Stachel im Fleisch.

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