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Paulo Coelhos Glücksbuch für Millionen

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Es gibt Glücksbücher, die auf den Leser tiefer wirken als übliche Produkte der literarischen Kultur: Heilige Texte, Kultbücher, Märchen. Jeder Lesende wird früher oder später ein derartiges Glücksbuch gefunden haben, das ihm dann Zuspruch spendet, vielleicht lebenslang.

Vom brasilianischen Autor Paulo Coelho, Jahrgang 1947, ist jetzt auf deutsch „Der Alchimist” erschienen, ein acht Jahre altes, schmales Buch, unscheinbar in der Bubrik Boman. Ich lese es als Glücksbuch. Und mit mir wohl bereits vier Millionen andere Leser, wie sonst sollte man seinen Erfolg verstehen? Es hat nichts zeitgemäß-Attraktives: Kein Kriminalfall, weder Sex noch Brutalität; kaum eine Liebesstory, wenig äußere Dramatik; auch keine große Poesie. Als Literatur ist es nicht auffällig. Was also macht es so anziehend?

Ein junger andalusischer Schäfer träumt unter einem Maulbeerbaum, er werde „bei den Pyramiden” einen Schatz finden. Er glaubt an den

Traum, verkauft seine Herde und macht sich auf die Beise. Bereits in Tanger wird ihm sein Geld gestohlen, er muß sich ein Jahr lang Beisegeld verdienen. Dann führt ihn der Karawanenweg in klassische Verwicklungen: er wird beraubt, gerät in einen Krieg, steigt in der Oasengesellschaft zu hohen Ehren auf, verliebt sich, wird fast erschlagen. Am Ziel erfährt er, daß der Schatz zu Hause zu finden sei, just unter seinem Maulbeerbaum. Er läßt sich immer noch nicht foppen von seinem Traum und kehrt zurück. Tatsächlich findet er dort die verheißene Schatzkiste. Soweit ist die Geschichte hübsch, doch nicht aufregender als hundert andere gute Schatzgeschichten.

Schatzsuche ist Metapher für Suche schlechthin. Der Jüngling sucht seinen „persönlichen Lebensweg”. Sein Glücksinstinkt hilft ihm dabei, aber nicht als außerordentliche Gabe, sondern als Ausstattung, wie wir sie alle haben. So findet er auf seiner Reise absichtslos die wahren Schätze: eine Fremdsprache (Arabisch), einen Lehrmeister (den Alchimisten), die

Traumfrau, Vor allem aber Begegnungen mit allegorischen Gestalten (einem biblischen König, dem Wind, der Sonne, sogar dem eignen Herzen).

Er findet, zunächst ohne recht zu suchen. Die hilfreichen Gestalten stellen sich von selber ein. Mit ihren Stimmen begleiten sie ihn wie gute Ahnen, die einfache und alte Weisheiten verkünden: „Höre auf die Stimme deines Herzens”, „Achte auf die Zeichen”, „Man ist immer in der Lage, das Erträumte auch in die Tat umzusetzen”, oder den schönen Satz „Die Weltenseele wird gespeist vom Glück der Menschen”. Mit solchen Such- und Lebenshilfen lernt er, sich zurechtzufinden, im Gewirr der Menschen wie in der Einsamkeit der Wüste. Seine Entscheidungen trifft er anfangs noch mit Orakelsteinen, dann aber allein im Achten auf die Zeichen. Im Bund mit seinem Herzen besiegt er die Angst, nicht heldenhaft und drachentötend, sondern in franziskanischer Verträglichkeit mit Menschen und Dingen. Schließlich wird ihm das Suchen selbst zum Ziel, „denn jeder Augenblick des Suchens ist ein Augenblick der Begegnung mit Gott und der Ewigkeit”.

Sind solche Sprüche noch gedeckt? Christlich verbrämte Esoterik? Das Buch hält solchen Querproben stand. Die Zusprüche erweisen sich als Führer, nie als Verführer. Sie haben die Stimmigkeit von Wahrträumen, die Gültigkeit von Botschaften aus dem Mythischen, die als Ausschnitte ein Ganzes gleichsam holografisch in sich tragen.

Das Glück des Jünglings erweist sich nie als Happiness; es ist Glaubensglück, wie man es selber gern erfahren möchte. Man kann, wie beim guten Märchenhören, die Skepsis fallenlassen und selber in das Vorgestellte eintreten. Die Stimmen sprechen uns dann direkt an, wie aus dem echten Märchen. So versteht man vielleicht, wie für viele so ein Buch selbst zum „Zeichen” werden kann.

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