Digital In Arbeit

Phrasengefängnis

Das neue Buch der in Berlin lebenden Österreicherin Kathrin Röggla setzt ganz auf die Sprache und vermittelt gerade dadurch bestürzende Einsichten in die Arbeitswelt.

Die Key-Account-Managerin, die Online-Redakteurin, der IT-Supporter, der Senior Associate, der Partner - "ja, das ist schon eine ganz schöne show mit den bezeichnungen." Die Figuren in Kathrin Rögglas neuem Roman durchschauen das, aber sie sind in ihrem Berufsgefängnis trotzdem unausweichlich verfangen. Vor allem sprachlich. In mehreren Dutzend Interviews haben sie ihre Innensicht der schönen neuen Mc-Kinsey-Welt auf Tonband gesprochen. Und Kathrin Röggla hat radikal reduziert, strukturiert (vor allem durch Kapitelgliederung und Überschriften), hat aus diesem Sprachmaterial Literatur gemacht. Konjunktiv-Etüden an der Grenze von journalistischer Dokumentation und künstlerischer Gestaltung ergeben einen Roman, denn dieses schmale Buch vermittelt mehr an Welt als mancher konventionelle Erzählfluss.

Schöne neue Arbeitswelt

Für Journalisten wie Günther Wallraff oder die Autoren der "Literatur der Arbeitswelt" in den 1960er und 70er Jahren war die Dokumentation wichtiger als die Literatur; zur gleichen Zeit hat Martin Walser die Welt der kleinen Angestellten in seinen Romanen literarisch ausgeleuchtet. Kathrin Röggla ist die Authentizität ihres Sprachmaterials ebenso wichtig wie die künstlerische Gestaltung, und die mäandrierenden Wiederholungen sind ebenso Kennzeichen mündlicher Rede wie bewusster Formung. Außerdem hat das Schutzschild der Fiktionalität manche Äußerungen überhaupt erst möglich gemacht - für ein richtiges Interview hätten die immerwachen Workoholics ihren Redefluss gewiss mehr unter Kontrolle gehalten.

So aber werden die Masken und Riten der "flachen" Hierarchien deutlich: "wisse man doch: immer hübsch eine autoklasse unter denen müsse man bleiben. Auch bezüglich der anzüge heiße es: aufgepaßt, nur nicht zu edel, am besten grau." Der zynische Betriebswirtschaftsjargon, die Phrasen, die Entlassungen legitimieren, das Wegreden von psychosomatischen Problemen und das Privatleben: die "fernbeziehung", die "wochenendbeziehung", der "bordellbetrieb" - Rögglas kalkulierte Jargonreproduktion fördert in Bruchstücken alles zutage. Immer sind es klischeehafte Versatzstücke, doch gerade dadurch wird die fragile Balance von Durchschauen und Mitmachen, von Pseudo-Analyse, die den Durchblick nicht verlieren will, und jener Insider-Phraseologie, ohne die diese working-heroes nicht überleben könnten, augenfällig. Und solange alles gut läuft, ist ja auch niemand arbeitssüchtig: "arbeitssüchtig nennt man nur den, bei dem etwas schiefläuft, bei dem die projekte nicht mehr klappen. arbeitssüchtig nennt man jemanden, der übermüdet aussieht, der schweißausbrüche kriegt. wo man eben schon sieht: der packt es nicht mehr."

Spannender Stillstand

Nichts geschieht in diesem Buch, die Dynamik kommt einzig aus der Sprache. Es gibt weder eine Handlung, die sich entwickelt, während des Messebetriebs scheint alles auf der Stelle zu treten. Dass die Sprechenden nie zu individuellen Charakteren werden, ist gerade die Stärke dieser Prosa. Individualisierung würde ablenken von den strukturellen Vorgängen, würde Aversionen provozieren oder den Leser in die Mitleidsfalle tappen lassen. Und spannend ist die meist indirekt wiedergegebene Suada allemal, vor allem, wenn Durchblicke wie diese aufblitzen: "die frage sei doch die: in wessen durchhalteparolen stecke man drin?"

Abseits der Hochkonjunktur einer neuen Erzählroutine und einst avantgardistischen Sprachetüden ist hier eine Prosa gelungen, die einen wesentlichen Teil unserer Lebenswelt ausleuchtet.

WIR SCHLAFEN NICHT

Roman. Von Kathrin Röggla.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2004

223 Seiten, geb., e 19.50

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