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Poesie des Stillebens

„Am Ufer des Sees wohnt ein junges Mädchen und ist glücklich und frei wie eine Möwe. Da kam zufällig ein Mensch daher, der sah es und brachte es ins Verderben, einfach so aus Langeweile“, sagt der Schriftsteller Boris Alexandrowitsch in Anton Tschechows Komödie „Die Möwe“. Es geschieht nur wenig auf dem russischen Landgut, auch wenn sich viele Handlungen verflechten, denn jede der zehn Personen hat ihr eigenes Drama und ihre eigene Komödie. Da ist die liebliche Nina, Tochter vom reichen Nachbargut, die sich für die Bühne entscheidet und dabei zugrunde geht. Da ist der junge Kostja, der die „Möwe“ liebt, ein „avantgardistischer“ Dichter wenden möchte und am Ende aus Verzweiflung Selbstmord begeht. Deren beider Schicksale sind noch am gegenständlichsten. Alle diese Menschen zwischen Wunsch und Wirklichkeit leiden durch die Liebe, niemand erreicht, was er will in diesem langsamen Dahinfließen des Lebens voll von verträumter Sorglosigkeit, von Trägheit, Ziellosigkeit, Überdruß. Russisches Fin-de-siecle auf dem Lande, zerbröckelnde Welt, zu poetisch und melancholisch, um sozial anzuklagen, zu realistisch anderseits, um ganz im Reich jener trauervollen Klänge zu verwehen, das um dieselbe Zeit Hofmannsthal und Schnitzler in Wien gezaubert haben. Aber zugleich enthält dieses Stück die härtesten und klarsten Zeilen Tschechows über die Arbeit des Schriftstellers und des Dramatikers, tiefe Einsichten in die Nöte des Dichters. Wieder einmal erweist es sich, daß Tschechows Genie darin bestand, die Wahrheit zu sagen, ohne die Stimme zu erheben.

Das Volkstheater konnte den von Rom aus wirkenden, die Tradition des Moskauer Künstlertheaters lebendig erhaltenden Peter Scharoff für die Regie gewinnen. Scharoff versteht es wie kaum in zweiter, den transparenten Realismus und Symbolismus dieses Meisterwerkes geistvoll und präzise zu verdeutlichen. Seinem Regiekonzept, das nur allzu gut den Ausdruckswert der Pausen in Tschechows „auf Schweigen gebauten“ Stücken kennt, konnte die Besetzung der Hauptrollen halbwegs gerecht werden. Erika Motu als Nina und Klaus Höring als Kostja verkörperten glaubwürdig die jugendlichen Leidenschaften. Elisabeth Epp spielte die egoistische, eitle, oberflächliche Schauspielerin Arkadina weniger pompös-aufgeblasen als elegant. Aladar Kunrad blieb in der wichtigen Rolle des Schriftstellers Trigorin merkwürdig flach. Obwohl auch die Randfiguren manches zu wünschen übrig ließen, war der Geamt-eirfrMtc-ksder- über drei1 Stunden währenden Aufführung durchaus positiv. Es gab starken Beifall für Darsteller und Regisseur.

Im Rahmen der Gastspiele der Theater aus den Bundesländern in Wien gastierte das Klagenfurter Stadttheater mit Paul Claudels vielfach umgearbeiteter „Verkündigung“ im Akademietheater. Der Weg vom Sichtbaren zum Wunderbaren in diesem Mysterium, dem mittelalterlichen und zeitlos gegenwärtigen Drama zwischen sechs Menschen, das sich in einem Vorspiel und vier „Ereignissen“ entfaltet, ist schwierig. Die Symbolwelt Claudels, in der Mensch und Handlung lediglich Zeichen der Schöpfung sind, steht hier im Theater an der Grenze zwischen Spiel und Verkündigung. Indem Claudel seine Zwiegespräche mit Gott als unmittelbare Wirklichkeit aufleuchten lassen will, werden seine Stücke, das wurde auch bei diesem Gastspiel der Klagenfurter wieder deutlich, noch auf lange hinaus für Regisseure, Schauspieler und Publikum die schwerste Aufgabe des modernen Theaters bleiben.

Auch die Inszenierung von Florian Le-puschitz in den fast expressionistischen Bühnenbildern von Günther Kilgus kann nur als ein kaum zulänglicher Versuch gewertet werden. Rosmarin Frauendorfer war das Mädchen Violäne, das als blinde Aussätzige das Kind ihrer Schwester in der Weihnachtsnacht vom Tode erweckt, Ingeborg Gruber die böse, gottlose Mara, Grete Bittner die Mutter. Karl Klingler, Gerhard Balluch, Volker Krystoph beeindruckten mehr oder minder in den männlichen Rollen. Der Schlußbeifall im halbleeren Haus galt dem Mut der Klagenfurter für ein schwieriges Unterfangen. *

Hildegard Knef gastierte mit der Münchner „Schaubühne“ im Theater an der Wien als „Afrs. Daily“ in zwei Akten des Broadway-Autors William Hanley. In der „Miniaturhölle“ einer New Yorker Wohnküche demonstrierte die Knef als vortreffliche Schauspielerin die Öde einer nach zehn Jahren leergelaufenen Ehe, wirksam unterstützt von Günther Pfitzmann als brummigen, cholerischen Ehemann und Volker hechten-brink als fröhlich-jungenhaften Liebhaber. Die Regie von David Cameron Pa-lastanga machte einen Teil des Publikums glauben, es handle sich hier um ein ausgewachsenes Stück und nicht nur um geschickt gemachte Dialogszenen mit oft recht offenherzigen Pointen. Viel Beifall aus dem vollbesetzten Saal für Hildegard Knef und ihre beiden Mitspieler, tu nsb na nabiaw ^fjutituMud.

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