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Poetisch versus abgedroschen

Sehr kontrovers wurde Handkes letzter Roman besprochen. Daniela Strigl las sich durch den bunten Blätterwald der Literaturkritik.

Haben Sie noch in Erinnerung, wie der neue Handke von der Kritik aufgenommen wurde? Auf jeden Fall sehr rasch, man könnte sagen, mit Heißhunger: Wenn Sie Anfang Februar nicht im Lande waren, kann es gut sein, dass Sie vom Erscheinen der Vorwintergeschichte gar nichts mitbekommen haben - an einem einzigen Wochenende sind damals, noch vor Ablauf der vom Verlag festgesetzten Sperrfrist, die meisten Rezensionen erschienen. Und bis zum 11. Februar haben, bis auf die Frankfurter Rundschau (14.2.) und die Neue Zürcher Zeitung (27.2.), sämtliche überregionalen und die wichtigsten regionalen Blätter des deutschen Sprachraums das Buch einer literaturkritischen Enderledigung zugeführt. Klaus Nüchtern nannte das im Falter die "grausame Rache der Medienwelt an einem Dichter, der störrisch gegen deren Aktualitätsauffassung opponiert".

Dabei spricht nichts dagegen, Peter Handkes schmalen Band erst jetzt im Frühling zur Hand zu nehmen oder gar bis zum Vorwinter damit zu warten. Wie sind die Urteile der von irrationalem Futterneid getriebenen Presse nun ausgefallen? Stark schwankend. Ob Kali nun ein "Alterswerk" ist oder ein - der Dichter ist 64 - "frühes Alterswerk" (Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung), ob "Handke in Bestform" (Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten) oder nur ein "Nebenwerk" (Peter Mohr, Hamburger Abendblatt), bleibt unentschieden. Finden die einen die Geschichte von der seltsamen Sängerin, die in den Toten Winkel aufbricht, dort einen Bergwerksingenieur zu ihrem Geliebten erwählt und ein verlorenes Kind wiederfindet, "atemberaubend", "überwältigend einfach", eine "Kammeroper der Erlösung" (Ina Hartwig, Frankfurter Rundschau), so konstatieren die anderen eine "Metaphorik, wie sie abgedroschener kaum denkbar ist" - wer der Erzählerstimme folge, der begebe sich ebenso in Lebensgefahr wie der von der todbringenden Kali-Figur geliebte Mann, denn er "könnte umkommen vor Langeweile", meint Hubert Spiegel in der FAZ: "mit dieser trüben Erlösungsphantasie gerät Handke allmählich in die betrübliche Nachbarschaft eines Robert Schneider". Dagegen bewundert Ursula März in der Zeit einmal mehr Handkes "grandioses ästhetisches Temperament" und stellt mit geradezu hausfraulicher Befriedigung fest: "Auf der kurzen Prosastrecke von 160 großräumig bedruckten Seiten hat er die meisten seiner Lieblingsmotive, die zur Lieblingsidee der Heimkehrreise gehören, konsequent untergebracht." Kali folge dem "Prinzip des Epos in lehrbuchhafter Einfachheit" und sei dabei "komplex bis über beide Ohren" (die Ohren der Göttin?).

Kaum ein Rezensent kommt ohne Hinweis auf Handkes (kultur)politisches Vorleben aus, ehe er sich an die literarische Analyse macht. Dabei gehört es zum guten Ton klarzustellen, dass man selbst die Position des Dichters nicht teilt. Für Volker Hage im Spiegel scheint Handke förmlich vom Strudel der Medienereignisse verschlungen: "Viele haben sich gefragt, auch unter den Wohlwollenden und Freunden: Wie wird er danach wieder auftauchen? Nach all dem Schlamassel mit seinen starrsinnigen, nur selten erhellenden oder gar überzeugenden Serbien-Schriften, nach seiner Rede am Grab von Slobodan Miloševi´c, nach der nicht nur lokalpolitischen Farce um die Vergabe und Rücknahme des Düsseldorfer Heine-Preises?"

Bei der Beurteilung dieses "Gezerres", wie die Heine-Preis-Querelen gerne genannt werden, ist für die meisten die Schuldfrage ähnlich klar wie für Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel): "Er selbst, der, Umwegzeuge', schrieb sich mit wirren Erklärungen seiner proserbischen Passion um Kopf und Kragen." Auffällig ist, dass die politische Skandalgeschichte auf den österreichischen Bücherseiten nicht oder nur beiläufig erwähnt wird, während sie in den deutschen und Schweizer Feuilletons die Bühne bereitet, auf der der Text verhandelt wird. Allein Ursula März begnügt sich mit dem nonchalanten Hinweis, Peter Handke habe "als öffentliche Person anstrengende Zeiten hinter sich. Und wir mit ihm."

Die Tatsache, dass Kali augenscheinlich nicht von Serbien handelt oder dort spielt, löst kaum verhohlene Enttäuschung aus oder zumindest Irritation. Willi Winkler unterstellt Handke biedermeierliche Befriedungsversuche nach dem Muster Adalbert Stifters, der sein Sanftes Gesetz vom Großen in den kleinen Dingen als Reaktion auf die von Metternich blutig unterdrückte, obzwar "recht harmlose" 1848er-Revolution (vielleicht eine Verwechslung mit 1968) entwickelt habe. Charles Linsmayer (Der Bund) konzentriert sich ganz auf die "betörende moderne Lovestory", die Chrétien de Troyes' Minneepos Lancelot zitiert, wobei auch er Außerliterarisches bemüht: Die von Handke betriebene "Verweiblichung der Welt" erreiche in diesem Buch, "dem letzten, das Handke als Partner der seit kurzem von ihm getrennten Schauspielerin Katja Flint ("Die weiße Massai") schrieb, ihren einsamen Höhepunkt". Wie Gregor Dotzauer, der sich weigert, den Ideologen vom "über allen Wassern schwebenden Künstler" zu trennen ("Handkes Literatur ist im Innersten von einer Realitätsblindheit befallen, die ihre Empfindsamkeit Lügen straft"), erklärt auch Harald Jähner in der Berliner Zeitung das scheinbar Unpolitische des phantastischen Kali-Landes zum wahrhaft Politischen: Der Ekel vor der "Allerwelt" habe den Dichter an die Seite von Miloševi´c getrieben, "in eine prekäre, einsame und skandalöse Position", sein literarisches Traumland sei "Handkes besseres Serbien (…) - eine Projektionsfläche für das, was Handke als wahrhaftiges, von der Gegenwart verfolgtes Sein empfindet".

Gegenüber dieser fundierten ideologischen Kritik steht Hubert Spiegels sehr gereizte, ja gehässige Deutung, mit der er politisch ganz auf FAZ-Linie liegt. Auf der Suche nach verräterischem Gedankengut wird er in der Person der indischen Göttin Kali fündig, die die mythologische Folie für den vordergründig titelgebenden Kalisalz-Abbau liefert: "Sie ist die gütige Erdmutter, die im Blutrausch auf den nackten Leibern ihrer Feinde tanzt. Kurzum, sie ist die ideale Gefährtin für Peter Handke, der die Welt, wie er sie sieht, am liebsten mit Zerstörungs- und Kriegsphantasien überziehen möchte, und dabei von der Reinheit des Kindes träumt."

Die literarische Beurteilung geht hier mit der politischen konform - die meisten aber bemühen sich um Differenzierung. Dass der neue Handke ganz der alte sei, wird des öfteren postuliert und von den einen als Lob, von den anderen als Tadel verstanden. Rein statistisch überwiegt die Zustimmung. Bei Befürwortern wie Tadlern klingt an, dass Handke, "leserquälend-streng" (Volker Hage), hier keine leichte Kost serviert. Ulrich Weinzierl (Die Welt) kennt da kein Mitleid: "Anhänger der Alltagslogik haben in Handkes Büchern, in seinem poetischen Kosmos, nichts zu suchen, sie steigen ohnehin nach ein paar Seiten der Lektüre aus."

Sie werden sich also, falls Sie das nicht abschreckt, selbst ein Urteil bilden müssen. Unter den enthusiastischen "Handkeanern", wie Ulrich Weinzierl, Anton Thuswaldner oder Volker Weidermann, gibt es doch einige mit ästhetisch bedingtem Magendrücken. Sie räumen ein, dass das, was sie schön und poetisch finden, andere als Kitsch lesen mögen (Andreas Breitenstein, NZZ), ja dass manches womöglich Kitsch ist: so Andreas Isenschmid (NZZ am Sonntag) und Harald Jähner. Dieser kritisiert auch "spröde sprachliche Schrulligkeiten" und führt als Beispiel Österreichisches an: "übernächtig" statt "übernächtigt".

Unter den Verrissen ist der von Klaus Nüchtern am lustigsten. Er wünscht sich von Handke mehr Humor und zitiert dessen Loblied auf die kleine Welt aus dem Munde einer meist wütend predigenden Pastorin: ",Und was ist zum Beispiel unverwüstlich? Die Spatzenbadekuhlen im Sand. Weg von hier? Nein, hierbleiben. Dort leben, wo die Welt ergreifend ist.' Ja eh, d'accord! Spatzenbadekuhlen sind Spitzenbadekuhlen! Aber mir würde es schon reichen, wenn man sanft mit dem Finger darauf zeigt und das begleitende Pastorengemurmel auch mal abschalten kann. Danke, Handke."

Kali

Eine Vorwintergeschichte

Von Peter Handke

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007

160 Seiten, brosch., € 17,30

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