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RANDBEMERKUNGEN ZUR WOCHE

EIN MENSCHENSCHICKSAL VON SELTENE!TRAGIK -hol mit dem plötzlichen Tode Em: Rüdiger von Starhembergs seinen Abschluß ge funden. Hohe natürliche Begabungen, edle Erbgut, empfangen von einer geistig hoch stehenden Mutter und im Widerspruch dazu do unharmonische Beispiel des Vaters und die Wii kungen seiner sinnlos strengen Erziehung ränge schon in dem jungen Menschen miteinander. M dem 18. Lebensjahre gab der Vater den Soh ohne Zügel frei, einen bildschönen Jüngling, de im Verkehr mit den Knechten der väterliche Güter durch sein unverfälscht demokratische Wesen und einen romantischen Tatendrang aul fiel. Und diese in mehrfacher Hinsicht zwiespäl tige Natur stürzte sich in die Freischärlergefecht des Bundes Oberland an der schlesischen Sprach grenze und fand von da aus Anschluß an die ii ihren Anfängen stehende Heimatschutzbewegum in Oesterreich. Früh zur Führerschaft gerufer nicht immer von berufenen Beratern umgeber war er in Versammlungen ein Redner von ge radezu klassischer Pose. Bei seinem ersten Auf treten in Wien, inmitten einer Massenversamm lung auf dem Hüffeldorfer Fußballplatz, errang e als Sprecher einen beispiellosen Triumph. In seine aufsteigenden Laufbahn mangelte ihm die grund sätzliche Durchbildung einer gesicherten Welt anschauung und charakterlichen Reife. Er wurdt das Beispiel eines Mannes von vielversprechen dem Talent und gutem Willen, dem aber da zuverlässige Richfmafj des Handelns fehlte. St fand er an der Seite von Dollfufj, dessen Konzep er nicht zu folgen vermochte, aus faschistische! Vorstellungen nicht heraus, die er in seiner Be geisterung für das Italien Mussolinis gewonner hafte; Von seinen Gegnern mit maßlosem Ha( beladen, kompensierte dieses wilde Aufgebo von Feindschaft reichlich die Schuld, die sein Gegner ihm zumessen mochten. Sein Tod erfolgfs unter Umständen, die fast symbolisch anmuten Der kranke Mann erlag einem Herzanfall, der ein ihn verfolgender Reporter hervorrief, eir Kommunist und Vertreter eines politischer Systems, gegen das Sfarhemberg wie geger einen Todfeind ankämpfle. — Seine Gegnei mögen sich mit der Genugtuung zufriedengeben daß sie ihrem Widersacher doppelt und dreifach vergolten haben. In der politischen Geschichtsschreibung, die gerecht sein will, wird Ems Rüdiger von Sfarhemberg einziehen als eir Mann, der viel Gutes gewollt, viel gefehlt unc ,viel auf Erden gebüfjt hat.

DER HEURIGE UND DIE KIRCHENSTEUER. Wei mit dem Auto fährt und beweisen kann, dafj ei dies aus beruflichen Gründen tut, kann sich je Kilometer, den er gefahren ist, einen Befrag von 1.50 Schilling vom steuerpflichtigen Einkommen absetzen lassen. Wer sich für sein Büro eine Polstergarnitur anschaffen will, kann es frohgemut auf Kosten des Finanzamtes unter dem Titel „Repräsentation“ tun. Und wer mal eins trinken will, der nimmt sich einige Freunde in seinem Wagen mit und begibt sich in ein Nobelrestaurant. Was er dort verbraucht, wird dann der Steuerbehörde als Befriebsausgabe (etwa unter dem Titel „Kosten der Geschäftsanbahnung“) verrechnet. Man ist also sehr großzügig in der Auslegung dessen, was man als Betriebsausgaben abbuchen kann, wenn auch offensichtlich ist, daß ein erheblicher Teil dieser Betriebsausgaben nichts sind als Kosten des normalen Lebensunterhaltes. Gleiche Großzügigkeit zeigt sich aber bei den Referenten, denen es überlassen ist, etwa das Einkommensteuergesetz zu interpretieren, dann nicht, wenn es sich darum handelt, vorweg die Kosfen einer Hausgehilfin, welche sich eine Muffer oft hafi en muß, abzusetzen. Beim „Entnazifizieren“ der Gesetzgebung sind einige Gesetze und Verordnungen aufgehoben worden, die ganz vernünftig waren. Während man anderseits bemüht ist, NS-Gedankengut, soweit es die finanzielle Niederhaltung der Kirchen betrifft, in einer erstaunlichen Weise zu konservieren. Dies, obwohl man in einer sehr flotten Weise „rückstellt“ und alle Ansprüche derer, die vorgeben, geschädigt worden zu sein, in einer oft sehr devoten Weise befriedigt. Die Kirchensteuer darf noch immer nicht — wie dies einst der Fall war — steuermindernd abgesetzt werden. Die Ausfälle wären auch zu ungeheuerlich, wenn man bedenkt, dafj man doch auch die Kosten von Heurigenpartien vom Fiskus her mitfinanzieren muß. Dabei soll doch das Finanzministerium in den Händen von Christen sein. Wie würde erst die Kirche behandelt werden, wenn die Herren der Hlmmelpforf-gassa nach der Trillerpfeife eines Konfessionslosen oder „Gottgläubigen“ das Einkommensteuergesetz und das, was man den Kosten der Lebenshaltung zuzurechnen hat, Interpretieren müßten ...

„ICH, EIN KERENSKII — Ein Kerenskü? — Man wird es bald merken...', so endete das Interview, das Giovanni G r o n c h i nach seiner Wahl zum Präsidenten der Republik Italien dem bekannten Journalisten Indro Montanelli gewährte. Mit „man“ meinte Gronchi seine damaligen vielfältigen Gegner, sowohl im eigenen Lager, dem chrisflich-demokrafischen, wie in jenem der Liberalen, der Monarchisten, der Neo-faschisten. Da er zum stark ausgeprägten linken Flügel seiner Partei gehörte, der nur von tatkräftigen Reformen das politische Heil seines Landes erwartet, verfolgte ihn geradezu da f Odium, er sei ein Freund der Nenni-Sozialhsten und der Kommunisten — und eine leichtfertige s Berichterstattung hatte diese landläufig gewor dene Meinung auch im Ausland, zumal in den s Vereinigten Staaten von Amerika, verbreifet. Wie einseifig, wie schief, wie falsch diese Meinung i war — die „Furche* ist ihr stets entgegen-f getreten —, das hat Gronchi nun auf der brei-i testen Plattform, die sich ihm bot, kundgetan, ' eben in Washington, in New York, in Detroit, in > San Franzisko, in Ottawa. Heute, nach Abschluß s seiner ausgedehnten Amerika- und Kanadareise,kann sich die führende amerikanische Presse nicht genug darin tun, die freimütige und über-' zeugungskräftige Sprache des italienischen “ Staatspräsidenten und seine Treue zum Atlantik-' pakf zu loben, der nun „im neuen Glanz er-I scheint“. Das von Gronchi in seinen großen < Reden vor den verschiedensten politischen und ' wirtschaftlichen Gremien der Vereinigten Staafen und Kanadas betonte „Neue“ seiner Atlanfik-' paktschau hat ihm nach den vorliegenden Be-' richten aus Uebersee zu einem fortschrittlichen,mehr die Substanz als die Form achtenden Politiker erhoben, dessen konstruktive Gedanken ' die Amerikaner zumindest zum Nachdenken an-' regen. Wir sind für die westliche, das ! heißt die freie Demokratie und gegen die marxistisch-leninistische Volksdemokratie.“ Solche fast selbstverständliche- Bekenntnisse des ersten Bürgers schienen in dem nach den italienischen Wahlen von 1953 mißtrauisch gewordenen inoffiziellen Amerika angezeigt zu sein. Denn jetzt, wo nach dem Versiegen amerikanischer Valutageschenke der ein Jahrhundert alte Wahlspruch „L'ltaliä fara da sei“ („Italien wird sich selbst helfen!“) wieder Geltung erlangt hat, muß das Land zumindest um die kapitalmäßige und technische Mitarbeit der amerikanischen Finanzwelt und Wirfschaft werben. Gronchi erinnerte mit erhobener Stimme an die in Artikel 2 des Allantikpakfs zugesagte wirtschaftliche Solidarität der an ihm feilnehmenden Staaten. Mit seiner offenen und freimütigen Sprache lenkte Gronchi die Blicke der Nordamerikaner auf die unverkennbare Aufbauarbeit seines Landes in diesem ersten Nachkriegsjahrzehnt, aber auch auf die schmerzliche Wunde, die nach wie vor in den Notstandsgebieten Süd- und Inselifaliens brennt. Der auf sieben Jahre gewählte Präsident der Republik, Gronchi, hat die ihm von der Verfassung eingeräumten Rechte bis zum äußerster! im Interesse seines Landes . genutzt. Mit der Zerstreuung vTetfälfiaenMißfraueris hat er die schwankende öffentliche Meinung der amerikanischen Bevolkergnq gefestigt und. seiner eiaenen Persönlichkeit ein klares Profil verliehen. Seine Gegner hat et zum Schweigen gebracht. *

„INDIVIDUELLE GNADE.' Mit den Ereignissen des Moskauer Parteikongresses beschäftigt, hatte man nicht die Zeit und die Muße, auf ein Kommunique der ungarischen Regierung zu achten. So mußte eine Meldung, die besagt, daß in Budapest neun „kirchliche Personen“ der „individuellen Gnade“ teilhaftig wurden, in : der Sparte „Allfälliges“ untergehen. Bei den in diesem Kommunique genannten Personen handelt es sich um acht hierorts unbekannte Namen, die zu jenen Priestern gehören, die vor vier, fünf Jahren, zur Blütezeit der „Friedensbewegung“ katholischer Geistlicher, wegen ihres offenen Widerstandes zu Hunderten verhaftet wurden, aber als neunten um den Theologieprofessor Dr. Justin Baranyai, der nach dem Kardinal der zweifhöchste Angeklagte im Minds2enthy-Prp-zeß war und zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Hierzu muß man bemerken, daß damit nach formalem. Recht alle Verurteilten des Mindszenfhy-Prozesses vielleicht. bis auf einen, den zum lebenslänglichen Gefängnis verurteilten Dr. Bela Ispanky, von dem bis jetzt jede Nachricht fehlt, sich außer Haff befinden: Kardinal Mindszenthy wurde am 1.tV. Juli 1955 Sfrafunferbrechung gewährt, der Fürst Es*e'-häzy befindet sich zuverläßlichen Meldungen zufolge seit einigen Monaten ebenfalls nurmehr in Hausarrest, der ehemalige Sekretär Mindszenfys, Dr. Zakar, sowie der Sekretär der Katholischen Aktion, Miklos Nagy, haben ihre kürrer bemessene Haftzeit bereits hinter sich, und der Chefredakteur Dr. Laszlo Ta.lh ist im vergangenen Jahr im Gefängnis gestorben. Nun bietet diese, wir wiederholen es, formaljuristische, aber in weiten Kreisen des Westens darob nicht weniger akzeptable Liquidierung der Rechtsfolgen eines Prozesses eigentlich Gelegenheit, um über ein tragisches Kapitel der Nachkriegsgeschichte, das nunmehr zumindest der Form nach aogeschlossen erscheint, nachzudenken und über die Ergebnisse dieses Nachdenkens öffentlich Rechenschaff abzulegen. Auch wäre die Tafsache, wonach in den Oststaafen heute keine Priesterprozesse mehr stattfinden, einer tiefergehenden Untersuchung wert. Daß die Kommunisten eine solch Untersuchung heute weniger als je begrüßen würden, Ist klar. Uhn so weniger verständlich ist das Schweigen der westlichen katholischen Publizistik. Sollten wir für ine Zeitgeschichte in katholischer Sicht, die Größe und Schwächen des Chrisfenmenschen von heute dokumentarisch ' belegt, noch nicht reif genüg sein?

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