Rot Cover. - © Droschl

„Rot ist der höchste Ernst“: „So viele Schichten wie ein Baumkuchen“

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In diesem doppelbödig und komplex gewebten Roman von Bettina Hartz geht es um das Schreiben sowie das Erleben und Erfinden auf der Folie von Liebe und Geheimnissen.

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In diesem doppelbödig und komplex gewebten Roman von Bettina Hartz geht es um das Schreiben sowie das Erleben und Erfinden auf der Folie von Liebe und Geheimnissen.

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„Ich klebe nicht so an der Wirklichkeit wie andere, die schreiben, die alles aus ihrem Leben nehmen und über ihre Kindheit und ihre Familien und ihre Lieben schreiben […] ich denke mir die Dinge, über die ich schreibe, […] aus, und auch Menschen […]“ Nüchtern und glasklar steckt die deutsche Autorin Bettina Hartz im Prolog ihres Debüts gleich mit dem ersten Satz ihre Schreibposition ab. An Fiktion ist man in der Literatur ja gewöhnt. Aber Hartz geht in ihrem Prosatext „Rot ist der höchste Ernst“ eine Stufe weiter, indem sie die Fiktion verdoppelt und mit der Plotrealität so dicht verknüpft, dass die beiden „Reiche“ ineinander diffundieren, eigentlich nicht mehr unterscheidbar sind und sogar ins Surreale kippen können.

Milena lebt als Autorin in Berlin. Traumatisiert vom Krieg will sie mit ihrem Schreiben „Macht über die Welt gewinnen“. Immer wieder schieben sich martialische Bilder in die Krusten ihrer Alltagswirklichkeit. Plötzlich denkt sie sich wie selbstverständlich einen Lebensgefährten aus: Hans ist da, wenn sie ihn braucht, und steht ihr in jeder Lebenslage zur Seite. Aber das bleibt nicht so. Denn Hans nimmt immer geheimnisvollere Züge an und wird undurchsichtiger in seinen Handlungen, bis er sich auch emotional von ihr zu entfernen scheint.

Bei einer Lesung im Literaturhaus Berlin hat Hartz zu den Hintergründen ihres Werkes Stellung genommen. Aufgrund seiner Vielschichtigkeit könne man den Text, an dem sie zehn Jahre gearbeitet hat, mit einem „Baumkuchen“ vergleichen. Der Aufbau folgt, wie sie darlegt, dem kunstvollen Konzept eines Flügelaltars. Prolog und Epilog – sie weisen mitunter wortidente Passagen auf – lassen sich über die beiden dichotom angelegten Teile des Romans „einklappen“. Aber auch sonst wird die Bildende Kunst zu einer wichtigen Motivquelle. Irgendwann tauchen Romanfiguren sogar in Gemälden auf und verschmelzen mit der Realität.

Milena arbeitet viel, vor allem in der Nacht, und sie hat Angst, „Nachtangst“, und Angst vor Neuem. Obgleich Hans viel weg ist, versucht er sie zu beschützen. Sie treffen einander zu Spaziergängen an der Brücke, gehen ins Kino oder essen. Was Hans, der Kulturattaché, beruflich genau macht, bleibt ihr lange verborgen. Er reist viel, etwa nach Wien, und hat mit Ungarn und einigen Balkanstaaten zu tun, wohin die beiden auch einmal gemeinsam fahren. Historisches begleitet die Figuren bis in die Gegenwart: Das Attentat von Sarajevo, Konferenzen nach kriegerischen Auseinandersetzungen oder Trianon ziehen als essenzielle Motivspuren durch die Handlung.

In diesem doppelbödig und komplex gewebten Roman geht es um das Schreiben sowie das Erleben und Erfinden auf der Folie von Liebe und Geheimnissen. Hartz hält das flirrende Erzählen gerne in der Schwebe und öffnet es mannigfaltigen Metamorphosen. Kaum hält man inne, um auf Details zu schauen, tun sich dahinter schon neue Horizonte auf: „und es erstaunte mich immer wieder, wie die Sprache, die doch ganz und gar immateriell ist, fähig sei, die materielle Welt zu verwandeln […]“.

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