Ralf Dahrendorf setzt seine Hoffnung auf die globale, kosmopolitische Gesellschaft.

Die Befindlichkeit der Gesellschaft ist mies. Wo man auch hinschaut, der Mensch klagt - über Pensionen, Renten, die lahmende Kaufkraft oder die schleppende Konjunktur. Wie der einsame Rufer im Wald verkündet da Ralf Dahrendorf, dass es "uns noch nie so gut gegangen" sei. So habe sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Bruttosozialprodukt (zumindest) in den Industriestaaten "mehr als vervierfacht und mit 20.000 Dollar im Jahr eine erstaunliche Höhe erreicht", schreibt er.

Skandal der Ungleichheit

Das Buch "Auf der Suche nach einer neuen Ordnung" versammelt sechs Vorlesungen Dahrendorfs, die er in den Monaten nach dem 11. September gehalten hat. Mit der Frage nach der "neuen Ordnung" hat sich Dahrendorf, der Direktor der renommierten Londoner "School of Economics" war, ein weites Feld vorgenommen. Doch er liefert keine Lösungen, sondern zeigt, dass es Lösungswege gibt.

So gut es "uns" geht, Dahrendorf erinnert auch an den "Skandal der Ungleichheit", mit dem der US-Philosoph John Rawls die Tatsache von Tod durch Not und Armut in den Entwicklungsländern bezeichnet hat. Was ihn unmittelbar zur Kritik des dort herrschenden Systems der Unfreiheit führt: Hungerkatastrophen würden sich fast nie in Ländern mit Presse- und Meinungsfreiheit ereignen, notiert er, weil sie "im Kern nicht auf der Verfügbarkeit von Lebensmitteln, sondern auf dem Zugang zu diesen, damit den Anrechten der Betroffenen beruhen, die unter Bedingungen der Freiheit wirksam werden".

Was die Annahme provoziert, dass mit der Globalisierung, dem weltweiten Fluss von Kapital, ein neues, goldenes Zeitalter anbricht. Eine Chance, die Dahrendorf als Möglichkeit erkennt: "Wenn neue Kräfte verkrustete Strukturen zerbrechen, dann ist das zunächst eine Quelle der Hoffnung." Nur dass die Globalisierung die Trennung der Welt zementiert hat. Und zu katastrophalen Nebeneffekten führte, unter denen der Kollaps des "Neuen Marktes" noch der harmloseste war. Denn es gibt einen Punkt, "an dem Freiheit zur Anomie entartet", zur Gesetzlosigkeit des nackten Egoismus. Die entfesselte Welt gebiert den entfesselten Menschen, der nach Halt im Gleichen sucht: "Menschen, so scheint es, wollen unter ihresgleichen sein, denn nur dort fühlen sie sich angesichts einer grenzenlosen Welt voller Bedrohungen sicher." Und an immer mehr Orten der Welt erhebe die "ethnische Säuberung" ihre hässliche Fratze. Die Suche nach Homogenität, die Dahrendorf als irrlichternde Illusion identifiziert, führe zu Intoleranz: zu Unterdrückung nach Innen und Protektionismus und Aggression nach Außen.

Wir Menschen geben Sinn

Der Ausweg liegt für Dahrendorf in der Freiheit selbst. Es gibt "keinen Weltgeist", erteilt er Hegel eine Abfuhr und erklärt mit Kant: "Wir Menschen sind es, die der Geschichte Sinn geben." Und die Globalisierung könnte schaffen, was bislang utopisch war: die globale kosmopolitische Gesellschaft. Vielleicht hat er Recht und im 21. Jahrhundert wird eine "allgemeine Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" geschrieben. Zeit wäre es.

Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert.

Von Ralf Dahrendorf.

C.H.Beck Verlag, München 2003

160 Seiten, geb., e 14,90

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