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Sakralmusik aus Österreich

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In der Zeit vom 22. bis 30. Juni 1961 tagt in Köln der IV. Internationale Kongreß für katholische Kirchenmusik. Er hat seine Vorgänger 1950 in Rom, 1954 in Wien und 1956 in Paris, Im Hinblick auf das bevorstehende ökumenische Konzil erwächst dem Kölner Kongreß neben vielen anderen Themen auch das der Bedeutung der Kirchenmusik für die Erneuerung der Liturgie und der Wiedervereinigung der christlichen Konfessionen. Außer Zweifel steht, daß in diesen Belangen der Musik eine wesentlich mitgestaltende Aufgabe harrt. Soll aber ein Weg zur Erfüllung dieser missionarischen Aufgabe gefunden werden, muß man wohl auf den eigentlichen Sinn der Kirchenmusik, auf ihre durch eine landläufige Praxis vielfach überbaute und überschichtete Berufung zurückgreifen. In diesem Sinne aber bedeutet Kirchenmusik vor allem das zum Gesang gesteigerte Wechselgebet zwischen Priester und Gemeinde im liturgischen Gottesdienst, der Missa cantata. Die Mitwirkung der Gemeinde erscheint, auch wenn gewisse Gesänge dem geschulten Chor übertragen sind, unerläßlich. Denn das Missionare, besteht in der Mitberufung, nicht im Ausschluß der Gemeinde vom liturgischen Gesang. Daraus resultiert für die gesamte Haltung der Musik eine einfache, der überkomplizierten modernen Struktur entgegengesetzte Ausdruckswejse, die bisher nur schüchterne Ansätze gezeigt hat. Es fehlt nicht an anspruchsvollen, auch nicht an genialen Kompositionen, die an der Spitze der Musikentwicklung stehen und der Kirchenmusik ihren vordersten Platz darin sichern; aber es fehlt an schlichten, knapp formulierten Messekompositionen, die dem Miterleben und Mitwirken des Volkes zugänglich sind, ohne in die Untiefen des Epigonismus zu geraten. Ein im Gregorianischen Choral, vorgebildetes Prinzip,, eine Musik, die Priester. Schaft; und’-Volk zu, einer ringenden Einheit gestaltet und verbindet, sfili es wieder zff W neuern, vor allem im Choralgesang selbst, nicht anders aber in der Musik von heute. Damit soll weder die mehrstimmige Kirchenmusik geächtet noch den komplizierten und anspruchsvollen Kompositionen ihre Bedeutung und Berechtigung abgesprochen werden, im Gegenteil: landet doch jede Kunst- 1 musik im luftleeren Raum, wenn nicht das singende Volk den Boden ihrer Existenz, die Quelle des Lebens bildet.

Ist demnach für die Kongreßgottesdienste vor allem einstimmiger Gesang unter Mitwirkung der Gemeinde vorgesehen, und zwar ebenso Gregorianischer Choral als neue Kompositionen, wird gleichwohl auch der mehrstimmigen Musik weit über den liturgischen Rahmen hinaus breite Entfaltung ermöglicht. In beiden Sparten

Die echten Güter

O Gott, Du Schutzherr derer, die auf Dich hoffen, nichts ist stark, nichts heilig ohne Dich: schenk uns in reicher Fülle Deine Barmherzigkeit, damit wir unter Deiner Leitung und Führung so durch die zeitlichen Güter gehen, daß wir die ewigen nicht verlieren

(Kirchengebet vom S. Sonntag nach Pfingsten)

Wir können vor unserer Zeit nicht fliehen. Und wir können nicht leugnen, dafj die Güter dieser Zeit wirkliche Güter — bona — sind. Von den wenigen soll hier nicht die Rede sein, die der Ausnahmsgnade teilhaftig geworden sind, „alles für Kehricht zu erachten" und den steilen, den radikalen Weg zu gehen. Im übrigen sind auch die Mönche und Nonnen der „strengen Orden" keine Weltverächter im heidnisch-zynischen Sinn. Für sie ist das eine Licht Christi nur so stark geworden, dafj alle irdischen Hehler daneben erlöschen Aber bleiben wir bei uns, den Durchschnittsmenschen. Es hat keinen Sinn, uns selbst etwas vorzumachen. Ja, wir halten die zeitlichen Güter für gute, schöne und auch leidenschaftlich begehrenswerte Dinge: selbst das, was man früher etwas säuerlich das „Grob-Sinnliche“ zu nennen pflegte. Das Gebot der Kirche fordert uns zu keiner scheinheiligen Komödie auf. Wir sollen nicht darum beten, dafj wir von diesen zeitlichen Gütern „befreit” werden, und dabei Gott schwärmerisch oder hinterhältig ins Angesicht belügen. Denn wir haben zu diesen Gütern eine ist Österreich aufgerufen,, und es mag bedeutsam erscheinen, wie gerade Österreich, die Wiege der Zwölftonmusik und der seriellen Grundlagen (Webern), aber auch der kirchenmusikalischen Splendid-Isolation der Wiener Klassiker, in den beiden beim Kongreß zur Uraufführung kommenden Kompositionen richtige „Volksgaben“ zu bieten hat. Die Missa Choral i s für gemischten Chor, Volks- gesang und Orgel von Ernst T i 11 e 1 profiliert den an sich nicht neuen Typus der Alternatim-Messe in be-

soliderer Weise. Nach seinem schon vor Jahren unternommenen Versuch, Kirchenchor und Kirchengemeinde in einem Kunstwerk zusammenzufassen des aritiphonalen Problem . betont.

Durch die Intonation des Priesters erhalten Gloria und Credo ein liturgisch größeres Gewicht als die nicht- intonierten Ordinariumsteile, die sich in einfacheren musikalischen Formen bewegen. Dementsprechend hat Tittel in den Chorteilen des Gloria und Credo eine mehrstimmige thematische Ausdeutung der Choralmelodie gesetzt, während in allen anderen Gesängen der Chor als (einstimmige) Schola behandelt ist. Die mehrstimmigen Teile sind als „festivae laudes" der Choralmelodie anzusehen, die immer Vorbild bleibt. Besonders bemerkenswert scheint, daß es sich hier nicht um . eine auf Aphorismen beschränkte Mitwirkung des Volkes handelt; eher könnte man von einer Mitwirkung des Chores sprechen. Nach mehrfachen in- und ausländischen starke und elementare Neigung. Wir können sie nicht missen, und wir sind auch nicht bereit, haarscharfe Grenzen zwischen dem Notwendigen und dem Angenehmen zu ziehen. Den Puritanern Alt-Englands hat man nachgesagt, dafj sie sich bemühten, das Essen etwa als einen notwendigen Vorgang zu betrachten und es möglichst ohne Lustgefühle zu absolvieren. Wir sehen keinen Sinn in solcher seelischer Buchhalterei. Aber wir wissen, dafj wir diese Güter besitzen, nicht von ihnen besessen werden sollen. Und wir wissen, dafj gerade diese innere Unterscheidung so schwer ist, dalj wir der Gnade Gottes, Seiner „Leitung und Führung" bedürfen, um dies täglich und stündlich zu vermögen. Wir stehen als Menschen von Fleisch und Blut in einem Paradox, das wir aushalfen müssen. Es gibt keine kurzschlüssige, einseitige Lösung, zu der uns der eigene Verstand immer wieder zu verführen droht. Wir wissen, dafj das Verfallensein in die Güter dieser Welt Sturz in die Verdammnis bedeutet, aber wir haben dennoch kein Rechf, diese Güter selbst zu verachten oder auch nur abzuwerten. Die in Worten sonst so sparsame Liturgie verdoppelt ihren Ausdruck, wenn sie von „Führung und Leitung” spricht. So sehr, so überaus stark sind wir auf Gotfes Hilfe angewiesen, nicht nur in der einmaliqen, abstrakten „Entscheidung", sondern in steter Situation.

Versuchen, die Gemeinde an der Missa cantata zu beteiligen, ist nun hier in der Tat der eingangs aufgezeigte Idealtyp einer Messekomposition geschaffen, der Priester, Chor und Gemeinde liturgisch wie musikalisch (und stilistisch) zu einer Einheit des Gesanges zusammenfaßt, und der, was sehr zu wünschen ist, fruchtbringend weiterwirken dürfte, zumal die technischen Anforderungen an die Ausführenden selbst in kleinen Verhältnissen durchführbar sind. Ernst Tittel, dem bewährten Helfer der Kleinen, ist mit der Missa Choralis ein für die kirchenmusikalische Zukunft (und Gegenwart) sehr bedeutendes Werk gelungen. Die Uraufführung erfolgt in Köln am 26. Juni.

Das Oratorium „M a r i a“ von Joseph Kronsteiner gehört nicht der Musik des liturgischen Gottesdienstes zu, verhält sich gleichsam wie eine Predigt zur Messe. In der Tat kann man von einer klingenden Predigt sprechen, darin das Lehrhafte in der tönenden Anschauung liegt. So wie nach dem Ausspruch des Komponisten Gott selbst das Bild Mariens zeichnete in den Gleichnissen der Vorzeit, in der geschichtlichen Wirklichkeit und in der ewigen Verklärung, hat Kronsteiner in priesterlicher Demut aus Bibel, Brevier, Kirchenvätertexten, Liturgie und Lauretani- scher Litanei dieses Bild nachzuzeichnen versucht. Das Oratorium besteht aus den beiden Teilen: Altes und Neues Testament. Der Beginn der Komposition reicht in das Jahr 1953 zurück. Sie ist als Dankgabe an Maria nach dem großen Krieg empfunden. Aus einer Reihe von noch unaufge- führten Werken lebender Komponisten wurde Kronsteiners Oratorium zur Uraufführung im Rahmen des Kölner Kongresses ausgewählt. Es benötigt vier Solisten, Chor. Orgel und symphonisches Orchester. Letzteres wird von den,., am 27. fluni im Gürzenichsaal. Die Partitur des Werkes liegt mir leider nicht vor. Soweit ich indes Einblick gewinnen durfte, handelt es sich um das bisher bedeutendste Werk Krorf- steiners, gewissermaßen um sein Lebenswerk. Der in seiner Musik längst profilierte Komponist dringt hier zur höchsten Gestaltung seiner Voraussetzungen vor, zur Rundung seiner stilistischen und ausdrucksmäßigen Gegebenheiten, die vor allem durch einen Zug zum Schlichten, Volkhaften gekennzeichnet sind, dem sich, etwa von der Linie Johann Nepomuk Davids her, neue, kühne, zuweilen herbe Linienführungen gesellen, vielfach aber unterordnen, so daß der Hörer vielleicht gelegentlich verblüfft, niemals jedoch unsicher wird. Alle Eingebungen Kronsteiners erfließen aus einer tiefen Gläubigkeit, die. kindlich und priesterlich zugleich, dem fröhlichen Vertrauen meist näher steht als der mystischen Versenkung. Zwei Wege zum gleichen Ziel der Verinnerlichung, zwei musikalische, missionare, apostolische Wege zu Gott; zwei Werke geistlicher Musik, eines für die Kirche, eines für die Welt, beide für das Volk.

Man schreibt uns aus Rom

Vor bald einem Vierteljahr, am 17. Mörz dieses Jahres, verbreitete die Katholische Nachrichten-Agentur in Bonn eine Meldung aus Rom, von der man hätte annehmen müssen, daß sie gerade im Vorfeld des Ökumenischen Konzils Aufsehen erregen würde. Aber offenkundig waren die Zeitungen in diesen Tagen just mit anderen Dingen beschäftigt, und so blieb es der breiten Öffentlichkeit verborgen, daß das Päpstliche Orientalische Institut in Rom den Interessen eines Warenhauskonzerns geopfert werden soll. Nicht einmal in der wissenschaftlichen Welt erhob sich ein Proteststurm,

Und doch ist heute das Gebäude,

in dem neben dem Orientalischen Institut auch das Päpstliche Lombar dische Seminar und das Päpstliche Institut für christliche Archäologie untergebracht sind, von Rechts wegen bereits Eigentum des Warenhauskonzerns mit dem hochtrabenden Namen „La Rinascente". Wenn nicht, worauf die Freunde des römischen

Stadtbildes ebenso hoffen wie die Vor- kämpfer für die christliche Einheit, die römische Stadtverwaltung in allerletzter Minute die Baubewilligung verweigert, so wird man in Kürze an der Stätte, an der bisher die Weisheit des christlichen Ostens studiert wurde, Büstenhalter und Nachttöpfe verkaufen, zwischen denen im nächsten Heiligen Jahr sicherlich auch das Bild des dann regierenden Papstes seinen Platz finden wird.

Niemand wird behaupten wollen, daß das Gebäude des Orientalischen Instituts künstlerischen Wert hat; vom Standpunkt der reinen Denkmalpflege ist gegen seinen Abbruch sicher nichts einzuwenden. Da aber das Gebäude unmittelbar neben der Basilika Santa Maria Maggiore liegt, die als eine der vier Patriarchalbasiliken immerhin zu den wichtigsten Kirchen der Christenheit gehört, ist wohl auch die Frage in Betracht zu ziehen, ob durch den Bau eines Wolkenkratzers mit Verkaufslokalen. nicht das gesamte Platzbild s£itätt.. wild - Hjldi pb. Jet , Vei des uMten Gebäudes sich mit der Würde einer Patriarchalbasilika vereinbaren läßt. Dìe Antwort kann nur negativ ausfallen. Erlaubt inan ein Warenhaus an der Piazza Santa Maria Maggiore, so ist zu einem Warenhaus zwischen den Kolonnaden des Petersplatzes nur noch ein Schritt, und nicht einmal ein sehr großer.

Dabei sind aber die Argumente städtebaulicher Art, die sich gegen das Projekt finden lassen, noch verhältnismäßig geringfügig gegenüber jenen, die aus dem Bereich der Wissenschaft, fa aus dem der ökumenischen Arbeit kommen. Das Päpstliche Institut fiir orientalische Studien, errichtet am 15. Oktober 1917 von Papst Benedikt XV. und seither als Teil der Gregoriana den Jesuiten anvertraut, ist die wichtigste katholische Forschungs- stätte für die Kenntnis der Ostkirchen, denen gerade die Aufmerksamkeit Papst Johannes’ XXIII. in so hohem Maße gilt. Es verfügt über eine umfangreiche Spezialbibliothek, die auch von den im Nebenhaus untergebrachten Jesuitenpatres des Russicum mitbenützt wird. Muß das Institut dem Warenhaus weichen, so erfordert allein die Übersiedlung und Neuaufstellung der Bibliothek, abgesehen von den sonstigen Adaptierungsarbeiten, mehrere Jahre. Dies bedeutet aber, daß, wenn nicht noch die römische Stadtverwaltung eingreift, just während des Ökumenischen Konzils zwei der wichtigsten katholischen Forschungsstätten für die Ostkirche, nämlich das Orientale und das Russicum, den Konzilsvätern überhaupt nicht oder nur in sehr beschränktem Maße zur Verfügung stehen werden.

Während das Lombardische Seminar außerhalb Roms, in der Ortschaft Casetelletto, untergebracht werden soll, ist fiir das Orientalische Institut und das Institut für christliche Archäologie der durch die Übersiedlung der römischen Kongregationen in die neuen Gebäude am Eingang des Petersplatzes freigewordene Palazzo San Callisto vorgesehen. Leider liegt jedoch dieser Palast vollkommen abseits vom geistigen Leben der kirchlichen Unterrichtsanstalten Roms und hat, als Bürogebäude errichtet, keine einzige von den Voraussetzungen, die für eine Hochschule notwendig sind.

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