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Scharfkantiges Licht im Dunkel

Schroff, zerfurcht öffnen sich Räume des Bedenkens in Ernst De-gasperis Federzeichnungen. In unvollständigen Kreisen ringen scharfkantige Ströme des Bösen und Kräfte des Guten, des aufrechten Gewissens, miteinander. Die zwölf Bilder des „Zyklus zur Unterscheidung der Geister” sind schwarz und weiß -ähnlich der Kapelle der Wiener Katholischen Hochschulgemeinde, wo sie derzeit ausgestellt sind.'

Nicht allein deshalb überzeugt die Wahl des Ortes. Zudem zeigen die Kunstwerke am Beispiel des Lebens und Martyriums Franz Jägerstätters die grundsätzliche Dramatik und die nötige Entschiedenheit im menschlichen Leben, zumal im christlichen.

Dieses prophetische Moment drückt sich in hart brechenden Formen aus - doch von einer bizarren Schönheit, wie die Salzstöcke von So-dom am Toten Meer. Dort zeichnete Ernst Degasperi den Zyklus, in sengender Hitze und unter Schmerzen. Denn er will nicht bequem leben. Vielmehr kämpft er engagiert gegen die Verschleierung des Bösen, wie in der Perversion des Verbrechens zur Moral durch den Nationalsozialismus, auch gegen schleichendes Böses heute wie etwa Lepra auf den Philippinen oder Umweltzerstörung.

Päpste schätzten seine Werke ebenso wie das Israel Museum in Jerusalem oder Teddy Kollek, der die letzte Ausstellung des Zyklus in der

Holocaust-Mahnstätte Yad Vashem eröffnet hatte.

Wegen „Zersetzung der Wehrkraft” enthaupteten die Nazis Franz Jägerstätter am 9. August 1943 in Brandenburg. Der Innviertier Bauer hatte sich geweigert, für Hitler in den Krieg zu ziehen. Seine Überzeugung war, daß die Verantwortung des einzelnen für sein Handeln unabtretbar ist. Auch in kollektiven Strukturen mit Gehorsamspflicht, auch dann, wenn der Nutzen des Gewissensaufstandes minimal ist. Das hat eine gleichermaßen aktuelle Botschaft, in ei-, ner Zeit, da Verantwortung gerne auf sanftere Weise, jedoch auch an Strukturen und „Sachzwänge”, abgegeben wird.

Es geht um nichts weniger als die

Würde des Gewissens und des Individuums.

In seinen Aufzeichnungen bezeugt der Märtyrer, dessen Seligsprechungsverfahren 1994 eingeleitet wurde, das religiöse Moment und Fundament seiner Gewissenserfahrung: „Offensichtlich zeigt Gott manchmal seine Kraft, die er den Menschen zu geben vermag, die ihn lieben und nicht das Irdische dem Ewigen vorziehen. Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind es imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen und ihm seinen freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar”.

Einem ähnlichen Anliegen dient eine zweite Ausstellung Degasperis, die derzeit läuft: Im Parlament sind der Zyklus „Die Bergpredigt” und Bilder zu „Passion und Auferstehung” zu sehen.

Die Ausstellung der Ilochschulgemein-de (1010 Wien, Ebendotferstr. 8) ist geöffnet bis 20. März- 8-12,14-18 Uhr. Hinweis: Am Dl, 20. 5. 97, 18 Uhr, feiert Erzbischef Christoph Schönborn OP in der Votivkirche eine Pontifikal-vesper zur Feier des 90. Geburtstages von Franz Jägerstätter.

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