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"Schneller, als man denkt"

Regisseur Dennis Gansel über "Die Welle" im Deutschland des Jahres 2008, die Selbstüberschätzung der Gesellschaft, den Überdruss der Jugend am Zeitgeschichte-Unterricht und die Erotik der Macht.

Erst 35 Jahre ist er jung. Mit der filmischen Aufarbeitung des Themas Nationalsozialismus ist der deutsche Regisseur Dennis Gansel freilich schon vertraut: Im Jahr 2005 setzte er sich im vielfach ausgezeichneten Streifen "Napola. Elite für den Führer" mit einer Nazi-Eliteschule auseinander. Die Neuverfilmung von Morton Rhues Jugendbuch-Klassiker "Die Welle" (siehe Filmkritik unten) ist nun Gansels vierte Produktion - nach "Napola", "Mädchen Mädchen" und "Das Phantom". Im Vorfeld der Premiere von "Die Welle" kam der Regisseur nach Wien und stand der Furche für ein Interview zur Verfügung.

Die Furche: Herr Gansel, warum haben Sie sich zu einer Neuverfilmung von "Die Welle" entschieden?

Dennis Gansel: Zunächst stand für mich einfach die Frage im Raum: Wie kam es dazu? Aber ich finde gleich danach kommt die zweite Frage: Wie sähe es denn mit mir aus? Wäre das heutzutage noch möglich, dort wo ich aufgewachsen bin? Das haben wir uns dann gefragt. Wir wissen heute viel über das Experiment, aber wir halten uns trotzdem für so aufgeklärt, dass wir sagen, dass so etwas heutzutage nicht mehr möglich wäre. Die Idee ist nämlich wirklich genau in einer solchen Diskussion entstanden, als ich einmal mit Peter Thorwart (Regisseur von "Bang Boom Bang" und "Was nicht passt, wird passend gemacht", Anm.) und Christian Becker (Filmproduzent von "Die Welle", Anm.) beim Abendessen saß. Am Anfang dachten wir, es würde heute nicht mehr funktionieren. Aber je länger wir darüber nachgedacht haben, desto wahrscheinlicher wurde es. Wir haben gedacht: Was ist, wenn man das überhaupt nicht politisch aufzieht, sondern einfach mit Uniformen die Gemeinschaft stärkt. Oder einfach mit T-Shirts und Jeans als Uniformen. Und was ist, wenn derjenige, der das macht, nicht so ein Lehrer-Typ ist, sondern ein charismatischer Mensch, Jürgen Vogel zum Beispiel. Das haben wir dann so spannend gefunden, dass wir es einfach gemacht haben.

Die Furche: Ist es gerade dieses Bewusstsein, davor gefeit zu sein, das eine Dynamik wie "Die Welle" möglich macht?

Gansel: Ich denke, genau darin liegt die große Gefahr, dass man sich selbst für so ausgebildet und clever hält, dass man der Versuchung nicht unterliegen würde. Aber ich glaube, dass es jedem passiert. Das sieht man ja auch im Dritten Reich, wo es in dieser Hinsicht keine Unterschiede zwischen den sozialen Schichten gab. Was in "Die Welle" in der Klasse passiert, sind ja per se gute und einfache Dinge. Der Konkurrenzdruck in der Klasse soll abgeschafft werden, ganz einfache Uniformen, sie wollen einfach Spaß haben. Bis zur Minute 80 des Films ist das alles nicht so schlimm. Im Grunde ist es doch gut, dass der Außenseiter Tim endlich einmal Freunde hat. Ein gutes Beispiel sind auch die Uniformen. Weißes Hemd und Jeans für einen Tag sind eigentlich keine große Sache. Bloß wenn sie dann zusammenkommen, merke ich, das ist was aggressives, davon geht eine Bedrohung aus. Diese Erfahrung haben wir auch bei den Dreharbeiten gemacht. 150 uniformierte Komparsen - und Jürgen Vogel hält auf der Bühne seine Rede und verlangt, dass sie ihm den Verräter, Max Riemelt, hinaufbringen: Wir haben gedacht, wir müssen das richtig inszenieren, aber da war eine unglaubliche Stimmung. Sie haben ihm fast die Kleider vom Leib gerissen, wir mussten sie richtig zurückhalten - alles nur durch die Energie eines Raums mit 150 Leuten, ein Projekt, nämlich der Film, und Jürgen Vogel auf der Bühne. Das geht schneller, als man denkt.

Die Furche: Sie haben mit dem eigentlichen Urheber des Experiments, Ron Jones, zusammengearbeitet. Wie sieht er das heute?

Gansel: Das Schlimme für ihn war nicht so sehr das Experiment an sich, sondern dass er selbst so leicht zu verführen war. Er hatte das Gefühl, dass er diese Erotik der Macht, diese Bewunderung, die ihm entgegengebracht wurde, irgendwann genossen hat. Er war ja ein richtiger Hippie, ein extrem liberaler Typ, der dann nach vier Tagen festgestellt hat: Ich finde das geil, dass alle meinen Nachnamen sagen. Ich finde das geil, dass ich in einen Raum komme und es ist endlich mal Ruhe. Ich liebe es, bewundert zu werden. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, das hätte mir nicht gefallen. Das hält er nach wie vor für den schlimmen Aspekt daran. Und darüber hinausgehend die Überlegung: Die Sachen, die wir gemacht haben, die waren so einfach, so billig teilweise auch, aber so extrem wirksam, dass es heute auch noch funktionieren kann. Und dieser Gedanke ist erschreckend.

Die Furche: Im Vergleich zum Buch und zum ersten Film, wo das Experiment verhältnismäßig glimpflich ausgegangen ist, kommt es in Ihrer Version am Schluss zu einem Gewaltexzess. Wozu diese Übertreibung? Nimmt das dem Film nicht die Brisanz des wirklich Geschehenen?

Gansel: Ich wollte ja keine Dokumentation über das Original-Experiment machen. Bei mir geht es darum, die Prämissen des Experiments in die heutige Zeit zu verlegen und zu überlegen, wie das heute ablaufen würde. Ich habe als Filmemacher dieses Ende als realistischer für die heutige Zeit - ein deutsches Gymnasium im Jahr 2008 - empfunden als das Original. Außerdem glaube ich, dass man als Filmemacher eine Verantwortung hat. Ich finde, dass "die Welle" bei uns so verführerisch rüberkommt, dass es in unserer Verantwortung liegt, einen deutlichen Schlussstrich zu ziehen, der keinerlei Fragen offenlässt und der diese Faszination, die "die Welle" vor allem bei Jugendlichen hat, deutlich bricht.

Die Furche: Glauben Sie persönlich auch, dass die Jugendlichen von heute des Themas Nationalsozialismus überdrüssig sind, wie es im Film angedacht wird?

Gansel: Ich denke schon. Mich selbst hat das Thema immer sehr interessiert, ich habe auch einen Geschichte-Leistungskurs belegt. Aber selbst in diesem Leistungskurs kann ich mich noch ganz genau an die Reaktion erinnern, als es hieß, wir machen Faschismus als Abiturthema. 80 Prozent der Leute haben gestöhnt: Nicht schon wieder! Dann doch wenigstens italienischer Faschismus, nicht schon wieder Drittes Reich.

Die Furche: Woran liegt das?

Gansel: An der Art der pädagogischen Umsetzung. Das Thema wird zu trocken behandelt. "Schindlers Liste" ist da ein gutes Beispiel. Egal was man vom Film und seiner Umsetzung halten mag, aber nach "Schindlers Liste" hat man einen anderen Bezug zur deutschen Geschichte als vorher nur durch Quellenstudium. Weil es einen auf eine andere, emotionale Art packt. Man muss das Thema, gerade weil es so wichtig ist, pädagogisch anders angehen. Vielleicht kann ja ein Film wie "Die Welle" helfen, der sich in seiner Machart besonders an jugendliches Publikum wendet - und trotzdem brennende Fragen aufwirft. Das würde ich mir wünschen.

Das Gespräch führte Michael Weiß.

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