Felnhofer - © Foto: Nina Rechnitze

„Schnittbild“ von Anna Felnhofer: Aus der Spur

1945 1960 1980 2000 2020

Eine neue Kühnheit: Die Psychologin und Wissenschafterin Anna Felnhofer legt mit „Schnittbild“ ihr Prosadebüt vor.

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Eine neue Kühnheit: Die Psychologin und Wissenschafterin Anna Felnhofer legt mit „Schnittbild“ ihr Prosadebüt vor.

E s ist normal, dass sich Literatur um all das kümmert, was nicht normal ist. Das verhält sich im Fall der österreichischen Psychologin Anna Felnhofer, die ihren ersten Roman geschrieben hat, nicht anders als bei anderen Menschen, die Bücher schreiben. Als eine, die sich mit psychischen Auffälligkeiten beschäftigt, ist es für sie sowieso normal, sich jenen zuzuwenden, denen die Normalität entglitten ist. Die Figuren in Felnhofers Roman sind aus der Spur geraten. Allein finden sie nicht zurück, also sind sie auf professionelle Hilfe angewiesen. Zwei Mädchen in der Klinik, eines gefährdet sich selbst, wenn es sich die Arme ritzt. In einer Klinik soll der Weg in den Alltag bereitet werden. Die Frau eines Mannes ist im Urlaub verschwunden, mit zwei Kindern ist er von einem Tag auf den anderen allein. Das reicht für ein Trauma, er sucht eine Psychologin auf.

Verschiebungen im Seelenhaushalt

Vier Episoden erzählt Felnhofer, die unabhängig voneinander gelesen jeweils das Psychogramm einer Verstörung ergeben. Und doch hängen die Geschichten miteinander zusammen durch die Figur der Therapeutin, die jedes Mal ihren Auftritt bekommt. Die Form ist die Aussage. Einen Roman zu schreiben, der sich gemächlich voranarbeitet, um das Gefüge einer sich sinnvoll entwickelnden Welt aufscheinen zu lassen, liegt Felnhofer fern. Das würde einen den Fortschritt favorisierenden Blick auf die Wirklichkeit begünstigen und das Konzept von Ursache und Wirkung bestätigen. Felnhofer erhebt Einspruch, indem sie dem Zufall eine größere Rolle einräumt. Allein wie Leute zusammenkommen, die für längere Zeit miteinander auszukommen sich geeinigt haben, ist nicht kalkulierbar. Lena verlässt Fabjan und hinterlässt ihm einen Zettel einer Psychotherapeutin. Nach inneren Widerständen sucht er die Dame auf, und auf Zeit entwickelt sich ein neues Verhältnis von Vertrauen und Zugehörigkeit.

Es sind diese Verschiebungen im Seelenhaushalt, auf die sich Felnhofer spezialisiert hat. Was geschieht mit jemandem, der in einer Krisensituation steckt und gezwungen ist, seine Zukunft neu auszurichten. Jeder trägt eine Geschichte der Prägungen mit sich, die aus individuellen Erfahrungen ebenso gespeist ist wie aus Leseerfahrungen und kulturellen Gepäckstücken. Mit diesem Rüstzeug, das sich einer angesammelt hat, begegnet er der Welt und reagiert auf die Herausforderungen, die sein Ich auf die Probe stellen. Dieser innere Kern ist es, der einen Menschen bei Felnhofer eigentlich ausmacht. Und der steuert auch die Reaktionen, um sich aus auferlegten Miseren herauszubewegen. Mit Anna Felnhofer, geboren 1984 in Wien, betritt eine Autorin die Bühne der Literatur, die eine neue Kühnheit mitbringt. Sie spricht von der Wirkmacht der Psyche auf Verhalten und Leiden und bedient sich dabei einer bilderreichen, zugegeben: manchmal übers Ziel schießenden, Sprache. Sie ist eine singuläre Erscheinung, und das bedeutet eine eigene Qualität des Schreibens. Sie stand auf der Shortlist für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises, ihre Besonderheit wurde bemerkt.

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