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Sechs typische Österreicher

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Hans Weigel ist vielen schon seit vielen Jahren als „Fachmann in Austriaca“ bekannt. Seine Essays und Studien, Satiren, Glossen und Zeitungsartikel umfassen österreichisches von seinen Anfängen bis in die jüngste Gegenwart. In allen seinen Arbeiten erweist sich Weigel nicht nur als ein überaus kenntnisreicher, beschlagener und versierter, sondern auch als ein enragiert-selbstkritischer Österreicher. Er ist ein Spezialist im Auffinden und Aufzeigen verpatzter Anlagen und verpaßter Gelegenheiten. Doch bei der Darstellung solcher Fakten siegt oft der Polemiker, der Ankläger über den Elegiker (der Weigel natürlich auch ist).

Welches sind nun, nach Weigel, die Grundzüge des österreichischen Künstlers und seiner Umwelt? Es ist das Nichtwahrnehmen des großen Talents, der großen Verheißung, die Affinität für das Scheitern, das „Offenlassen“ statt des endgültigen Abschließens, es ist das Mißverstandenwerden und das Sichselbstmiß-verstehen. Österreich aber erscheint nicht nur als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten (wie es uns vor allem Herzmanowsky-Orlando gezeigt hat), sondern auch als das Land der prekären Verwirklichungen, der halb- und ungelösten Lebensprobleme. Und wie im Leben — so in der Kunst. Das versucht Weigel an sechs Künstlern des 19. Jahrhunderts zu exemplifizieren.

Die Studie über Schubert, den Großen, immer noch nicht in seiner ganzen Genialität Erkannten, führt den Untertitel „Die Flucht aus der Biographie“. Dieses bescheidene Künstlerleben mußte, nach Weigel, 896mal für Schubert-Filme herhalten, die jedoch von der Operette „Das Drei-mäderlhaus“ nach dem Roman „Schwammerl“ von Rudolf Hans Bartsch noch beträchtlich unterboten wurden. Dabei — was für ein Leben, welche Leistung, welch eruptive Begabung, wenn man Schuberts arme 31 Jahre neben die 83 Goethes hält! Weigel hat sich ausgerechnet, daß, wäre Schubert so alt geworden wie Goethe, er nur 20 Jahre nach Gustav Mahlers Geburt gestorben wäre, 18 nach Debussys, sechs nach Schönbergs, ein Jahr vor Bartdks und zwei Jahre vor Strawinskys Geburt. Er hätte der Lehrer Regers, Busonis und Pucoinis sein können ... Das sind so echt Weigelsche Einfälle, die den Leser zum Nachdenken zwingen.

Raimund — das ist „die Flucht in den Zwiespalt“. Die Antithesen heißen: Reflexion und Intuition, Parodie und Seriosität, Tragik und Heiterkeit, Volkstümlichkeit und Bildungsdichtung usw. Als er Grillpar-zers „Traum ein Leben“ sah, sagte er: „Sehen Sie, das habe ich immer wollen. Es ist ewig schade um mich...“

Nestroy steht unter dem Motto „Flucht in die Vorstadt“. Die Studie über Grillparzer hat dem Band den Namen gegeben und ist wohl die am meisten polemisch geratene, ungerechteste, am leichtesten widerlegbare. Fast hat man den Eindruck, als ginge es hier mehr um eine Polemik gegen Hofmannsthal, der Grillparzer so überaus hoch schätzte, als gegen den Dichter des „Bruderzwists“. Hier scheint Weigels Urteil nicht immer sehr sicher zu sein, denn was er zum Beispiel als groß und gelungen zitiert, was als stümperhaft, ist zuweilen austauschbar. Auch genügt es nicht, das Ansehen Grillparzers einfach mit dem Bedürfnis Österreichs nach einem Klassiker zu erklären. Und daß Grillparzer aus seiner Biographie, unter Umgehung des Olymp, geradewegs in dde Lesebücher geraten sei — dafür kann ja wohl Grillparzer selbst am wenigsten ...

Hat man sich bei Grillparzer ein wenig geärgert, so erholt und erfreut man sich uneingeschränkt an der Darstellung Stifters: ein schönes Zeugnis respektvoller Liebe und aus Sympathie entsprungener Verehrung. Dieser Essay und der letzte, über Johann Strauß, der viel neues Material bringt, ist etwa doppelt so lang wie jede der ersten vier Studien. Diesen Strauß-Essay will sich der Rezensent noch einmal, zu einem späteren Zeitpunkt, in Ruhe vornehmen und dann erst sein Urteil sagen.

Der am Ende der Strauß-Studie angebrachte Vermerk „Wien, Frühjahr 1958 bis Frühjahr 1960“ bezieht sich wohl auf die ganze Sammlung, die somit zehn Jahre alt ist. So bleibt nur zu bestätigen, daß alle diese brillant geschriebenen Studien nichts von ihrer Frische verloren haben. Aber vielleicht würde Weigel heute manches ein wenig anders sagen.

FLUCHT VOR DER GRÖSSE. Sechs

Variationen über die Vollendung im Unvollendeten. Von Hans W ei gel. Residenz-Verlag, Salzburg. 301 Seiten, S 148.—.

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